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Hann Münden Das ganz alltägliche NS-Raubgut
Die Region Hann Münden Das ganz alltägliche NS-Raubgut
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17:31 28.11.2016
Von Jörn Barke
Die Fahne des Arbeiter-Gesangverein Libertas Münden, der von den Nationalsozialisten 1933 verboten wurde. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Der Eingang der Fahne ist im Museum nicht dokumetiert, sodass ein unrechtmäßiger Erwerb der Fahne nicht ausgeschlossen werden kann.
Die Fahne des Arbeiter-Gesangverein Libertas Münden, der von den Nationalsozialisten 1933 verboten wurde. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Der Eingang der Fahne ist im Museum nicht dokumetiert, sodass ein unrechtmäßiger Erwerb der Fahne nicht ausgeschlossen werden kann. Quelle: R
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Hann. Münden

Mit dem Projekt habe ein nachhaltiges kulturpolitisches Zeichen gesetzt werden sollen, erklärte Dr. Claudia Andratschke, Leiterin des Netzwerkes Provenienzforschung in Niedersachsen. Es sei dabei nicht nur um NS-Raubgut gegangen, sondern auch um andere Exponate mit problematischer Herkunft, die beispielsweise auf der Kolonialzeit oder der Sowjetischen Besatzungszone stammten. Ziel sei, unabhängig vom Wert der Objekte aufzudecken, wo Unrecht geschehen sei.

Der Nachweis darüber sei nicht immer einfach zu führen, betonte Dr. Uwe Hartmann vom der Stiftung Deutsche Kulturgutverluste. Im Gegensatz zu großen Museen hätten kleinere und mittlere Museen oft nicht die Mittel, um selbst Herkunftsforschung zu betreiben. Sie seien daher bei dem Projekt durch Riemenschneider unterstützt worden. Die Auffindung von unrechtmäßig erworbenen Exponaten diene nicht nur der historischen Gerechtigkeit, sondern leiste auch einen Beitrag zur Geschichte der Museen und der Objekte.

Bei Riemenschneiders Arbeit ging es um einen sogenannten „Erst-Check“, also um das Auffinden von Verdachtsfällen. Nach solchen suchte er, unterstützt von den Mitarbeitern, in Museen in Alfeld, Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden und Clausthal-Zellerfeld. Riemenschneider wertete Eingangsbücher und Museumsakten aus, durchstöberte Archive und Datenbanken. Dabei fand er eine Reihe von Verdachtsfällen. Unter den Exponaten befinden sich zwar keine spektakulären Einzelstücke, aber sie liefern einen Beitrag zur Lokalgeschichte und erzählen viel über das alltägliche Unrecht während der NS-Diktatur, über Verfolgung und Unterdrückung.

Im Heimatmuseum Duderstadt etwa fand Riemenschneider einen silbernen Tafellöfel mit Gravur und eine Keramikschale, die aus dem Besitz jüdischer Familien stammen. Im Stadtmuseum Einbeck und im Städtischen Museum Hann. Münden entdeckte Riemenschneider weitere Exponate aus jüdischen Besitz, darunter Bücher und Fayencekrüge. Doch der Forscher stieß auch auf Objekte, die anderen von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen zuzuordnen sind, so etwa im Museum der Stadt Alfeld auf Fahnen von Arbeiter-Vereinen und Gegenstände von Freimaurern. Lediglich im Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal-Zellerfeld fand Riemenschneider keine verdächtigen Objekte. Ein zunächst fragwürdig erscheinender Grundstückverkauf sei wohl rechtmäßig verlaufen, so der Forscher.

Das Projekt ist von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste mit 15000 und vom Landschaftsverband Südniedersachsen mit 3500 Euro gefördert worden. Die Überprüfung der Verdachtsfälle soll in einem zweiten Schritt erfolgen, für den weitere Projekte aufgelegt werden sollen – entweder für ein Museum oder übergreifend zu einem Thema wie Freimaurer-Logen. Vier weitere südniedersächsische Museen sollen 2017 in der zweiten Runde des Projektes untersucht werden: das Heimatmuseum Northeim sowie die Museen Osterode, Seesen und Uslar.

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste versteht sich national und international als zentraler Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßiger Entziehungen von Kulturgut in Deutschland im 20. Jahrhundert. Das Hauptaugenmerk der Stiftung gilt hierbei dem NS-Raubgut, also dem während der nationalsozialistischen Diktatur entzogenen Kulturgut insbesondere aus jüdischem Besitz. Weitere Aufgabenfelder des Zentrums sind im Krieg geraubte Beutekunst sowie Kulturgutverluste während der sowjetischen Besatzung und in der DDR. Das Zentrum fördert die Forschung über die Herkunft von Objekten und dokumentiert Kulturgutverluste als Such- und Fundmeldungen in seiner öffentlich zugänglichen Datenbank „Lost Art“.