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Northeim Landkreis Northeim: Mehr vorübergehende Unterbringungen von vernachlässigten Kindern
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Landkreis Northeim: Mehr vorübergehende Unterbringungen von vernachlässigten Kindern 

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18:22 08.07.2020
Berufstätige Eltern formulierten immer drängender, dass sie umgehend Entlastungs- und Betreuungsangebote benötigen. Quelle: picture alliance / dpa Themendie
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Northeim

Im Landkreis Northeim haben die vorübergehenden Unterbringungen mit den schrittweisen Öffnungen nach dem Lockdown stark zugenommen. Bei den Inobhutnahmen gebe es kaum einen nennenswerten Anstieg, sagt Landkreissprecherin Anna Feg.

Im April seien im Landkreis Northeim sieben Gefährdungsmeldungen eingegangen, in drei Fällen kam es zu Inobhutnahmen. Im April 2019 seien hingegen 13 Gefährdungsmeldungen und eine Inobhutnahme verzeichnet worden. „Die Meldungen durch Dritte sind in den letzten Wochen weitestgehend weggebrochen“, begründet das Viktoria Bertram, pädagogische Leiterin der Sozialen Dienste beim Landkreis Northeim.

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Jochen Althaus, Leiter des Jugendamtes im Landkreis Northeim, führt den Anstieg der Unterbringungen in der ersten Jahreshälfte auf mangelnde Informationen zurück: Eine Aussage zum Schulunterricht über die Sommerferien hinaus gebe es nach wie vor nicht. Das erhöhe die Belastungen für Eltern, was besonders in den Familien, in denen es bereits vor Corona Schwierigkeiten gab, jetzt zu kritischen Situationen führen kann. „Die aktuelle Situation stellt auch für ansonsten wenig belastete Familien eine außerordentliche Herausforderung dar“, sagt auch Landrätin Astrid Klinkert-Kittel.

Eltern suchen nach Entlastung

Berufstätige Eltern formulierten im Lockdown immer drängender, dass sie umgehend Entlastungs- und Betreuungsangebote benötigen. Die Anforderungen von Homeoffice, Kinderbetreuung und Homeschooling ließen sich kaum bis gar nicht miteinander vereinbaren, wodurch bei allen Familienangehörigen die Belastungen massiv gestiegen sind, so Klinkert-Kittel. Hinzu komme die Angst vor einem möglichen Jobverlust. Bertram dazu: „Für Kinder, Jugendliche und Familien mit Erziehungsschwierigkeiten, Paarkonflikten oder Krisen, kann sich diese außerordentliche Belastung in Verzweiflung oder völliger Überforderung äußern.“

Vereinzelt meldeten sich Eltern in dieser Zeit selbst beim Jugendamt und berichteten über die Sorge, dass es in ihrer häuslichen Umgebung zu einer Kindeswohlgefährdung kommen könnte. Das Amt bietet Familien, Kindern und Jugendlichen Beratung und Unterstützung an. Zur Aufgabe gehört auch, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Deshalb gehen die Mitarbeiter allen Hinweisen nach, die auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung hindeuten.

Wenn das Jugendamt einen Gefährdungsfall überprüft, stellt es in etwa 60 Prozent der Fälle eine Vernachlässigung der Kinder fest. Das bedeutet, dass „ein gefährdender Mangel in den Bereichen Versorgung, Betreuung, Zuwendung und Anregung“ vorliegt, die Kinder also sich selber überlassen sind. Zudem leiden die Kinder häufig an chronischer Unter- oder Fehlernährung und unbehandelten Krankheiten. Auch unangemessene Bekleidung, unzureichende Pflege sowie fehlende Zuwendung und soziale Anbindung würden dabei festgestellt. Säuglinge und Kleinkinder seien in diesen Situationen besonders gefährdet.

60 Prozent vernachlässigt, 31 Prozent psychisch misshandelt

In etwa 31 Prozent der Fälle gebe es Anzeichen für psychische Misshandlung wie beispielsweise Demütigung, Einschüchterung, Bedrohung, Beschimpfung, Isolierung und emotionale Kälte. Körperliche Misshandlung finde in etwa 26 Prozent der Fälle statt und sexuelle Gewalt bei etwa fünf Prozent der Fälle.

Auch wenn die gemeldeten Kindeswohlgefährdungen derzeit unter dem monatlichen Durchschnitt liegen, sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. „Von Gewalt und Vernachlässigung betroffene Kinder sind besonders in Zeiten von Corona auf Hilfe und Unterstützung sowie eine reibungslose und funktionierende Zusammenarbeit der einzelnen Akteure der Kinder- und Jugendhilfe angewiesen“ sagt Althaus. Deshalb sei Kinderschutz systemrelevant und die Kinder- und Jugendhilfe hat im Kampf gegen Kindeswohlgefährdung in der Corona-Krise eine herausgehobene Rolle und Verantwortung.

Weniger persönliche Treffen mit Klienten

Persönliche Kontakte der Jugendamtmitarbeiter mit potenziellen Klienten sind angesichts der Pandemie auf das notwendige Maß reduziert. „Das bedeutet jedoch nicht, dass notwendige Hilfen und Unterstützung nicht auch weiter angeboten, eingeleitet und umgesetzt werden“, macht Harald Rode, Dezernent für Jugend und Soziales, deutlich.

Bertram äußert eine Bitte: „Es ist wichtig, wachsam zu sein und nicht zu zögern, eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu melden.“ Auch Familien in akuten Belastungssituationen sollten sich frühzeitig Unterstützung und Hilfe holen, bevor es durch Überforderung zu einer akuten Kindeswohlgefährdung kommt.

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Kontakt zum Jugendamt

Die Mitarbeiter des Jugendamtes sind telefonisch unter 05551/70 82 81 und per E-Mail an falleingang@landkreis-northeim.de zu erreichen. Die Familienberatungsstelle ist telefonisch unter 05551/7 08 82 40 oder per E-Mail an ebein@landkreis-northeim.de zu erreichen.

Sie erreichen die Autorin per E-Mail an l.lang@goettinger-tageblatt.de.

Von Lea Lang