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Northeim Ehrgeiz und Spiel-Lust prägend für Musikverein Wolbrechtshausen
Die Region Northeim Ehrgeiz und Spiel-Lust prägend für Musikverein Wolbrechtshausen
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16:32 07.03.2019
Wolbrechtshäuser Musikanten spielen im Sommer 1949 im Dorf Marschmusik – vorn rechts: der musikalische Leiter Herbert Speer.
Wolbrechtshäuser Musikanten spielen im Sommer 1949 im Dorf Marschmusik – vorn rechts: der musikalische Leiter Herbert Speer. Quelle: r
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Wolbrechtshausen

Am Pfingstwochenende feiern Instrumentalisten, passive Mitglieder Bürger und Tausende Festbesucher das Jubiläum des Musikvereins.

Erste Anfänge bereits 1909

Dieses Fest ist alles andere als förmlich. Statt Reden stehen Noten im Mittelpunkt – „Power-Polka-Party“ inklusive. Ganz so ausgelassen wird es wohl in den Jahren 1909 bis ’12 in der Dorfkneipe nicht gewesen sein, als neun Wolbrechtshäuser regelmäßig und unverdrossen abends Mundstücke an die Lippen pressten, um ihren Blasinstrumenten einen zunächst vernünftigen Ton, dann dessen Varianten in erheiternder Reihe zu entlocken. „Nach einer Zeit des fleißigen Übens musizierte die kleine Kapelle bereits auf einem Schlachtfest des Musikers Friedrich Dormann. 1913 trat man bei Kirmessen und kleinen Veranstaltungen auf“, sagt Bernd Schneider. Der im Verein für Medienarbeit zuständige Musiker (Trompete und Flügelhorn) hat in alten Protokollen geblättert und ist einigermaßen fündig geworden.

Leichte Walzer nach Gründung

Offensichtlich haben die Musiker damals lieber Noten studiert statt Notizen zu hinterlegen; zudem kam der Erste Weltkriegs (1914 bis ’18) dazwischen. 1919 „trafen sich fast alle Musiker, ausschließlich Wolbrechtshäuser, wieder und hoben den Musikverein aus der Taufe“, so Schneider. „Leichte Walzer und Märsche wurden gespielt, später folgte Konzertmusik.“ Mehr sei erst ab dem 13. April 1949 bekannt.

Neustart im Frühling 1949

Vier Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, herrschte so etwas wie Aufbruchstimmung im Frühling. August Mühlhausen jun., der „noch zur alten Bläserschar gehörte, konnte wieder Interessenten für die Blasmusik werben“, so Schneider. Instrumente wurden reaktiviert, ein Vorstand installiert, und für die Anschaffung eines „alten Paukenfells“ sei gesammelt worden, sagt Schneider. Der Mitgliedsbeitrag habe eine Mark im Quartal betragen.

Musikalischer Leiter fordert mehr Ausbildung

Unter der Leitung des Militärmusikers Herbert Speer seien „viele junge Talente“ ausgebildet worden. Der Mann sei ehrgeizig gewesen, die Regeln waren streng. Nur aktive Mitglieder wurden aufgenommen, sagt Schneider. „Sollten diese, obwohl sie ,noch Blasen könnten’, sich nicht mehr aktiv beteiligen, dann müssten sie den Verein wieder verlassen“, lautete die Devise. Speer habe 1958 die Ausbildung von Nachwuchsmusikern angemahnt – „dafür müssten dringend Instrumente, auch aus Altbeständen, beschafft werden“.

„Die 70er-Jahre waren eine sehr schöne Zeit“: Bernd Schneider (links) – hier mit (v.l.) Ernst Hutter (Die Egerländer Musikanten), Vereinsmitglied Uwe Melching und Josef Geisler, Dirigent der Wolbrechtshäuser Musikanten. Quelle: r

„1964 wurden neun Jungbläser in den Verein aufgenommen“, erinnert sich der 70-jährige, der mit 14 Jahren zu musizieren begann. „Mein Traum war, Saxofon zu spielen, aber Speer sagte, ,das haben wir hier nicht’, das war auch viel zu teuer, also Trompete.“ Die stammte aus dem Musikhaus Hack in Göttingen, neben Otto Groh ein bekannter Händler in der Stadt. Gespielt wurde Marschmusik. Vor allem bei Umzügen.

Anfang der 70er wird das Jugendblasorchester auf den Weg gebracht

„Die 70er-Jahre waren eine sehr schöne Zeit“, sagt Schneider. „Da fing der Aufbau richtig an.“ Als er 1973 Vereinsvorsitzender wurde, „vertrauten wir Speers Sohn Hans-Joachim die Jugendausbildung an. Davon hat der Verein enorm profitiert.“ Speer junior habe das Jugendblasorchester an den Start gebracht. Zusätzlich entstand 1973 auf Anregung eines Musikers ein Fanfarenzug – mit in „Weiß-Grün gekleideten Jungen und Mädchen“.

DGH wird zum Proben-Haus

Anfang der 80er gab es eine Zäsur und einen „Knackpunkt“ im Verein, so Schneider. Ende der 70er wurde die Schule für Wolbrechtshausen und den Nachbarort Hevensen geschlossen. Bürger beider Dörfer gründeten einen Interessenverein, übernahmen die Immobilie und nutzen sie bis heute als Dorfgemeinschaftshaus – und für Proben in nicht-verräucherter Umgebung. Bis zum Umzug ins DGH sei in der Dormannschen Kneipe geprobt worden. „Da wurde noch geraucht, da kreiste noch die Schnapsflasche. War natürlich bald alles verpönt.“

100 Jahre Musikverein Wolbrechtshausen: Das Blasorchester 1974. Quelle: r

Der Knackpunkt passierte in Göttingen. Schützenfest „1982 oder ’83. 32 Grad im Schatten, sengende Sonne“. Viel frische Luft, aber nur 15 Musikanten einer kleinen Kapelle, die sie nur selten atmen konnten. „Tausende Zuschauer“ säumten die Straßenränder, die Wolbrechtshäuser wollten ihnen etwas bieten. Da es weder eine zweite Trompete (geschweige denn eine dritte), zweite Posaune oder ein zweites Flügelhorn gab – überhaupt: gar kein Instrument doppelt besetzt war, musste die Delegation permanent blasen. „Wir waren ausgedörrt. Noch Stunden später sind wir mit geschwollenen, teils gerissenen Lippen nach Hause gekommen“, sagt Schneider. Die Minitruppe hatte keinen Tropfen, nicht mal eine Flasche Wasser dabei. Und am Markt war der Weg zum Gänseliesel-Brunnen versperrt. „Die Leute standen in Vierer-, Fünfer-, Sechser-Reihen.“

Alte Schule wird zur Musikschule

Der personelle Engpass, der den quälenden Marsch durch die City verursacht hatte, markierte einen Wendepunkt. „Es musste dringend Verstärkung her. Die Jugendarbeit wurde intensiviert.“ Musiker Eugen Barwinske, Hans-Joachim Speer und Bernd Schneider „setzten eine Idee in die Tat um: Die Schule wird Musikschule.“ Für die Entwicklung des Vereins „eine wichtige Grundsatzentscheidung“, so Schneider. Das Fundament für die „Moderne“ war gelegt. Im großen Blasorchester spielen aktuell 45 Musiker, im Jugendblasorchester 20 und in der Bigband Presto 25. Im Verein sind 149 Musiker aktiv, 100 Mitglieder fördern die Entwicklung WMV.

100 Jahre Musikverein Wolbrechtshausen im Göttinger Tageblatt: Power-Polka-Party zum 100-Jährigen in Wolbrechtshausen; 100 Jahre Wolbrechtshäuser Musikverein: Teams bereiten Jubiläum vor; Pro Solist’y und NDR Bigband: Star-Aufgebot in Wolbrechtshausen;

Historischer Markt, Oldtimer, Flug im Heißluftballon

Zum Auftaktam Freitag, 7. Juni, ist der Festakt ein angenehmes Muss: Das Zeltpublikum erlebt die hundertjährige Geschichte „in bewegten Bildern an der Videowand und in Form einer Modenschau“, so Pressesprecher Bernd Schneider. Neben Jörg Brohm spielen das Jugendblasorchester Wolbrechtshausen und die Wolbrechtshäuser Musikanten; um 23 Uhr ist großer Zapfenstreich.

Am Sonnabend beginnt um 13 Uhr der Festumzug. Ab 14 Uhr spielen befreundete Blaskapellen „aus Nah und Fern“ zu Kaffee und Kuchen im Festzelt. Um 17 startet das „Gipfeltreffen der Blasmusik mit Party“: dabei sind Stars des „erfolgreichsten Blasorchesters der Welt“ (Die Egerländer in Siebener-Besetzung), Die Fexer aus Bayern („die wohl kleinste Blaskapelle der Welt“); und die „Europameister der böhmisch-mährischen Blasmusik, Pro Solist’y, versprechen Blasmusik für Power-Polka-Party-People und Feierbiester in Dirndl und Lederhos’n“. Vor dem und rund um das „Gipfeltreffen“ haben die Festbesucher die Gelegenheit, den historischen Markt, unter anderem mit alter Handwerkskunst und einer Oldtimerausstellung, zu besuchen.

Auch am Sonntag hat der Markt geöffnet. Um 11.30 Uhr wird ein Mittagsbuffet zu Blasmusik serviert. Ab 15 Uhr hat Volker Rosin, „der König der Kinderdisco“, seinen großen Auftritt. Um 17 Uhr startet ein Heißluftballon (Hauptgewinn der Tombola). Nach der Bigband Presto (18.30 Uhr) beginnt die NDR-Bigband ihr Konzert.

Info:Für befreundete Musiker aus der Region sucht der Verein Gastfamilien. Tickets online: musikverein-wolbrechtshausen.de/100 Jahre.

Von Stefan Kirchhoff

07.03.2019
Northeim Zwischen Nörten-Hardenberg und Seesen - A7 von Freitagabend bis Sonnabend gesperrt
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