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Osterode „Ich habe sieben Leben“
Die Region Osterode „Ich habe sieben Leben“
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17:34 02.01.2019
Gregor Gysi Quelle: Joachim Gern
Osterode

Gregor Gysi ist wohl so etwas wie der letzte Pop-Star des Politikbetriebs. Zwar kommt er erst am 4. April zur Lesung nach Osterode. Aber er stand schon jetzt Rede und Antwort im Interview mit Thomas Kügler.

Herr Gysi, Sie sind schon unterwegs auf Lesereise. Was sind ihre ersten Eindrücke?

Die Veranstaltungen laufen gut, aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Das merke ich an den Fragen, die im Anschluss gestellt werden. In Westdeutschland haben die Veranstaltungen einen aufklärerischen Charakter, im Osten ist man eher an meiner bewegten Familiengeschichte interessiert.

Der Titel Ihrer Biografie lautet „Ein Leben ist zu wenig“. Wie viele Leben hätten Sie denn gern?

Sieben Stück wie Che Guevarra. Nein, im Ernst. Mein erstes Leben waren Kindheit und Jugend. Dann kam mein zweites Leben als Student, mein drittes als Anwalt. Mein viertes Leben fand in der Umbruchphase der Wende mit all ihren Unwägbarkeiten statt. Das fünfte Leben war mein Leben als Politiker, der vielen Anfeindungen ausgesetzt war. Nun bin ich von der Mehrheit akzeptiert und damit im 6. Leben. Bald beginnt mein 7. Leben und darauf freue ich mich.

Haben Sie dafür schon einen Termin gesetzt?

Nein, einen Termin gibt es noch nicht. Aber ich habe mir fest vorgenommen, die Privilegien das Alters zu genießen. Ich werde aber bestimmt nicht über Krankheiten lamentieren, das ist so ermüdend.

Vor drei Jahren haben Sie mit Friedrich Schorlemmer „Was bleiben wird“ veröffentlicht, jetzt die Autobiografie. Zieht Gregor Gysi schon die Bilanz seines Lebens?

Das kann man so sagen. Aber das mache ich schon seit meinem 5. Leben. Ich mache auch ganz andere Dinge, wie Moderator. Seitdem sehe ich vieles abgeklärter und ich habe gelernt, zuzuhören. Ich beanspruche nur zehn Prozent der Redezeit, den Rest überlasse ich meinen Gästen. Meine Kinder betonen immer wieder, dass ich zwar weniger Zeit als früher habe, dafür aber intensiver zuhöre. Mittlerweile stehe ich ein wenig über den Dingen und kann auch gut Menschen zuhören, die anderer Meinung sind. Das macht die Gespräche weitaus interessanter. Ich muss auch nicht mehr jeden Beschluss meiner Partei mittragen. Im Alter wird der Gruppenzwang immer geringer.

Angela Merkel hat ihren Rückzug auf Raten eingeläutet. Inwieweit wird sie Ihnen fehlen?

Ich kann sie verstehen, aber Angela Merkel tut mir leid. Sie hat den Zeitpunkt verpasst. Ihren Rückzug hätte sie schon zur Mitte der letzten Legislaturperiode einläuten sollen. Dann hätte sie den Gang der Dinge bestimmen können. Aber schon die Abwahl von Volker Kauder als Fraktionsvorsitzenden hat gezeigt, dass sie das Heft des Handels nicht mehr in der Hand hält. Angela Merkel hat unbestritten eine ganze Reihe von Verdiensten. Aber der Zug ist abgefahren, um in diesem Land noch etwas zum Positiven zu wenden. Immerhin bilden Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer eine Einheit und somit bleiben der Stillstand und die Große Koalition erhalten.

Kommen wir zu einer anderen Reizfigur. Wie groß wird der Erfolg von Sahra Wagenknecht und ihre Bewegung „Aufstehen“ sein?

An dem Erfolg habe ich so meine Zweifel, weil ich über reichlich Erfahrungen in dem Bereich verfüge. Eine Bewegung ist dann erfolgreich, wenn sie sich einem Thema widmet. Dann kann man Hunderttausende Menschen auf die Straßen bringen, sei es in Berlin oder anderswo. Das funktioniert nicht, wenn man sich um die Themen von A bis Z kümmern will. Das ist aus meiner Sicht die Aufgabe von Parteien.

Was kann Deutschland von den Gelbwesten lernen?

Die Franzosen zeigen uns, wie man Widerstand leisten kann. Was mir gar nicht gefällt, ist die Tatsache, dass dort auch viele Rechte in der Suppe herumrühren. Was wir sonst noch lernen können, ist die Tatsache, dass wir aufhören müssen mit dem ‘Weiter so’. Die Auseinandersetzungen in Frankreich zeigen, dass der Vertrauensverlust der politischen Eliten enorm ist. Das hat eigentlich schon die Wahl von Donald Trump gezeigt, aber viele haben es nicht verstanden. Wenn wir so weitermachen, dann haben wir in vier oder fünf Jahren unseren deutschen Donald Trump.

Was muss sich an der Politik in Deutschland ändern?

Sie muss glaubwürdiger werden. Es kann nicht sein, dass die Bundesrepublik das militärische Eingreifen im Kosovo seinerzeit mit gefährdeten Menschenrechten begründet und heute zu den Vorgängen in Saudi-Arabien schweigt. Die Saudis führen im Jemen einen Krieg und die Seeblockade wird mit Schiffen von deutschen Werften durchgezogen. 20 Millionen Menschen im Jemen droht so der Hungertod. Anderes Beispiel: Wenn ich als Schwarzfahrer erwischt werde, dann muss ich nicht nur den Fahrpreis, sondern auch ein Bußgeld zahlen. Die Autohersteller haben jahrelang eine Schummelsoftware in ihren Wagen installiert. Damit haben sie auch die Kunden betrogen, müssen aber kein Bußgeld bezahlen. Ganz im Gegenteil, sie werden von der Bundesregierung sogar noch hofiert. Das ist nur schwer nachvollziehbar und bestimmt nicht glaubwürdig. Diese Ungleichbehandlung nervt die Wählerinnen und Wähler.

Vor zwei Jahren haben Sie die These aufgestellt, dass viele Wähler von der Linken zur AfD umschwenken, weil die Linke keine Oppositionspartei mehr ist. Bleiben Sie dabei?

Ja, man kann ja nicht leugnen, dass wir in Berlin, Brandenburg und Thüringen an der Regierung beteiligt sind. Aber man muss auch die besondere Situation berücksichtigen. Viele Ostdeutsche fühlen sich als die Verlierer des Krieges und der Einheit. Nach der Einheit gab es eine Massenarbeitslosigkeit riesigen Ausmaßes. Nun fürchten viele, von den Migranten vom Arbeitsmarkt verdrängt zu werden. Außerdem war die DDR eine geschlossene Gesellschaft, und abgesehen von Berlin, Leipzig und Rostock gab es dort keine Ausländer in der Öffentlichkeit. Viele hier sehen sich als Deutsche zweiter Klasse und wollen eben Menschen dritter Klasse unter sich sehen. Interessanterweise können gerade die Grünen von der Situation profitieren. Sie stellen sich als Gegenpol zur AfD dar, obwohl sie es nicht sind.

Die Parteien der Linken sind seit Jahren in der Defensive. Was wäre ein linkes Projekt, dass man optimistisch angehen sollte?

Da fällt mit zuerst der Frieden ein. Wir brauchen ein weltweit koordiniertes Vorgehen gegen die zahlreichen Kriege. Auch die soziale Frage müssen wir mittlerweile weltweit stellen. Die Digitalisierung und das mobile Internet haben sie zu einer globalen Angelegenheit gemacht. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um das Klima zu retten. Aber vor allem müssen wir die europäische Integration nach vorne bringen, denn die ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Von Thomas Kügler

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