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Osterode Die Geschichte der Grosse’schen Schmiede in Hattorf am Harz
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07:00 18.03.2019
Schmiedemeister Wilhelm Grosse junior am Amboss, ca. 1970. Quelle: r
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Hattorf

Bis ins Jahr 1975 gab es in der Mitteldorfstraße 24 in Hattorf eine Schmiede, die an dieser Stelle mehr als 250 Jahre im Besitz der gleichen Familie war. Die Schmiedetradition der Familie Grosse reichte über ein Scharzfelder Linie sogar noch hundert Jahre weiter zurück. Der letzte Schmiedemeister, aus der Familie, der in Hattorf tätig war, hieß Wilhelm Grosse – wie sein Vater, der von 1919 bis 1933 auch Bürgermeister seines Heimatdorfes und seit 1956 Ehrenbürger der Gemeinde Hattorf war. In dem Haus in der Mitteldorfstraße, das Wilhelm junior seiner ältesten Tochter Erika vererbt hatte, lebt heute seine Enkeltochter mit ihrem Mann.

Das Grosse’sche Haus in der Mitteldorfstraße. Quelle: r

Einer anderer Sohn des Schmiedes Wilhelm Grosse senior war der Pastor August Wilhelm Grosse aus Lüneburg, der auch ein Buch über „Wilhelm Busch in Hattorf“ verfasst hat. Er hatte zum 250. Jahrestag der Grosse’schen Schmiede in Hattorf einen Artikel für die Serie „Unter dem Harze“ verfasst, der am 15. März 1969 im Osteroder Kreis-Anzeiger erschienen ist. Diesen alten Bericht sowie einige historische Fotografien haben Wilhelm Kirchhoff und seine Frau Ilse, eine Tochter des Schmiedes Wilhelm Grosse junior, aufbewahrt und dem Harz Kurier für eine Veröffentlichung anlässlich des 300. Jahrestags zur Verfügung gestellt. Wir geben den alten Text hier vollständig wieder und haben die alte Schreibweise und die besonderen Ausdrücke übernommen:

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Der amtliche Kaufbrief vom 15. März 1719 meldet, daß „heut dato“ der Meister Andreas Hellemann „von den Erben des weiland Sel. Johann Jobst Böttger das Wohnhaus in Hattorf, zwischen Adam Elstem und Christoph Wemheuer belegen, nebst Scheuer und Stalle und den dahinter liegenden Garten ... und alles, was Erd- Mauer- und Nagelfest ist“ käuflich erworben hat. Vor dem Königlich und Churfürstlichen Amtsgericht wurde „ein fester unwiderruflicher Kauf geschlossen und vollzogen ...üme und für 432 Thlr“. Diese Kaufgelder sind vor Zeugen an die vorgenannten Erben „in einer unzertheilten Summa an lauter guter vollgeltender Hartmünze“ gezahlt worden.

Von Vater Andreas Hellemann übernahm der 1711 geborene Sohn Johann Andreas Hellemann die Schmiede. Doch mußte er bereits im Jahre 1758 das Haus und die Werkstatt an seinen 1736 geborenen Sohn Heinrich Andreas Hellenann abgeben. Er tat dies durch ein Testament vom 7. September 1758. Darin übergab er dem Sohne das Haus, die Werkstatt und den Garten mit allen, was Erd-, Mauer- und Nagelfest war. Er vollzog die Übergabe und begründete sie in seinem Testament mit seinen „kränklichen Umständen aber bei völligem Vorstande“ und vermerkte, daß der Sohn ihm in die Hand gelobte, für seine unverheiratete Schwester zu sorgen, „bis sie ausgetan“.

Da Johann Andreas Hellemann bereits am 13. Oktober desselben Jahres starb, hat der Sohn Heinrich Andreas spätestens von da an die Schmiede geführt. Leider starben ihm die Söhne – angeblich an den Schwarzen Pocken. Als er im Jahre 1789 verstarb, hinterließ er als Erben nur seine minderjährige Tochter Marie Elisabeth. An 16, Januar 1800 heiratete Marie Elisabeth Hellemann den Schmiedemeister Johann Christian Grosse. Seitdem trägt die Schmiede den Namen „Grosse“ und rückt damit in die Tradition einer Jahrhunderte alten Handwerkerfamilie, deren Stammsitz die Grosse’sche Schmiede in Scharzfeld war.

Stammbaum lässt sich bis ins 17. Jahrhundert nachweisen

Aus der Zeit vor dem 30-jährigen Kriege sind leider keine Urkunden mehr vorhanden. Doch ist anzunehmen, dass die Schmiede in Scharzfeld schon vorher bestanden hat und auch im Besitz der Familie Grosse gewesen ist. Urkundlich ist folgender Stammbaum nachgewiesen:

Andreas Grosse (1611 – 1694): Schmiedemeister in Scharzfeld,

Justus Grosse (1644 – 1730): Schmiedemeister in Scharzfeld,

Jürgen Grosse (1678 – 1753): Schmiedemeister in Scharzfeld,

Bastian Grosse (1718 – 1779): Schmiedemeister in Scharzfeld.

Dessen Sohn Johan Justus Grosse ist noch in Scharzfeld geboren, hat aber im Jahre 1773 in Pöhlde eine neue eigene Schmiede angelegt, weil sein Bruder Christoph die elterliche Werkstatt in Scharzfeld übernahm.

Schmiedemeister Wilhelm Grosse junior am Amboss, ca. 1970. Quelle: r

Die behördliche Konzession zur Gründung der Pöhlder Schmiede hat folgenden Wortlaut: „Das Gesuch des Grobschmiedes Johann Just Grosse aus Scharzfeld um Concession zu Anlegung einer neuen Schmiede in der Dorfschaft Pöhlde findet einiges Bedenken, weil im besagten Dorfe bereits zwei Schmieden vorhanden sind. Da sich aber der Supplicant erklärt, daß er, um diesen die Nahrung nicht zu entziehen, sich aller Arbeit im Dorfe Pöhl de enthalten und bloß mit auswärtiger begnügen wolle, ... so wollen wir ihm unter obiger Bedingung die Anlegung einer Schmiede in der Dorfschaft Pöhlde verstatten. Wir Königl. Großbrith.& Geheimte Rathe Hannover, den 22. Julius 1773 An das Amt Hertzberg“.

So entstand neben der Stammschmiede in Scharzfeld nun auch in Pöhlde eine Grosse’sche Schmiede. Dem Meister Johann Justus Grosse wurde dort am 29. Dezember 1774 der Sohn Johann Christian Grosse geboren und am 16. Januar 1775 daselbst getauft. Dieser Johann Christian Grosse schloß am 31. Dezember 1799 vor dem Amtsgericht in Herzberg mit Marie Hisabeth Hellemann den Ehe-Revers und heiratete am 16. Januar 1800 in die Hellemannsche Schmiede zu Hattorf ein.

Von ihm erbte der Sohn Friedrich Grosse (1805 – 1866) die Hattorfer Schmiede. Von dem übernahm der Sohn Wilhelm Grosse (1835 – 1911) die väterliche Werkstatt. Danach trat der Sohn Wilhelm Grosse (1876 – 1964) das Erbe an und übergab es am 1. Januar 1938 an seinen ältesten Sohn Wilhelm Grosse, der noch heute die Hattorfer Schmiede führt.

Die Geschicke dieser alten Schmiede sind natürlich aufs engste verwoben mit der Geschichte des über 1000 Jahre alten Dorfes. Der 1911 verstorbene Meister Wilhelm Grosse war lange Zeit Rechnungsführer der Kirchen- und Schulgemeinde. Sein Sohn war in den schweren Jahren von 1919 bis 1933 Bürgermeister und seit 1956 Ehrenbürger der Gemeinde Hattorf.

Doch auch die große Geschichte der Völkerpolitik spiegelt sich in der Chronik dieser Dorfschmiede: Da die Kurfürsten von Hannover in der Zeit von 1714 bis 1837 zu gleich Könige von Großbritannien waren, tragen alle Urkunden dieser Zeit zwei Siegel mit verschiedenen Wappen: das königlich Großbritannische mit dem Monogramm des Englischen Königs und daneben das Hannoversche mit dem springenden Pferde. Je nach Gewichtigkeit der Beurkundung fungieren entweder königlich kurfürstliche Beamte oder königlich Großbritannische und Geheimte Räthe.

Wandergeselle und Soldat in Napoleons Dienste

Als der junge Christian Grosse wenige Jahre nach der französischen Revolution nach Handwerkerbrauch auf die Wanderschaft ging und als Schmiedegeselle auch nach Frankreich kam, wurde er dort in Napoleons Dienste gezwungen. Ein Urlaubsschein im Familienarchiv verrät es: „Vorzeiger dieses Passes Gefreiter Christian Grosse vom 340 Grenadier-Bataillon der Vacanten Compagnie hat auf sein Ansuchen bis auf Ordre Urlaub und die Freiheit erhalten, bis dahin zu Pöhlde, Amt Herzberg, oder in der Nachbarschaft zu bleiben, und ist daher allenthalben, wo er passiert oder sich aufhalt, als ein Beurlaubter anzusehen und zu behandeln, welches ich in ähnlichen Fällen zu erwidern bereit bin. Cantonnement Wilstaedt, den 7. Julius 1798 du Plat Lieutenant“ Der Urlauber scheint aber bald danach wieder ganz frei zu sein, denn er heiratet ja anderthalb Jahre später nach Hattorf. Aber die Kriege Napoleons und das Regiment seines Bruders Jérôme brachten viel Not über das Land und wohl auch über das Handwerk.

Als unser Hannoverland 1866 von Preußen annektiert wurde, wies der damalige Meister Wilhelm Grosse es weit von sich, ein Preuße zu sein. Man dachte immer noch Hannoversch. Doch schon sein Sohn, der 1876 geboren war, wurde mit 20 Jahren fürs Garde du Corps in Potzdan gemustert und hat in der Metropole Preußens drei Jahre gedient. Weil er 1933 nicht in die Partei gehen wollte (Anm. d. Red.: gemeint ist die NSDAP), hat er lieber seinen Dienst als Bürgermeister quittiert, So brandeten die Wogen der großen Politik bis an den Amboß und die Esse dieser Dorfschmiede.

Familienrezept für das Schweißen von Gussstahl

In gleicher Weise hat die Schmiede an der geistigen und technischen Entwicklung ihrer Jahrhunderte teilgehabt: In den ersten Generationen wurde das Handwerk vom Vater auf den Sohn vererbt. Der Sohn lernte in der Werkstatt des Vaters und weitete dann seinen Horizont als Geselle auf der Wanderschaft. Man schaute sich um und lernte dazu, was es zu lernen gab. Das Familienarchiv verwahrt ein Rezept für das Schweißen von Gußstahl, das einem Alchimisten Ehre machen könnte, wenn es nicht von einem wandernden Schmiedegesellen verfaßt wäre.

Die Grosse’sche Schmiede betrieb hauptsächlich Hufbeschlag, Wagen und Ackergerätebau, ebenso Nagel-, Schlüssel- und Werkzeugfabrikation. Doch pflegte immer einer aus der Werkstatt auch Bau- und Kunstschmiedearbeiten, von denen verschiedene Grabmäler auf dem Dorffriedhof und mancherlei kunstvolle Gitter und Beschläge noch Zeugnis geben.

Der jetzige Meister Wilhelm Grosse hat die Zentrallehrschmiede in Hannover besucht und dort die Prüfung für den Hufbeschlag bestanden. Vor der Handwerkskammer in Hildesheim hat er die Meisterprüfung abgelegt und in Berlin den Landmaschinenbau erlernt. Sein Sohn hat ebenfalls das Schmiedehandwerk gewählt und sein Gesellenstück gemacht. Nach einigen Gesellenjahren hat er sich durch Schulbesuch und Studium zum Wirtschaftsingenieur weiter gebildet. So hat die Grosse’sche Schmiede durch zweieinhalb Jahrhunderte lebendigen Anteil an der Geschichte und Entwicklung der Gemeinde Hattorf, Sie hat – von ihrer Scharzfelder Linie her -- durch mehr als dreieinhalb Jahrhunderte Schritt gehalten mit dem geistigen und technischen Fortschritt unserer Wirtschaft. Man kann nur wünschen, daß das Handwerk um seiner inneren Werte willen bestehen bleibt, und das auch in der Industrialisierung und der fortschreitenden Automation der gute Geist des Handwerks, seine Redlichkeit und seine Treue, lebendig bleibt.

Von Martin Baumgartner

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