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Northeim Millionengeschäft mit Milchpulver: Rumänische Diebesbande verurteilt
Die Region Northeim Millionengeschäft mit Milchpulver: Rumänische Diebesbande verurteilt
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17:00 22.01.2019
Zwei Bandenmitglieder sind in Northeim verurteilt worden. sie sollen am Diebstahl von Milchprodukten beteiligt gewesen sein.
Zwei Bandenmitglieder sind in Northeim verurteilt worden. sie sollen am Diebstahl von Milchprodukten beteiligt gewesen sein. Quelle: Christina Hinzmann
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Northeim

Diebstähle in Drogeriemärkten gelten normalerweise als Alltagskriminalität. Regelmäßig ertappen Ladendetektive Kunden dabei, wie sie Lippenstift und Deo in ihren Taschen verschwinden lassen oder mit Rasierklingen und Bartcreme an den Kassen vorbeischleichen. Seit einiger Zeit haben es die Ermittler jedoch vermehrt mit Diebstählen aus Drogerien zu tun, bei denen es um ein ganz spezielles Produkt geht. Dahinter steckt ein millionenschweres Geschäftsmodell organisierter Kriminalität: Mitglieder international operierender Banden stehlen gezielt Milchpulver-Produkte deutscher Hersteller, um sie mit hohen Gewinnspannen nach China zu verkaufen. Zwei Bandenmitglieder hat jetzt das Amtsgericht Northeim aus dem Verkehr gezogen. Das Gericht verurteilte die beiden auf frischer Tat ertappten Diebe zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung.

Die Polizei hatte die beiden 30 und 44 Jahre alten Rumänen in der vergangenen Woche in Nörten-Hardenberg festgenommen. Einem Detektiv war aufgefallen, dass sie sich in verdächtiger Weise an dem Regal mit Babynahrung aufhielten. Die ertappten Männer flüchteten daraufhin mit 16 Packungen Milchpulver im Wert von 320 Euro aus dem Geschäft. Verfolgt vom Detektiv, ließen sie das Diebesgut auf dem Kundenparkplatz fallen. Wenig später stoppte die Polizei ein Auto mit rumänischen Kennzeichen. Die Fahnder nahmen erst den 30-jährigen Fahrer und kurz darauf auch den zu Fuß geflohenen 44-jährigen Komplizen fest. In ihrem Pkw entdeckten die Beamten weitere 113 Packungen Milchpulver im Wert von mehr als 2000 Euro.

Beschleunigtes Verfahren

Der zuständige Amtsrichter erließ einen Haftbefehl zur Sicherung der Hauptverfahrens, so dass die beiden Männer bereits wenige Tage später vor Gericht standen. Ein solches beschleunigtes Verfahren kommt dann zur Anwendung, wenn zu befürchten ist, dass ein Festgenommener der Hauptverhandlung fernbleiben wird, beispielsweise bei umherreisenden Tätern ohne festen Wohnsitz in Deutschland. In diesem Fall waren die beiden Rumänen zwar in Krefeld gemeldet. Bei einer Durchsuchung fanden die Beamten unter der Adresse jedoch nur eine leere Wohnung vor.

Aus der Auswertung der Handy-Daten ergab sich, dass die Angeklagten auch in Göttingen, Hann. Münden und Kassel gewesen waren. Es stellte sich dann heraus, dass in zwei dortigen Drogeriemärkten keine einzige Milchpulver-Packung mehr im Regal stand. Das Gericht wertete dies als Indiz dafür, dass ein Teil der im Pkw aufgefundenen Packungen aus Diebstählen in den betreffenden Filialen stammte. Das Gericht verurteilte die beiden Rumänen wegen gewerbsmäßigen Diebstahls zu sechs Monaten Gefängnis und ordnete zudem die Einziehung der Milchpulver-Packungen an.

Milchpulver-Skandal in China

Dass organisierte Banden in großem Stil die Milchpulver-Regale in Drogeriemärkten leerräumen, hängt mit einem Skandal zusammen, der 2008 die Bevölkerung in ganz China erschütterte. Damals hatten mehrere hunderttausend chinesische Babies schwere Nierenschäden erlitten, weil einheimische Milchpulver-Hersteller ihr Produkt mit Melamin gestreckt hatten. Mindestens sechs Kinder starben an den Folgen dieser Panscherei. Weil viele chinesische Eltern seitdem den einheimischen Herstellern nicht mehr trauen, kaufen sie bevorzugt deutsche Produkte.

Vor allem rumänische und georgische Banden machen sich die große Nachfrage nach Säuglingsnahrung aus Deutschland zunutze. Sie heuern Landsleute an, die das Milchpulver aus den Drogeriemärkten stehlen, und schmuggeln das Diebesgut mit Hilfe diverser Hehler vorbei an Polizei, Zoll und Behörden nach China. Vor allem „Aptamil“ ist bei den chinesischen Eltern sehr gefragt. Viele bestellen das Milchpulver über eine große Handelsplattform im Internet zu einem deutlich höheren Preis als in deutschen Drogeriemärkten - entsprechend groß sind die Gewinnspannen der Banden.

Von Heidi Niemann