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Hann Münden Bürger gedenken der jüdischen Opfer des Naziterrors in der Dreiflüssestadt
Die Region Hann Münden Bürger gedenken der jüdischen Opfer des Naziterrors in der Dreiflüssestadt
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15:53 09.11.2019
Sarah Schnieder (v.l.), Stefan Schäfer, Harald Wegener und Julia Bytom haben die Gedenkfeier in Hann. Münden gestaltet Quelle: Michael Caspar
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Hann. Münden

An die Schrecken der sogenannten Reichspogromnacht haben am Freitagabend in Hann. Münden 60 Bürger erinnert. Nach Ansprachen im Rathaus kamen sie schweigend an der Gedenkstele hinter dem Gebäude zusammen.

„Die Synagoge in Hann. Münden ist bereits am Abend des 8. Novembers 1938, einen Tag vor den deutschlandweiten Pogromen, verwüstet worden“, berichtete Bürgermeister Harald Wegener (Bürgerforum Hann. Münden) seinen Zuhörern im unteren Rathaussaal. Über die Gewalttaten jener Novembernacht sprachen zwei Mitarbeiter des Stadtarchivs, Sarah Schnieder und Stefan Schäfer.

Die Mündener Synagoge befand sich seinerzeit in einem rückwärtigen Gebäude an der Hinterstraße 7, erzählte Schnieder. Eine Gruppe SA-Männer in Uniform stürmte das Haus, schlug den Thoraschrein in Stücke, riss die handgeschriebene Schriftrolle heraus, stieß Bänke um und zertrümmerte Scheiben. Da die Gewalttäter das Gebäude aufgrund der dichten Bebauung nicht anstecken konnten, schleppten sie das Inventar des Gotteshauses auf den Tanzwerder und verbrannten es dort.

Die SA-Männer zerstörten auch Geschäfte jüdischer Einzelhändler, drangen in Wohnungen von Juden ein, stießen die Schränke um und trieben Bewohner im Nachthemd auf die Straße. Doch damit endete der Terror nicht. Zwei Tage nach den Gewalttaten nahm die Polizei nicht etwa die Täter, sondern 22 Mündener Juden im Göttinger Gerichtsgefängnis in „Schutzhaft“.

1933 lebten 100 Juden in Hann. Münden

Wie sich der Nationalsozialismus auf das Leben der rund 100 Juden in Hann. Münden auswirkte, schilderten Schnieder und Schäfer am Beispiel zweier jüdischer Familien, der Grünklees und der Hammerschlags. Das Ehepaar Grünklee lebte 1938 im Haus der Synagogengemeinde. Kaufmann Max Grünklee gehörte zu den Männern, die am 10. November in Schutzhaft genommen wurden. Das Ehepaar konnte mit Unterstützung einer jüdischen Hilfsorganisation im September 1940 über Polen, Russland und Japan in die USA fliehen. Sie bauten sich in New York eine neue Existenz auf. Der Bruder von Max Grünklee blieb in der Dreiflüssestadt zurück. Er wurde 1942 deportiert und hat wahrscheinlich das Warschauer Ghetto nicht überlebt.

Schäfer sprach über Amelie Hammerschlag, eine Witwe, die ihre beiden Kinder alleine großziehen musste. Sohn Heinz Hammerschlag wanderte 1936 in die Republik Südafrika aus, wo er eine Familie gründete. Seine Mutter, die Schwester und deren Mann wurden – ihres Besitzes beraubt – 1942 wie der Bruder von Grünklee ins Warschauer Ghetto deportiert. Nach dem Krieg betrieb Heinz Hammerschlag von Afrika aus ein Entschädigungsverfahren.

Verein „Erinnerung und Mahnung“

Hammerschlag ließ die Erinnerung an die alte Heimat nicht los. Er reiste als 55-Jähriger zusammen mit seiner Frau nach Hann. Münden. Dort gab er sich nicht zu erkennen, sondern schaute sich nur um. 25 Jahre später schrieb er die Stadt an und bat um Unterstützung einer Reise. Der Verein „Erinnerung und Mahnung“ übernahm im Juni 1996 die Betreuung. Dankbar sagte Hammerschlag damals: „Ich habe keine Worte, Sie sind alle so lieb zu mir, als ob wir eine Familie wären.“

Er teilte mit Vereinsmitgliedern Kindheitserinnerungen. Der Hotelier der Schlossschänke brachte ihm einst vom Schlachtefest eine Wurst mit. Die Mutter warf sie schimpfend aus dem Fenster. Es war Wurst vom Schwein und damit unrein. Hammerschlag wechselte mit einem Vereinsmitglied, Jutta Schormann, bis 2001 Briefe. Da war er 87 Jahre alt. In einem Schreiben hieß es: „Ich bin so froh, liebe Jutta, habe ein Foto von meinem Geburtshaus, wo Du mit drauf bist, so sehe ich Dich täglich, liebe Jutta. So verbleibe ich mit den aller herzlichsten Grüßen bei Euch. Euer liebender Freund Heinz.“

„Klare Kante“ gegen Rechtsextremismus

Die meisten Täter aus der Zeit des Dritten Reichs seien mittlerweile gestorben, ihre Nachfahren trügen die Verantwortung für die Geschichte ihre Nation, erklärte Bürgermeister Harald Wegener (Bürgerforum Hann. Münden) am Freitagabend während der Gedenkveranstaltung im Alten Rathaus. Möglich geworden sei die Schoah, die Ermordung der Juden, durch das tatenlose Zusehen der schweigenden Mehrheit in Deutschland. Sich das immer wieder klar zu machen, sei „sinnvoll und notwendig“.

Wegener appellierte daher an seine 60 Zuhörer, „klare Kante“ gegenüber Rechtsextremismus zu zeigen. Das sei „Bürgerpflicht“. Der Bürgermeister warb für Toleranz und Mitgefühl gegenüber ausgegrenzten Minderheiten. Das sei die Voraussetzung für ein „friedliches Miteinander“. Von den staatlichen Organen erwarte er ein „konsequentes Durchgreifen“ bei rechtsextremer Gewalt. Dieser Forderung schloss sich Stadtarchivar Stefan Schäfer mit Blick auf den Attentäter von Halle und den Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten an.

Tageblatt-Links zum Thema:

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Von Michael Caspar