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Northeim Sicherheitstage auf dem Autohof Northeim
Die Region Northeim Sicherheitstage auf dem Autohof Northeim
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21:31 12.06.2019
Jörg Arnecke lobt ausdrücklich seine Kollegin Martina Rülke von der Autobahnpolizei. Sie sei der Kopf der hiesigen Sicherheitstage, sagt der Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Göttingen. Quelle: Meinhard
Northeim

Der Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN) veranstaltet derzeit Sicherheitstage auf dem Autohof Northeim an der Autobahn 7. Zielgruppe sind vor allem Lastwagenfahrer. Sie sollen sich am Mittwoch und Donnerstag informieren können über Hauptunfallgefahren, die Wirkung von Alkohol, Drogen und Medikamenten, die optimale Sicherung von Ladung und zudem Ansprechpartner finden für ihre ganz eigenen Probleme und Fragen. Unterstützt wird der GVN durch die Polizeiinspektionen Göttingen und Northeim, den deutschen Verkehrssicherheitsrat, die Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft sowie Unternehmen aus der Region.

„Mist. Erwischt“, denk sich Hubert L. Der Brummifahrer ist an diesem Mittwoch schon viele Stunden auf der Autobahn unterwegs. Soeben hat sich sein Disponent per Email gemeldet und bereits die nächste Tour durchgegeben. Just in dem Moment, als der Kraftfahrer per Handy antworten und mitteilen will, dass der Auftrag nicht zu schaffen ist, setzt sich ein Polizeimotorrad vor seinen Truck. Er solle folgen, wird ihm angezeigt und L. findet sich auf einem Autohof wieder, wo ihm aber niemand eine Strafe aufbrummen will. Die wäre jetzt schon fällig gewesen, lässt ihn der Polizeibeamte wissen. Statt dessen aber solle sich der Fahrer an den hier aufgebauten Ständen informieren und er könne auch gerne in einen Simulator steigen und erleben, wie das ist, wenn ein Lastwagen verunfallt.

Selbstversuch mit umkippendem Führerhaus

In diesen Simulator konnten sich Freiwillige begeben, um – natürlich angeschnallt –zu erfahren, welche Kräfte bei einem Unfall wirken. Quelle: Meinhard

Diesen Selbstversuch bietet ihn Klaus Kuhn in Diensten der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft auch an. Heute ist er in Northeim aber für den Deutschen Verkehrssicherheitsrat im Einsatz. Wer mag, kann in einem umstürzenden Fahrerhaus am eigenen Leib erfahren, welche Kräfte wirken, wenn sich die Zugmaschine überschlägt. Kuhn drückt dem Kraftfahrer einen Zettel in die Hand, darauf aufgelistet sind die Aufprallwuchten bei verschiedenen Geschwindigkeiten und Körpergewichten. L. hat an so viel Selbsterfahrung eher wenig Interesse. Er kommt vielmehr mit Jörg Arnecke ins Gespräch. Auch der Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Göttingen wartet mit Zahlen auf. Wer unangeschnallt und ungebremst bei Tempo 50 auffährt, erlebt Kräfte, als würde sein Auto aus etwa 70 Meter in die Tiefe stürzen.

„Der Killer Nummer 1 ist Ablenkung“

Arnecke ist beim Thema Unfallgefahren in seinem Element. Bei Tempo 100 sei ein Fahrer, der eine Whatsapp nur kurz beantwortet und dafür zehn Sekunden braucht, 270 Meter quasi im Blindflug gewesen. „Unangepasste Geschwindigkeit ist eine der Hauptunfallursachen. Aber der Killer Nummer 1 ist Ablenkung vom Straßenverkehr“, warnt der Polizist und fügt an: „Wer so unterwegs ist, ist eine tickende Zeitbombe.“ L. fühlt sich persönlich angesprochen. Arnecke indes hat viel zu berichten. „Wir haben eine Menge Lkw-Unfälle auf A 7 und A 38 mit unklarer Unfallursache.“ Warum jemand ins Schleudern geraten ist, sei oft nicht zu klären. „Ein Smartphone im Fußraum oder ein Tablet auf dem Beifahrersitz sprechen dafür, dass der Fahrer abgelenkt war“, vermutet er aus zahlreichen Fällen.

Sicherheitstage bringen Fahrer zum Nachdenken

Er weiß auch von Fahrern zu erzählen, die hinter dem Steuer Zeitung lasen oder Fernsehen guckten. „Es ist wichtig, dass wir über so etwas in Gespräch kommen. Auch deshalb bieten wir diese Sicherheitstage an“, sagt der Polizist und verweist auf Kraftfahrer, die nach solchen Gesprächen in gewisser Weise geläutert zurück in ihren Lkw stiegen.

Am Stand von Oberkommissar Markus Schaile erfährt L., welche Wirkung Drogen haben, wie lange sie im Blut nachweisbar sind und welche Strafen drohen, wenn Kraftfahrer unter einem solchen Einfluss am Straßenverkehr teilnehmen. Und er berichtet auch, mit welchen Tricks Fahrer versuchen, die Polizei an der Nase herum zu führen. Geweitete Pupillen zum Beispiel seien ein deutliches Indiz für Drogenkonsum. „Da kann man nichts gegen machen“, bilanziert Schaile ganz nüchtern.

Mädchen bremst mit Händen am Bremspedal Auto ab

Auch Philip Maas (von li.), Magdalena Formanek, Lisa Sophie Bulczak und Jürgen Strohmeyer von der Johanniter Unfallhilfe Northeim sind bei den Sicherheitstagen dabei. Quelle: Meinhard

Emotional wird es im Gespräch mit Bernhard Otto. Er arbeitet ehrenamtlich für den Allgemeinen Rettungsverband. Er wird gerufen, wenn Angehörige von Unfallopfern betreut werden müssen, etwa Kinder, wenn deren Eltern verletzt ins Krankenhaus transportiert wurden. Er erzählt von einem 14-jährigen Mädchen, das vor knapp zwei Wochen erleben musste, wie seine Mutter am Steuer ohnmächtig wurde. Das Kind schaffte es, den Wagen mit den Händen am Bremspedal zum Stehen zu bringen. Danach stand die Schülerin unter Schock. „Ihr einziger Gedanke war: ’Was ist mit meiner Mutter’“, sagt Otto. Und auch das weiß er: „Sie ist heute aus dem Krankenhaus entlassen worden.“

Am Donnerstag Angebot für Schulkinder

L. geht zurück zu seinem Lkw, grüßt die Leute von der Johanniter Unfallhilfe Northeim, die ihm zunicken, steigt in sein Führerhaus und denkt noch einmal an den Satz, den ihm der Polizist Arnecke mit auf den Weg gab: „Was kostet es, am Steuer mit dem Handy zu telefonieren? 100 Euro Bußgeld und einen Punkt in der Verkehrssünderdatei. Oder auch das Leben.“

Am Donnerstag sollen auf dem Autohof Northeim Radarmessungen ausgeführt werden – aber lediglich zu Demonstrationszwecken. Und speziell für Schulkinder haben Polizisten Informationen zum „toten Winkel“ bei Fahrzeugen zusammengestellt. GVN-Bezirksgeschäftsführer Harald Gast: „Wir werben für ein besseres Miteinander zwischen allen Verkehrsteilnehmern. Dadurch lassen sich gefährliche Situationen und Unfälle vermeiden.“

Ein Herz für Brummifahrer

Alexandra Friese misst mit technischer Hilfe die Körperzusammensetzung. Quelle: Meinhard

Ein Herz für Brummifahrer hat nicht jeder. Oft wird geschimpft, wenn die Lastwagen in scheinbar endlosen Kolonnen die Autobahnen verstopfen. Allerdings sitzen hinter dem Steuer Menschen. Darauf macht Christine Kroß aufmerksam. Sie ist Managerin des Logistik und Mobilitäts Cluster Göttingen/Niedersachsen und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen. Auf den Sicherheitstagen in Northeim (Aral Autohof an der A7 Ausfahrt 69) ist Kroß gegenwärtig mit Gleichgesinnten vertreten. Gemeinsames Anliegen ist es, Lkw-Fahrern Hilfen anzubieten.

„Sie haben in Deutschland keine Lobby. Viele Menschen bestellen sich über Amazon Dinge, wenn die dann über die Straße transportiert werden, sind ihnen die vielen Lkw aber nicht recht“, verweist Kroß auf ein gedankliches Ungleichgewicht. Sie hat sich Unterstützung gesucht bei Unternehmen aus dem Gesundheitswesen, wie dem Rehazentrum Rainer Junge, dem Promotio Gesundheitszentrum, MediMouse, der Paracelsus Klinik und zwei Ärzten. Unter dem Motto „Fit on Tour“ werden auf dem Autohof Leistungen angeboten, die Fahrer in der Tat wieder fit machen können. Zumindest zeitweise.

Spezialisten bieten kostenfrei Leistungen an

Um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Fahrern zu verbessern, bieten Spezialisten aus den Bereichen Medizin, Physiotherapie und Sportwissenschaften kostenfrei und unverbindlich Ergonomie- und Ernährungsberatungen, Rückenanalysen, medizinische Check-ups an. Alexandra Friese etwa hat einen Apparat zur Hand, mit dem sie die Körperzusammensetzungen messen kann. Also, wie viel Fett, wie viel Muskelgewebe, wie viel Wasser, wie viel aktive Zellmasse finden sich im Körper? „Dafür lassen wir einen leichten Wechselstrom durch den Körper fließen, anhand der gemessenen Widerstände können wir das Ergebnis ablesen“, fasst sich die junge Frau in der Erklärung kurz.

Monique Recknagel wiederum kennt sich aus mit dem Dehnen von Muskeln und Faszien. Für alle, die viel sitzen müssen im Berufsalltag, hat sie diesen Tipp parat: „Die nächste Position ist die beste.“ Will heißen: Keine noch so ideale Haltung ist acht Stunden lang gesundheitsfördernd.

Viele Fahrer haben gesundheitliche Probleme

„Unsere Erhebungen bei den Sicherheitstagen im vergangenen Jahr haben gezeigt, dass Berufskraftfahrer vermehrt unter Rücken- und Nackenbeschwerden, Kopfschmerzen, Knieproblemen und Stress leiden“, berichtet Christine Kroß aus den 2018 gesammelten Informationen. „Hier wollen wir mit unserem Präventionsangebot ansetzen und Tipps geben, sich auch unterwegs und ohne Fitnessstudio gesund zu ernähren und fit zu halten.“

Zudem gibt es die Möglichkeit, sich medizinisch von Ärzten durchschecken zu lassen, die auch Zeit für Beratungsgespräche anbieten. Denn in der Arbeitswoche haben Berufskraftfahrer keine Gelegenheit, einen Arzt aufzusuchen, sind sie doch ständig unterwegs. Alles in allem möchte Kroß die Botschaft in die Welt schicken, Brummifahrer einmal aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen und mehr Verständnis und Respekt zu zeigen für die Arbeit, die sie leisten.

Von Ulrich Meinhard

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