Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hann Münden Wunderkammer mit Kuriositäten bereichert Kulturfestival in Hann. Münden
Die Region Hann Münden Wunderkammer mit Kuriositäten bereichert Kulturfestival in Hann. Münden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:55 17.09.2019
Daniel R. Wolf und Sarah Wolf in ihrer Wunderkammer Quelle: Kuno Mahnkopf
Anzeige
Hann. Münden

„Der erste Eindruck wirkt immer“, sagt Daniel R. Wolf, als er die Tür zu der Etagenwohnung in Hann. Münden öffnet, die er mit seiner Frau Sarah bewohnt. In der Tat ist man erst einmal erschlagen von der Fülle skurriler Objekte. Einen freien Fleck sucht man vergebens. Überall ticken Uhren, jeder Zentimeter in den Zimmern ist belegt, Sitzgelegenheiten sind Mangelware. Die beiden 34-Jährigen haben eine Mischung aus Kuriositätenkabinett, Panoptikum, Kunstgalerie und Trödel-Museum zusammengetragen – schräg, schrullig, verschroben und ein wenig spleenig.

Kuriositätenkabinett wird beim Denkmalkunst-Kulturfestival in Hann. Münden gezeigt

Die Sammlung sei Grundstock für ein „Museum Zeitsprung“ als „Denkraum für Kulturgeschichte“, sagt Wolf. Zwei Häuser hätten sie bereits in Aussicht. Bis dahin diene ihre Privatwohnung als Ausstellungsraum. Einen Ausschnitt ihrer Wunderkammer wollen sie beim „Denkmal-Kunst Kunst-Denkmal“ in Hann. Münden vom 28. September bis 6. Oktober im von Balken abgestützten Fachwerkhaus an der Kiesau 8 präsentieren.

Wohnung zum Museum umfunktioniert

Der Kunstwissenschaftler D.R. Wolf kann sich wohl bald mit einem echten Doktortitel rühmen. Die Arbeit über „Relevanz der Bilder für die Tier-Mensch-Relationalität am Beispiel Kassel“ hat er bereits abgegeben. In der Dissertation beschäftigt er sich mit den historischen Sammlungen in Kassel, ist aber inzwischen in der Dr.-Eisenbarth-Stadt Hann. Münden angekommen. Obwohl ihn seine Sammelwut dort schon aus dem Schlafzimmer vertrieben hat. Das Bett musste weiteren Exponaten weichen, Sarah und Daniel schlafen auf der Couch.

Seine wundersame Passion sieht man Daniel Wolf schon an der Bartspitze an. Der 34-Jährige mit Knochen-Fliege und Weste erscheint, als ob er direkt aus einer Daguerreotypie des 19. Jahrhunderts gesprungen sei. Mit Flap Wings als viktorianischer Backenbart-Variante gereicht er jedem Steam-Punk zur Ehre und lässt jeden vollbärtigen Hipster alt aussehen, betrachtet sich als seelenverwandt mit Apothekern und Bildungsbürgern, die in früheren Zeiten Kurioses und Staunenswertes gesammelt haben. Dritter im Bunde ist neben seiner Frau, die Bildende Kunst studiert hat, der Biologe Florian Schäfer.

Auch ihm ist so manches Objekt zu verdanken, das einen Platz in der Wolfschen Wohnung gefunden hat. Schäfer befasst sich inzwischen mit Volkskunde und Aberglauben, mit Kobolden,Wichteln, Kornmumen und Hausgeistern, schöpft aus Phantasmagorien und Mythologien vom 15. bis 19. Jahrhundert, versetzt sie in die Gegenwart, erschafft Homunkuli, Wolpertinger und Kunstwesen. „Wir schämen uns nicht dafür, unterhaltsam zu sein“, sagt Wolf. Die Ausstellung biete eine riesige Projektionsfläche,trage auch dazu bei, die Scheu vor Fremdartigem und Ungewöhnlichem abzulegen und solle die Besucher unter Strom setzen.

„Viktorianischer Vibrator“

Unter Strom gesetzt hat Wolf auch die Lektüre, die man überall in der Wohnung gegenüber dem historischen Kreishaus der Dreiflüssestadt findet. „Der viktorianische Vibrator“, heißt der Titel eines Buches auf dem Küchentisch. Dahinter verbirgt sich nicht etwa Schlüpfriges, sondern „Hysteriemaschinen und Elektrisierapparate“. Im Badezimmer stehen die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm neben einer Schwarte über „Antikensehnsucht und Maschinenglauben“. Von einem neuzeitlichen Hobby der Museumsbewohner, das allerdings inzwischen brachliegt, kündet ein Nebenraum. Dort säumen Vitrinen voller Tabletop-Figuren eine Fantasy-Spieleplatte.

Ansonsten herrscht Anachronistisches vor. „Wir sammeln alles, was spannend ist, Staunen und Neugier anregt, knüpfen an Kuriosa an, die Seefahrer nach Europa gebracht haben, an Naturalia, Artificialia und Scientifica, an zu Sperrmüll degradierte Repräsentationsobjekte, ungeliebt gewordene Präparate und Trophäen“, sagt Wolf. Die werden zu ungewöhnlichen Arrangements drapiert. Aus einer alten Nähmaschine erwächst ein kinetisches Gestänge, ein aus einem Horn geschnitzter Schlangenkopf verschlingt eine Taschenuhr, auf alten Folianten und Schellack-Platten stehen alte medizinische Apparate und Instrumente.

Damit nicht genug. Phiolen leisten Mineralien, Hotelklingeln, Blechspielzeug, Insekten, Schädeln, Reliquien und Glücksbringern Gesellschaft. In Behältern und Gefäßen tummeln sich seltsame Wesen, im Vogelkäfig sitzt eine (präparierte) Vogelspinne. Zwischen Münzen und Masken, Unterwasserwelten und Seemannsknoten stehen Skelette von Einhörnern und Meeraffen, Organette und Grammophon. Aus dem ganzen Sammelsurium stechen immer wieder Einzelstücke hervor, die bei „Bares für Rares“ für leuchtende Händleraugen sorgen könnten: Eine eintastige Schreibmaschine, eine für Gaststätten-Wetten eingesetzte mechanische Pferderennbahn, ein Stereoskop als Vorläufer des 3-D-Bildes, türkische Brautpantoffeln oder eine Schnurrbart-Tasse. Auch die Nachbildung eines Bansky-Motives ist dabei: Mädchen mit Gasmaske und Blumenstrauß.

Suche nach Geschichten

„Man findet Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass man sie suchen könnte“, merkt Wolf an. Fündig werden er und seine Mitstreiter vom natur- und kulturkundlichen Verein Zeitsprünge auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen, in Auktionshäusern und im Internet, bei Privatsammlern und kleinen Museen. Auch Künstler hätten schon Objekte gestiftet. Dem Budget seien natürlich Grenzen gesetzt, räumen die Museumsgründer ein. Darauf komme es aber auch nicht an. Der Fokus gilt weniger dem Historisch-Wesentlichem als dem Kleinteiligen und dem Alltagsleben, die ästhetische Auswahl ist völlig subjektiv: „Wir suchen weniger nach der Geschichte, mehr nach den Geschichten, nach Greifbarem und Persönlichem.“

„Wir wollten etwas schaffen, das für jeden zugänglich ist und keine Vorbildung erfordert“, sagt Wolf. Ein Objekt, das ihn persönlich anspringe, habe in der als geführtes Museum betriebenen Wunderkammer bislang noch jeder gefunden – vom Kind bis zum Rentner. Seit der Bewerbung fürs Denkmalkunst-Kulturfestival in Hann. Münden sei das Interesse gestiegen, vieles habe sich bewegt. Bis hin zu der Aussicht auf Ausstellungsräume. Falls das klappt, könnten sich Wolfs in ihrer Wohnung wieder frei bewegen.

Alte Häuser werden zu Bühnen und Galerien

Nach dem Kunstfestival „Denkmalkunst-Kunstdenkmal“ in Osterode geht es am „West-End“ des südniedersächsischen Fachwerk-Fünfecks weiter. In Hann. Münden soll vom 27. September bis 6. Oktober KunstLeben in alte Häuser bringen. Dabei soll die Aufmerksamkeit der Besucher in der historischen Altstadt mit etwa 450 Fachwerkhäusern auch auf unsanierte, ungenutzte und verlassene Baudenkmäler gelenkt werden. In mittelalterlichen Wohnhäusern, Kirchen, Wehrtürmen und Gewölbekellern geht es eine gute Woche lang rund. Eröffnet wird das Festival am 27. September um 16 Uhr im Welfenschloss. Zum umfangreichen Programm in den folgenden Tagen gehören Comedy-Show, Lesungen, British Folk, Big-Band-Sound, Kinderkonzert, Zirkusmanufaktur, Tango, Familientag, Cajun & Zydeco, Jazz, Rock, Punk, Klassik, Tanz, Harfenkonzert, Klezmer, Theater, Kunstausstellungen und vieles mehr. Die Instrumentalband „Wildes Holz“ ist ebenso dabei wie das Schauspielerduo „Stille Hunde“ aus Göttingen.

Von Kuno Mahnkopf

Fünf Menschen sind bei einem Unfall auf der A7 zwischen Lutterberg und Kassel am Dienstag verletzt worden, einer davon schwer. Gleich vier Lastwagen waren an dem Crash beteiligt.

17.09.2019

Bei einem Unfall auf der B 80 bei Hann. Münden sind am Dienstagmorgen drei Menschen verletzt worden. Ein junger Autofahrer war in den Gegenverkehr geraten.

17.09.2019

Bei ein Brand bei Gimte ist das ehemalige Vereinsheim der Kyffhäuser Kameradschaft komplett niedergebrannt. Das Gebäude in einem Wald war zuletzt ungenutzt. Durch die Lage hatten die Feuerwehren Mühe, Löschwasser zu bekommen.  

15.09.2019