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Northeim Neonazis verharmlosen KZ-Haft und posieren mit antisemitischen T-Shirts vor Gedenkstätte Moringen
Die Region Northeim Neonazis verharmlosen KZ-Haft und posieren mit antisemitischen T-Shirts vor Gedenkstätte Moringen
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20:29 21.11.2019
Das Torhaus des ehemaligen KZ in Moringen. Quelle: Christina Hinzmann
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Moringen

Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Moringen haben am vergangenen Dienstag eine Führung mit einer Gruppe Neonazis aus dem Umfeld der rechtsextremen Kameradschaft Einbeck abgebrochen. Sie hatten während der Führung versucht, die KZ-Haft zu verharmlosen.

In einer an diesem Dienstag auf der Internetseite der Gedenkstätte veröffentlichten Stellungnahme heißt es, dass sich die kleine Gruppe zu einer Führung in der KZ-Gedenkstätte angemeldet habe. Erst im Nachhinein hätten sich deren Teilnehmer „als ausgewiesene und bekannte Akteure rechtsextremer Gruppierungen der Region“ entpuppt.

Glaubwürdigkeit der Opfer infrage gestellt

So sollen die Rechtsextremen während der Führung Fragen gestellt und Aussagen getroffen haben, die darauf abzielten, „die Glaubwürdigkeit der Opfer grundsätzlich infrage zu stellen und sie auf diese Weise zu diskreditieren“, heißt es vonseiten der Gedenkstätte. Sie hätten die Aussagekraft historischer Dokumente angezweifelt, „um gesicherte Tatsachen als manipulierbar darzustellen“. Die Darstellung über das Geschehene erscheine „so implizit als gefälscht“.

Darüber hinaus verglichen die Rechtsextremen „ihre eignen Hafterfahrungen mit den Schilderungen der ehemaligen Häftlinge, mit dem unmissverständlichen Ziel, die KZ-Haft zu verharmlosen“, heißt es in der Stellungnahme der Gedenkstätte weiter. Dies alles sei mit der Bezugnahme auf die Meinungsfreiheit, geschehen. Vor diesem Hintergrund sei die Führung vorzeitig von einem Gedenkstätten-Mitarbeiter beendet worden.

Gedenkstätten-Leiter Dietmar Sedlaczek berichtet, dass sich die Gruppe ganz normal für eine Führungen angemeldet hatte. Er sei überrascht gewesen, in welcher Kleidung die Rechtsextremen aufgetaucht sind. Thor-Steinar-Sachen seien erkennbar gewesen. Ein Grund, sie nicht durch die Gedenkstätte zu führen, sei das aber nicht gewesen, so Sedlaczek. Während der Führung hätten sie auf „provozierende Art und Weise“ Fragen gestellt, so dass der Mitarbeiter die Führung abgebrochen habe. Das Neonazi-Trio habe die Gedenkstätte freiwillig verlassen.

„Nationaler Aufbruch Einbeck

Nach der abgebrochenen Führung habe die Gruppe mit der Geste des nach oben weisenden Daumens vor der Gedenkstätte posiert. Die für das Foto geöffneten Jacken gaben dabei den Blick frei auf T-Shirts. Eines in rot mit einem weißen Kreis, in dem in Frakturschrift der Schriftzug „Zensiert!“ steht. Es erinnert an eine Hakenkreuz-Fahne. Eines mit der Aufschrift „Fuck you Israel“ und einem durchgestrichenen Davidstern. Auf der Facebook-Seite „Nationaler Aufbruch Einbeck“ ist das mit einem Foto dokumentiert.

Die Gedenkstätte auf Facebook

In der vergangenen Woche meldete sich eine kleine Gruppe zu einer Führung in der KZ-Gedenkstätte Moringen an, deren...

Gepostet von KZ-Gedenkstätte Moringen am Dienstag, 19. November 2019

Die Gedenkstätte duldet das nicht: „Wir distanzieren uns von dieser Inszenierung vor unserer Gedenkstätte und weisen die zur Schau gestellten Parolen mit Nachdruck zurück. Vielmehr gehen wir davon aus, dass Menschen Gedenkstätten zum NS-Unrecht im Respekt vor den Opfern besuchen, die an diesen Orten des nationalsozialistischen Terrors gelitten haben oder gestorben sind.“

„Gültigkeit der Menschenrechte“

Die Gedenkstätte geht weiter davon aus, dass Besucher von Gedenkstätten weder die hier geschehenen nationalsozialistischen Verbrechen infrage stellten noch den Mord an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma leugneten. „Wir gehen davon aus, dass Besucher*innen von Gedenkstätten einig sind in der Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller Menschen und der Gültigkeit der Menschenrechte“, heißt es abschließend.

Staatsschutz ermittelt gegen Neonazis

Nach Angaben von Sedlaczek sei keine Anzeige erstattet worden. Er sah den Tatbestand einer Holocaust-Leugung nicht gegeben. Das Foto sei im öffentlichen Raum entstanden. Inzwischen ermittelt aber das 4. Fachkommissariat (Staatsschutz) der Polizei in Northeim, wie Sprecher Uwe Falkenhain gegenüber dem Tageblatt am Mittwoch bestätigte.

Für ihn sei das Auftreten der Neonazis während der Führung ein neuerlicher Versuch, über den Dreh der Meinungsfreiheit die Grenzen des Sagbaren weiter zu verschieben, sagte Sedlaczek. Der Vorfall vom vergangenen Dienstag sei in dieser Art „bislang einzigartig“. Kleinere Sachbeschädigungen an der Gedenkstätte gebe es jedoch immer mal wieder.

Grüne verurteilen den Vorfall

Die Grünen aus den Landkreisen Northeim und Göttingen haben in einer Pressemitteilung den Vorfall verurteilt. Die fordern mehr Mittel für Erinnerungsarbeit.

Gregor Kreuzer, Kreisvorstandssprecher der Göttinger Grünen: „Der Vorfall an der Gedenkstätte in Moringen reiht sich ein in eine Situation, in der sich Rechtsextreme gerade in Südniedersachsen immer mehr trauen. Erst kürzlich gab es in Göttingen eine mutmaßlich rechtsextrem motivierte Brandstiftung an einem linken Hausprojekt und Nazischmierereien am Campus. Im Kern geht es um die Einschüchterung derjenigen, die sich für eine kontinuierliche Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und eine lebendige Erinnerungskultur an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzen. Diesen Bestrebungen müssen wir als Politik, Zivilgesellschaft und Rechtsstaat entschieden entgegentreten.“

Karoline Otte, Mitglied im Kreisvorstand der Northeimer Grünen, ergänzt: „Insbesondere in Moringen mussten die Opfer der NS-Diktatur jahrelang hart für die öffentliche Anerkennung des Unrechts, das ihnen angetan wurde, kämpfen. Wir sind es ihnen schuldig, dass wir uns klar denen entgegenstellen, die das Leid, das ihnen in Moringen wiederfahren ist, zu verharmlosen versuchen und ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Die Arbeit, die die KZ-Gedenkstätte Moringen leistet, spielt für die Aufarbeitung der NS-Zeit in Südniedersachsen eine große Rolle. Es ist unabdingbar, dass Gedenkstättenarbeit ausreichend finanziert wird. Darüber hinaus zeigen solche Vorfälle, dass es nicht hinnehmbar ist, wenn Projekte wie Demokratie leben, die antifaschistische, zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen, von finanziellen Kürzungen betroffen sind.“

Das KZ Moringen

Das Konzentrationslager in Moringen im Landkreis Northeim wurde 1933 von den Nationalsozialisten eingerichtet. Nacheinander waren dort zunächst Männer, dann Frauen und zuletzt Jugendliche inhaftiert. Bis zur Befreiung am 9. April 1945 waren rund 1400 Jugendliche in Moringen eingewiesen. Seit 1993 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen KZ eine Gedenkstätte.

Von Michael Brakemeier

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