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Hann Münden Folke Ludewig läuft 40122 Kilometer quer durch halb Westeuropa
Die Region Hann Münden Folke Ludewig läuft 40122 Kilometer quer durch halb Westeuropa
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15:52 21.08.2018
Folke Ludewig, nördlich von Sevilla, unterwegs auf der N 630 Richtung Merida.
Folke Ludewig, nördlich von Sevilla, unterwegs auf der N 630 Richtung Merida. Quelle: r
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Bad Sooden-Allendorf/Hemeln

„2003 bin ich eines Abends am Werra-Ufer entlanggeschlendert und habe mich gefragt: Wann bist du das letzte Mal richtig gegangen?“ Ein paar Wochen zuvor hatte er vom Jakobsweg für Pilger gehört. Am Fluss sprang der Funke endlich über. „Ich war fasziniert von der Idee, mir ein Ziel zu setzen und es zu erreichen.“

Rechnerisch die Welt umrundet: Folke Ludewig. Quelle: Stefan Kirchhoff

Jetzt hatte der Freiberufler („Ich bin meine eigene Leiharbeitsfirma.“) einen Anreiz im Alltag: arbeiten, um loszuziehen. 2006 begann er die erste Etappe: von Weil am Oberrhein bis zum Kap Arkona. Während Klinsmanns Jungs Richtung WM-Bronze dribbelten, erlebte er sein persönliches Sommermärchen, lief „1200 Kilometer. Eine unglaublich schöne Tour. Ich hab‘s gespürt: Das ist mein Ding, das kommt von innen heraus, das gehört zu meinem Leben. Das lebe ich jetzt aus.“

Folke Ludewig zieht seinen Karren durch Acebo – nahe der portugiesischen Grenze, 300 Kilometer westlich von Madrid. Quelle: r

2007: Der erste „große Euromarsch“

Den „ersten großen Euromarsch“ startete Ludewig ein Jahr später im Februar: In Lagos (Süd-Portugal) ging er los, in Torsby (Süd-Schweden) war Zwischenstation; nach ein paar Wochen Pause lief er von Hamburg nach Österreich und halbwegs zurück zu seinem Wohnort Bad Sooden-Allendorf. Gesamt: 6300 Kilometer in sieben Monaten.

2008 erarbeitete sich Ludewig 2009 – und zwar doppelt. „Erst die deutsche Flüssewanderung, 2300 Kilometer. Und im Oktober begann ich meine Küsten-Tour“ am Mittelmeer: Von Bad Sooden nach Marseille, nach Barcelona, nach Gibraltar – 3100 Kilometer in 90 Tagen: „Das war eine ganz harte Tour.“

Folke Ludewig wandert bei jeder Witterung. Quelle: r

Wecker auf 3.45 Uhr Winterzeit – um 19 Uhr „ist Schicht“

Im Januar 2010 war er zurück und tüftelte sofort die nächste Etappe aus. Einmal rund um Deutschland. Immer innerhalb und eng an der Grenze. Da Folke Ludewig permanent die Deichsel seines Karrens zog, zog er es vor, auf der Straße zu laufen. „Jeden Winkel der Grenzen auszugehen, war nicht möglich. Asphalt musste sein.“ Eine rote Fahne am Gefährt und seine Warnweste boten ihm Sicherheit genug.

Übernachtung nahe Lugo in Nordwestspanien: Neben der Straße findet Folke Ludewig ein Dach über dem Kopf. Quelle: r

Im Schnitt zehn Euro am Tag betrug das Budget. Während der ersten Touren übernachtete Ludewig grundsätzlich auf „Feldwegen, unter Bäumen, auf Wiesen“; bis er merkte, dass ein überdachter Schlafplatz vorteilhafter ist. „Damit ich morgens nicht im Regen stehe, habe ich Höfe gesucht.“ Morgens hieß: „Wecker auf 3.45 Uhr Winterzeit.“ Zum Frühstück gab’s „etwas Müsli und eine Tasse schwarzen Tee“. Aufbruch 60 Minuten später. Zwischen 10 und 11 Uhr „machte ich mir mein Hauptgericht“: Apfel, Paprika, Petersilie, eine Dose Fisch, Brot, Käse – „was ich gerade aufgabeln konnte“. Gegen 17 Uhr beendet er die Nahrungsaufnahme mit einer „Teepause, etwas Obst und Joghurt. Aus der Ernährung mache ich keine große Aktion.“ Um 19, 19.30 Uhr „ist Schicht. Ich lege mich hin und bin weg.“

Seine Schuhe flickt Folke Ludewig mit am Wegesrand gefundenen Reiferesten – und Sekundenkleber. Quelle: r

Endspurt Ende Januar 2018

Ende vergangenen Jahres hatte Ludewig 35260 Kilometer auf dem Tacho, mittlerweile war er 60 Jahre alt. Er setzte zum Endspurt an. „Ich war im Training, fit.“ Ende Januar fuhr er mit dem Bus nach Sevilla und machte sich auf den Weg nach Santiago de Compostela und über Montpelier, Lyon und Weil nach Mainz. Im Juni besserte er auf einem rheinhessischen Weingut mit Arbeitseinsätzen für den richtigen Rebenwuchs die Reisekasse auf. Fünf Wochen später war er zurück. Jetzt ist Schluss. Fast. „In Deutschland gehe ich noch mal vier bis sechs Wochen, das ist okay.“

Herrliche Aussichten: neben der Ardèche in Südfrankreich. Quelle: r

Bildvorträge und Talk-Runden ja – aber ein Buch will Ludewig nicht schreiben

Den Schnitt von etwa 35 zurückgelegten Kilometern pro Tag mit einem rund 100 Kilogramm schweren Karren an den Hacken ordnet der Leistungsgeher „ganz klar unter sportlichen Gesichtspunkten“ ein. Wie die Profis am Ende ihrer Karriere wird auch er weitergehen, Tempo und Streckenlängen reduzieren. Auslaufen.

Folke Ludewig hat akkurat Tagebuch geführt. Ein gebundenes Werk zu veröffentlichen, sei eine Option gewesen. „Aber Bild-Vorträge oder Talkrunden reizen mich mehr.“ 40000 Kilometer sind schon eine lange Strecke; und diese mehr als 1400 Tage zwischen zwei Deckeln – das geht ihm doch zu weit. „Da kann ich aus dem Stegreif nichts Schriftliches draus machen. Da ist ein Wahnsinnsfilm in meinem Kopf.“

Geschafft: Folke Ludewig kommt nach insgesamt 40122 Kilometern am Sonntag, 5. August, in seinem Geburtsort Hemeln an. Quelle: r

Von Stefan Kirchhoff

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