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Hardegsen Alkohol in der Schwangerschaft und die fatalen Folgen
Die Region Northeim Hardegsen Alkohol in der Schwangerschaft und die fatalen Folgen
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13:00 05.07.2019
Alkohol in der Schwangerschaft schädigt Gehirn und Körper des ungeborenen Kindes. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

 Die Stimme von Sabine M. (Name von der Redaktion geändert) wird ganz sanft, wenn sie von ihren Kindern spricht. Insgesamt vier sind es: Ein Adoptivkind- und drei Pflegekinder im Alter von 16, 12, 5 und vier Jahren.

Ein Familienleben mit Kindern hatten sie und ihr Mann sich immer gewünscht. Als sich die Hoffnung auf eigenen Nachwuchs zerschlug, ließen sie auch andere Überlegungen zu. Auf Herz und Nieren seien sie und ihr Mann damals geprüft worden, ob sie sich als Pflegeeltern beziehungsweise Adoptiveltern eignen würden.

Unterschiedliche Beweggründe

„Es gibt unterschiedliche Beweggründe, Pflegeeltern werden zu wollen. Da sind die Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können. Dann gibt es solche, bei denen die Kinder aus dem Haus sind, und die sich aber noch gern kümmern möchten, und dann gibt es noch diejenigen, die aus ökonomischer Sicht handeln“, beschreibt Sabine M. die Situation aus ihrer Sicht.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, ehe das Ehepaar ein Feedback bekam. „Wir wussten nur, dass es ein Junge war, wie alt er ist, und das er schielt“, erinnert sie sich noch wie heute. An einem Dienstag stand das neue Familienmitglied in Begleitung der Betreuerin vor der Tür. Die Kleidung, die der damals Zweijährige trug, war zu klein, sein einziges Mitbringsel war ein Kuscheltier in einer Tüte. Der kleine Mann konnte nicht sprechen, kaum laufen. „Und dann kam die Nacht. Das erste halbe Jahr hat dieses Kind im Sitzen geschlafen“, erzählt die Mutter.

Verhaltensauffälligkeiten

Gewalt, die das Kind in seinem jungen Leben bereits erfahren hatte, Vernachlässigungen emotionaler Art - mit unterschiedlichsten, daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten mussten sich die Pflegeeltern auseinandersetzen.

Zudem hatte die Mutter des Jungen in der Schwangerschaft Alkohol getrunken, mit weitreichenden Folgen, wie sich später herausstellen sollte. „Die Gesellschaft, nein, wir müssen besser gucken und unsere Werte wiedererfinden und diese dann auch unseren Kindern vermitteln. Eltern müssen den Mut haben, dass sie mal zu Hause bleiben, weil es das Kind braucht“. verdeutlicht sie und redet sich dabei richtig in Rage.

Sabine M. gab ihren Job auf, widmete sich ausschließlich ihrer neuen Rolle. Und hoffte gemeinsam mit ihrem Mann auf die Normalität. „Die Routine und die Normalität kamen. Man will alles nur gut machen für das Kind“.

Bevölkerung unzureichend informiert

Nicht viel anders verhielt es sich bei der Adoption ihres ersten Kindes. „Den Namen hat die Mutter ihm noch gegeben, aber sonst nichts“. Im Alter von zwei Wochen zog das Baby ins Haus ihrer neuen Familie ein. Die Verhaltensauffälligkeiten alarmierten das Ehepaar. Ein Termin in einer Klinik. in Leipzig brachte Gewissheit. „Die Mutter hatte während der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Dies kann man diagnostizieren“, erzählt Sabine M. und fügt hinzu: „44 Prozent der Bevölkerung weiß nicht, was Alkohol im Gehirn und Körper des ungeborenen Kindes während der Schwangerschaft anrichtet“.

Ein geringer Kopfumfang und faziale Auffälligkeiten, Kulleraugen, ein Vogelschnabel, ein plattes Philtrum, schmales Lippenrot, sind deutlich sichtbare Merkmale des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS). Trink- und Schluckbeschwerden, häufiges Spucken im Säuglingsalter und im Laufe der Entwicklung vielerlei Störungen im Magen- und Darmtrakt sind nur ein kleiner Teil der gesundheitlichen Einschränkungen.

Für Sabine M. ist es alles andere als leicht, wenn ihre Kinder sie fragen, warum sie gewisse Dinge, die ihnen erzählt oder erklärt werden, nicht behalten können. „Sie merken es, aber können nichts dagegen tun. Es geht nicht mit Training. Das Gehirn ist dauerhaft geschädigt“. Handlungs- und Planungsstrukturen sind nahezu unmöglich. „Man hat die Verantwortung für ein Kind, obwohl man nicht weiß, wie es endet“, sagt die Pflegemutter.

Gibt es Gedanken, die sich damit beschäftigen, wie es mit einem eigenen Kind gewesen wäre? Sabine M. muss nicht lange überlegen, ihre Antwort ist knapp und präzise. „Ich bin dankbar, dass ich es nicht anders kennengelernt habe.“

Frühförderung wichtig

Sie plädiert dafür, dass sehr früh damit begonnen wird, diese häufig entwicklungsverzögerten Kinder zu fördern. Unbedingt dazu gehört für sie Logopädie und auch Ergotherapie. „Je schneller dies kommt, umso besser. An allem Anfang steht jedoch die Diagnose“, appelliert sie.

Damit diese Untersuchung und damit die Behinderung des Kindes überflüssig wird, wünscht sie sich von Frauen einen verantwortungsbewussteren Umgang mit Alkohol, wenn die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht.

Würde das Ehepaar, mit dem Wissen von heute, diesen Weg noch einmal beschreiten. Wieder kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Ja, jederzeit“, sagt Sabine M. und fügt hinzu: „Das größte Geschenk ist das Lachen unserer Kinder“.

Von Vicki Schwarze

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