Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Osterode Dieser Fake-Blitzer soll Raser abschrecken
Die Region Osterode Dieser Fake-Blitzer soll Raser abschrecken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:26 26.11.2018
Bianca und Daniel Kuttert haben aufgrund der Verkehrssituation in der Wiedaer Ortsdurchfahrt einen Fake-Blitzer in ihrem Vorgarten installiert. Quelle: Thorsten Berthold
Anzeige
Wieda

Es ist eine Schrecksekunde für die meisten Autofahrer, wenn vor ihnen ein Blitzer auftaucht. Seit Kurzem sorgt ein sogenannter Starenkasten in Wieda für zum Teil emotionale Diskussionen bei Einheimischen und Pendlern – denn hierbei handelt es sich nicht um eine echte, festinstallierte Messanlage, sondern um eine Attrappe. Bianca und Daniel Kuttert haben diese auf ihrem Grundstück installiert, in der Hoffnung die Verkehrsteilnehmer in ihrem Fahrverhalten wachzurütteln.

„Wir haben nicht mit einem so großen Echo auf die Aktion gerechnet“, erklärt das Ehepaar unisono. Ausgangspunkt der Aktion waren die Geburten ihrer beiden Kindern. Seit dieser Zeit hätten sie regelmäßig überlegt, was man gegen die nach ihren Beobachtungen tägliche Raserei vor der eigenen Haustür unternehmen kann. Das Problem sei laut Daniel Kuttert, dass die Wiedaer Ortsdurchfahrt gerade im Bereich der Südstraße eine lange, breite und gerade Strecke ist. „Egal ob die Lkw-, Auto- oder Motorradfahrer in den Ort rein oder rausfahren, die lange gerade Straße nutzen viele, um ordentlich Gas zu geben.“ Bestätigt fühlen er und seine Frau sich auch von der Geschwindigkeitsmesstafel, die wenige Häuser vor ihrem aufgebaut ist. Gerade wenn sie mit den Kindern spazieren gehen, könne man regelmäßig beobachten, dass die vorgeschriebenen 50 km/h nur wenige Verkehrsteilnehmer einhielten.

Anzeige

„Passiert ist nichts“

Gerade seit der Geburt der beiden Kinder haben sie sich damit beschäftigt, wie man der Lage Herr werden kann. „Ich habe mit der Gemeindeverwaltung, der Polizei und dem Landkreis regelmäßig telefoniert und auch geschrieben, passiert ist bislang aber eigentlich nichts“, betont Bianca Kuttert. Dabei fordern sie nicht speziell mehr Überwachung. „Eine Fahrbahnmarkierung und vielleicht deutliche Ausschilderung wären schon ein Anfang für uns.“

Dem Ehepaar ist dabei natürlich klar, dass zuallererst sie auf ihre Kinder achten müssen – auch, da man eben an einer Ortsdurchfahrt wohnt. Dennoch könne es nicht angehen, dass man zum Teil Angst haben müsse, die Straße zu überqueren. Hinzu komme auch die Lärmbelästigung: Gerade im Sommer sei es abends nicht mehr möglich, die Fenster offen zu lassen. „Die Autos und Motorräder brettern hier zum Teil durch, das ist nicht normal.“

Von Handzeichen zum Fake-Blitzer

Da von offizieller Seite nichts passiert sei, entschloss sich das Paar zum Handeln. Zunächst versuchten sie Verkehrsteilnehmern mit Handbewegungen dazu zu bringen, ihre Geschwindigkeit zu reduzieren. Da der Erfolg ausgeblieben sei, entschlossen sie sich die Attrappe zu besorgen. „Das war nicht schwer, die kann man im Internet kaufen. Eine Firma fertigt diese auf Bestellung an“, erzählt Bianca Kuttert. Vor Ort habe man den Kasten dann an eine Metallstange montiert – und zur besseren Erkennung auch noch das Wort Attrappe darauf geschrieben. Besonders charmant finden beide, dass eine der vermeintlichen Lampen aus dem Flaschenglas eines bekannten Babynahrungsherstellers besteht. „Wir wollen die Menschen einfach zum Nachdenken bringen und keinesfalls jemanden gefährden“, betont das Ehepaar ausdrücklich.

Kein Eingriff in Straßenverkehr

Dass man rechtlich gegen keine Vorgaben verstößt, wurde bereits offiziell geklärt. Bereits drei Tage nachdem der Fakeblitzer aufgebaut war, hatte das Paar Besuch von der Polizei. Wie Oberkommissar Jan Szandrach von der Station in Walkenried unserer Redaktion auf Nachfrage bestätigte, sei die Anlage kein Eingriff in den Straßenverkehr. Nicht erlaubt wäre die Anlage, wenn in diese auch Effekte wie Blitze oder Lichter eingebaut würden. Sollte es zu einem Problem in irgendeiner Form kommen, müsste dies zivilrechtlich zwischen den betreffenden Parteien gelöst werden.

Nicht so entspannt bewerten die Anlage hingegen vor allem einige Einwohner Wiedas. Speziell in den Sozialen Netzwerken wie Facebook gebe es Aufrufe, dass alle, die am Fake-Blitzervorbeifahren, laut hupen sollten. Zudem seien viele Kommentare erschienen, die fast in Bedrohungen mündeten. „Wir verstehen das Problem nicht, denn wer vorschriftsmäßig fährt, muss sich doch über nichts ärgern“, erklären die Beiden. Dass durchaus ein folgenschwerer Unfall in der Südstraße passieren kann, belegt ein Vorfall aus den 1970er Jahren. Damals war ein kleiner Junge angefahren und dabei tödlich verletzt worden.

140 km/h im Ort

Über das Thema Fake-Blitzer – oder die „neue Attraktion in der Südstraße“, wie einige Einwohner sie nannten – wurde bereits in der Politik diskutiert. Christopher Wagner, Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters, erklärte, dass er sich die Attrappe bereits angesehen und auch mit dem Landkreis Göttingen über sie gesprochen habe. Er betonte, dass sie keine Gefährdung darstelle und aufgestellt bleiben dürfe. „Nur ein Blitzlicht oder ähnliches darf nicht eingebaut werden, das kann den Verkehr dann wirklich ablenken.“

Dass es ein Problem mit Temposündern entlang der Ortsdurchfahrt gebe, bestätigten alle Ratsmitglieder aus ihrer eigenen Erfahrung. Klaus-Erwin Gröger gab dazu einen Einblick in die Auswertung der Geschwindigkeitstafel, die er nur wenige Meter vor der Blitzerattrappe angebaut hat. „Im Mittel fahren 80 Prozent der Fahrzeuge unter 50 km/h“, erklärte er. Allerdings gebe es eben auch viele, die schneller als erlaubt fahren. Besonders arg sei es abends, zwischen 22 Uhr und Mitternacht. „Fast täglich wird zu dieser Zeit ein Fahrzeug gemessen, das mit 140 km/h die Anlage passiert.“

Landkreis kontrolliert

Ratsfrau Christiane Hellberg erklärte, dass der Landkreis Göttingen in der Südstraße bereits Kontrollen vornehme. „Vielleicht müssten die Standorte mehr gewechselt werden, da sie eigentlich bekannt sind. Wer möchte, kann hier die Mitarbeiter des Landkreises ansprechen, um sein eigenes Grundstück zur Verfügung zu stellen“, erläuterte sie.

Ulrich Lottmann, Pressesprecher des Landkreises Göttingen, erklärte auf Nachfrage unserer Zeitung, dass es bislang sechs Messungen mit mobilen Geräten im Jahr 2018 in Wieda gegeben habe. „Geschwindigkeitskontrollen finden grundsätzlich auf Anregung von Gemeinden, von Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten oder auch von Bürgerinnen und Bürgern an potenziellen Gefahrenstellen statt und sind mit der Polizei abgestimmt. So ist das auch im Fall der Ortsdurchfahrt Wieda.“ Lottmann erklärte weiterhin, dass unter anderem Hinweise von Anwohnern der Anlass für eine Verkehrsschau am 30. Mai waren. „Dabei wurde auch die Notwendigkeit von Geschwindigkeitskontrollen erörtert.“

Eines steht aber fest: Ganz neu ist die Attrappe an dieser Stelle nicht. Bereits vor 20 Jahren hatte Bianca Kutters Vater Rolf Müller eine solche vor seinem eigenen Haus installiert, sie nach einiger Zeit aber wieder abgebaut. Auch das Ehepaar Kuttert will die Anlage nicht ewig vor dem Haus hängen lassen. Beide wünschen sich vor allem, dass auch von offizieller Seite mehr geschieht. „Wir hoffen, dass es nicht erst zu einem Unfall kommen muss.“

ZITATE

Egal ob rein oder raus – die lange Straße nutzen viele, um ordentlich Gas zu geben.

Daniel Kuttert, Anwohner, zu seinen Beobachtungen mit Rasern

Fast täglich wird zu dieser Zeit ein Fahrzeug gemessen, das mit 140 km/h die Anlage passiert.

Klaus-Erwin Gröger, Ratsherr, zur Auswertung der Messtafel

Ich habe mit der Gemeinde, der Polizei und dem Landkreis telefoniert, passiert ist nichts.

Bianca Kutter, Anwohnerin, über Probleme mit Rasern

Von Thorsten Berthold

22.11.2018