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Osterode Zeitreise mit der Eisenbahn im Südharz
Die Region Osterode Zeitreise mit der Eisenbahn im Südharz
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05:00 26.01.2019
ETA in Herzberg: Triebwagen im Herzberger Bahnhof, Gleis 26. Quelle: HEINZ-HELMUT HEIDENBLUTH
Herzberg

Am 1. Dezember vergangenen Jahres wurde die Eisenbahnstrecke Northeim-Herzberg 150 Jahre alt, am 1. August hat dann die gesamte Strecke Northeim-Nordhausen Jubiläum. Michael Reinboth vom Geschichtsverein in Walkenried hat aus diesem Anlass ein Buch veröffentlicht, in dem viele besondere Ereignisse aus der Zeit des Baus und aus 150 Jahren Bahnbetrieb auf der Strecke zusammengetragen sind.

Auf 240 Seiten wird nicht nur die Strecke mit ihren Bahnhöfen und Besonderheiten beschrieben, sondern es gibt auch eigene Kapitel zur Baugeschichte, zum Walkenrieder Tunnel, zur Rolle der Strecke während des Dritten Reichs und im Zweiten Weltkrieg (ein Beitrag von Paul Lauerwald aus Nordhausen), zur Entwicklung des Güterverkehrs und des Personenzug-Fahrplans. Ein Kapitel widmet sich dem aktuellen Zustand der Strecke und dem heutigen Fahrplan mit seinen Stärken und Schwächen. Sehr viele Bilder aus den letzten Jahrzehnten ergänzen das Werk. Keines davon wurde vorher in anderen Büchern publiziert. Hierbei haben viele Fotografen und Sammler Michael Reinboth unterstützt und Aufnahmen zur Verfügung gestellt.

Wir geben den Inhalt des Buches hier in Auszügen wieder und zwar aus dem Kapitel "Von Northeim nach Nordhausen im Jahr 2019 - Eine kleine Zeitreise", dass eine Zugfahrt von Northeim nach Nordhausen beschreibt:

"Dass wir überhaupt in der Lage sind, unsere Jubiläumsfahrt durchgehend von Northeim bis Nordhausen durchführen zu können, verdanken wir einerseits dem Umstand, dass es von 1948 bis 1989 auch zu Zeiten der innerdeutschen Grenze durchgehenden Güterverkehr über Walkenried und Ellrich gegeben hat, und andererseits, man kann es nicht oft genug wiederholen, der mutigen Tat einiger Eisenbahner am 12.11.1989, die mit einem Triebwagen den Reiseverkehr auf eigene Faust wieder in Gang brachten", stellt Reinboth fest. (...)

Verkehrsknotenpunkt Northeim

"Der Bahnhof Northeim kann auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken; denn im Jahre 1850 wurde mit dem Bau der Bahnanlagen begonnen, und am 1.4.1853 wurde die Bahnstrecke Hannover - Göttingen eröffnet und dem Betrieb übergeben. Wegen der außerordentlich günstigen Lage der Stadt ist der Bahnhof in den späteren Jahren zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt ausgebaut worden. Northeim wird nicht nur von der zur Zeit wichtigen Nord-Süd-Strecke berührt, die nach 1945 zu einer der dichtbelegtesten Strecken des Bundesgebiets geworden ist, sondern auch von den Strecken Northeim - Ottbergen, eröffnet am 15.1.1878, und Northeim - Walkenried, eröffnet am 1.12.1868. Die Ost-West-Verbindung war bis 1945 eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen im Deutschen Reich. Durch die jetzige Zonengrenze bedingt, wird diese einst so bedeutsame Eisenbahnstrecke für den Reiseverkehr nur noch bis Walkenried betrieben. Am Northeimer Bahnhof halten 2019 täglich rund 120 Reisezüge und damit mehr als in den 149 Jahren zuvor - bis auf 3 sind es allerdings Züge des Nahverkehrs. Unzählige Güterzüge rollen durch. (...)

Katlenburg ist nach Rückbau nur mehr Haltepunkt, allerdings mit zwei erneuerten Bahnsteigen und reichlich Parkplätzen für Pendler, die vorzugsweise aus Osterode und Umgebung kommend hier die Züge nach Göttingen besteigen. Beim Überqueren der Bundesstraße nach Osterode erhaschen wir einen ersten Blick auf die Harzberge, passieren die Stelle der ehemaligen Blockstelle Lindau und das Vorwerk Albrechtshausen und nehmen dann schnurgerade Kurs auf Wulften.

Vom Bahnknoten Wulften blieben auch nur ein Haltepunkt mit erneuerten Bahnsteigen. Das imposante Backsteingebäude des Bahnhofs freilich steht noch und wird privat genutzt. Ein altes Signal erinnert an die frühere Bedeutung Wulftens als ’Tor zum Eichsfeld’. (...)

Hattorf als eines der größten Dörfer in Niedersachsen weist ein starkes Fahrgastaufkommen auf. Der Ort, infrastrukturell gut ausgestattet, profitiert von seiner guten Lage in Bezug auf das Oberzentrum Göttingen. Der Bahnhof wurde 1987 in einen Haltepunkt umgewandelt. Das alte Empfangsgebäude steht aber noch, ist bewohnt und wurde bis vor kurzem unter anderem gastronomisch genutzt.

Hinter Hattorf geht es zunächst schnurgerade und im Angesicht der Harzberge weiter, bevor sich der Zug nach Überqueren der Straße zum Auekrug in eine Linkskurve legt. Es geht merklich bergauf. Wir durchqueren die Aue, links zieht sich der ’Philipps’ genannte Höhenzug entlang, der in den Schlossberg übergeht, dessen Krönung, das Herzberger Welfenschloss, das größte Fachwerkschloss in Niedersachsen, wir kurz vor der Einfahrt in den Herzberger Bahnhof links oben erblicken können. Von links kommt die ebenfalls im Stundentakt befahrende Westharzstrecke von Seesen - Osterode heran, im Hintergrund sehen wir das Gelände der ehemaligen Homann-Werke: Der Bahnknoten und Betriebsmittelpunkt Herzberg am Harz ist erreicht. Herzberg ist ein stündlich zur halben Stunde bedienter Taktknoten, ein ’30er-Knoten’, denn es treffen Züge von und nach Braunschweig, Northeim und Nordhausen sowie Busse von und nach Bad Lauterberg zusammen.

Rangierbahnhof Herzberg

Der Bahnhof von Herzberg entwickelte sich nach und nach: 1870 kam die Strecke nach Osterode hinzu, welche ein Jahr später bis Seesen verlängert wurde, 1911 die Strecke nach Bleicherode über Zwinge, am 1.8. 1914 wurde die Unterführung des Personenbahnhofs in Betrieb genommen, 1931 folgte noch das Industriegleis nach Siebertal. Es gab einen Lokbahnhof mit Lokschuppen und Bekohlungsanlage und analog zu Nordhausen einen kleinen Kopfbahnhofsteil für die Züge von und nach Osterode, hier sogar mit Drehscheibe, außerdem einen kleinen Rangierbahnhof. Mit dem Eisenbahnanschluss konnte sich die bis heute beachtliche Industrie (Homann, Pleißner, Herzberger Papierfabrik Ostushenrich in Lonauerhammerhütte) weiterentwickeln, die Eisenbahn brachte selbst eine größere Anzahl an Arbeitsplätzen mit sich, und der Einwohnerzuwachs bescherte dem seinerzeitigen Flecken am 25.10.1929 die Stadtrechte.

Der bis dahin eher kleine Rangierbahnhof erhielt 1958 mit der Verlegung der Zollabfertigung von Walkenried hierher neue Funktionen. Die Strecken nach Zwinge und Siebertal sind Geschichte. Das Gelände des bis 1991 zur Zugbildung genutzten Rangierbahnhofs wurde inzwischen massiv zurückgebaut, auf der anderen, linken Bahnhofsseite werden jedoch zwei bis drei Mal pro Woche Ganzzüge mit Holz auf privaten Gleisen der Firma Holz-Reimann beladen.

Die noch vorhandenen zwei Stellwerke, darunter der schöne Fachwerkbau auf dem Mittelbahnsteig, werden allerdings mit Inbetriebnahme des elektronischen Stellwerks in Göttingen nicht mehr benötigt. Auch das stattliche Empfangsgebäude steht leer. (...)

Rund 1.500 Fahrgäste täglich frequentieren die Südharzer Drehscheibe. Nach nur einer Minute setzt sich unser Zug wieder in Bewegung, unterquert die Brücke der Straße nach Pöhlde, lässt die Reste der alten Strecken nach Bleicherode (heute Radweg zur Rhumequelle, rechts) und Siebertal (links) liegen und eröffnet einen schönen Blick auf die Harzberge.

Für den Eisenbahnfan sind die erkennbaren Reste des 1983 aufgehobenen Schienenbus-Haltepunktes Scharzfeld West und ganz sicher die Anlagen der Dolomitwerke Wülfrath ebenso interessant, denn hier werden regelmäßig Ganzzüge mit Kalk beladen, im Sommer zusätzlich Düngerzüge. Das Werk verfügt über eine eigene Kleinlok. Die Bedienung haben inzwischen ausschließlich private Güterbahnen übernommen. Das Empfangsgebäude des zugunsten des Haltepunktes Bad Lauterberg-Barbis aufgehobenen Bahnhofs gleitet links vorüber, gefolgt vom alten Abzweig der Nebenstrecke nach Bad Lauterberg und St. Andreasberg. Die zwei Scharzfelder Stellwerke werden mit Umstellung der Technik ebenfalls nicht mehr benötigt.

Es tönt blechern, wir überqueren die von Bad Lauterberg kommende Oder, die lange Steigung hinauf zum Scheitelpunkt nach Osterhagen beginnt. Am Fuß derselben haben wir den gänzlich neu eingerichteten Haltepunkt Bad Lauterberg-Barbis erreicht, der sich inzwischen einer recht hohen Nutzerzahl erfreut. Es geht oberhalb des langgestreckten Lauterberger Stadtteils Barbis in langgezogenen Kurven weiter bergan. Bald darauf taucht ebenfalls links die imposante Winkeltalbrücke der B243n auf, bevor unser Zug das Plateau von Osterhagen - Dorf mit Kirchturm rechts - und damit mit 321 m den höchsten Punkt der Strecke überhaupt erreicht. Heute brummen wir hier nur noch durch, der Bahnhof wurde 1976 geschlossen, das Empfangsgebäude abgerissen. (...)

"Kolonie" an der Bahnstrecke

Am ehemaligen Bahnhof Tettenborn - bis zur Inbetriebnahme der Sachsaer Station ’Tettenborn-Sachsa’ - im Ortsteil ’Kolonie’ kommen wir endgültig mit dem Gipskarst des Südharzes in Berührung, denn rechts erstreckt sich der Trogstein mit alten und noch aktiven Steinbrüchen und diversen Höhlen. Das Fachwerk-Empfangsgebäude von Tettenborn, einem bis 1945 für viele Dörfer im Kreis Grafschaft Hohenstein wichtigen Bahnhof, wurde 1969 abgerissen, der Reisezughalt 1976 aufgehoben. Der Name ’Kolonie’ lässt erahnen, dass diese ca. 1 km vom eigentlichen Ort Tettenborn entfernte Siedlung ihre Existenz der Eisenbahn und der sich hier nachfolgend ansiedelnden Industrie verdankt. Hinter der Straßenbrücke links erkennen wir auch noch den Rest eines dieser Betriebe, der früheren Holzwarenfabrik der Gebrüder Lohoff, die eigens wegen der Eisenbahn von Benneckenstein im Harz hier her kamen.

Im Bad Sachsaer Stadtteils Neuhof, der seinerseits von einigen Gipsbrüchen dominiert wird (...), wurde 1898 als Nachzügler der Bahnhof - betrieblich immer ein ’Haltepunkt’ - Bad Sachsa errichtet, der 1913 das heutige Gebäude erhielt, noch sehr viel später, nämlich 1953, dann der längst wieder verschwundene Güterbahnhof. Das leerstehende Empfangsgebäude macht einen traurigen Eindruck, hat aber mit dem Betrieb auf den beiden Bahnsteigen des heutigen Haltepunktes nichts mehr zu tun.

Kurz vor dem Bahnhof Walkenried lässt unser Zug eine Ruine links liegen: Es ist der Rest des alten Schotterwerks der Südharz-Eisenbahn Walkenried - Braunlage, welches nur wenige Jahre betrieben worden ist. Rechter Hand werden die Gipsklippen des ’Höllsteins’ sichtbar, aber wir sollten doch lieber links hinausblicken, wo wir nacheinander die noch völlig intakten und bewohnten alten Empfangsgebäude der von 1899 bis 1962 verkehrenden schmalspurigen Südharzbahn Walkenried - Braunlage und der ’Staatsbahn’ zu sehen bekommen. Am stattlichen tudorgotischen Staatsbahnhof rollen wir langsam vorbei und kommen am Bahnsteig vor dem deutlich nüchterner ausgefallenen Neubau von 1992 zum Stehen. (...)

Walkenrieder Tunnel

Rechts tritt der Itelteich an die ab dem Bahnhof Walkenried seit 1950 nur noch eingleisig betriebene Strecke heran, dahinter die hoch aufragenden Gipsfelsen der Itelklippen - und schon umfängt uns das Dunkel des 268 Meter langen Walkenrieder Tunnels, des einzigen im gesamten Streckenverlauf. Es wird wieder hell, und wir sind auf der Ellricher Seite angelangt (...). Vom legendären Grenztor, den Beschaubrücken, den Zäunen und den Hundezwingern keine Spur mehr, und vom einstigen Grenzbahnhof sind nur mehr drei Gleise in Betrieb, diese allerdings komplett erneuert.

Zwischen Ellrich und Nordhausen-Salza haben wir es nun immer wieder mit Überresten alter Gleisanlagen zu tun, die im Zusammenhang mit den Tätigkeiten der ’Wifo’ und des ’Mittelwerks’ während des Zweiten Weltkriegs hier angelegt worden sind. Der Bahnhof Nordhausen ist immer noch ein veritabler Nahverkehrsknoten mit rund 80 Abfahrten am Tag. Hinzu kommen einige hundert Stadt- und Landbusse und Straßenbahnen auf dem Bahnhofsplatz und natürlich die Züge der HSB im Bahnhof Nord."

Das Buch "150 Jahre Eisenbahnstrecke Northeim - Nordhausen" von Michael Reinboth ist im Papierflieger-Verlag, Clausthal-Zellerfeld, erschienen, ISBN 978-3-86948-659-8.

Von Martin Baumgartner

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