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Radolfshausen Von Klimawandel bis Imagewandel – Landwirte diskutieren beim Landvolktag
Die Region Radolfshausen Von Klimawandel bis Imagewandel – Landwirte diskutieren beim Landvolktag
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19:28 22.03.2019
Landvolktag in Landolfshausen: Gerald Dohme, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV) Quelle: Christina Hinzmann
Landolfshausen

Extreme Wetterlagen, Düngeverordnung, Ferkelkastration, Glyphosat, Artenvielfalt, Natur- und Wasserschutz, Öffentlichkeitsarbeit, Verbraucherverhalten, Nutztierhaltung. Die Palette an Themen beim Landvolktag mit 250 Gästen – darunter viele Vertreter des öffentlichen Lebens – war breit gefächert. Trotz aller Bemühungen ihrer Interessenvertreter um ein positiveres Image fühlen sich viele Landwirte in die Enge getrieben. Das Thema ist nicht neu, verschärft sich aber nach Eindruck nicht nur von Kreislandwirt Hubert Kellner: „Immer mehr Menschen mischen sich in Sachen ein, von denen sie nichts verstehen“, sagte Kellner und wehrte sich dagegen, dass die Landwirte immer wieder an den Pranger gestellt würden. Sachliche Entscheidungen, orientiert an wissenschaftlichen Erkenntnissen, sollten den Bezug zur Praxis nicht verlieren. „Es ist der Hof, der unser ganzes Leben prägt“, betonte Kellner: „Wir sind kein anonymes Agarindustriesystem, wirtschaften in und mit der Natur, schaffen die Ernährungsgrundlage für die Bevölkerung.“ Die immer schärferen Regeln und Vorschriften erinnerten ihn „an einen Staat, den es heute nicht mehr gibt“.

Kreislandwirt übt Kritik

„Mit dem Wetter kommen wir mehr oder weniger schon zurecht, mit der Politik wird es immer schwieriger“, meinte Kellner, monierte unter anderem Widersprüche in den aktuellen Tierwohl-Diskussionen zwischen Strohstall und Spaltenboden sowie bei der Einschätzung des Verbraucherverhaltens, kritisierte die Ackerbaustrategie des Bundes und die Novellierung der Düngeverordnung. Vom Dürrejahr sei in den Supermarktregalen nichts zu merken, mit immer schärferen Auflagen kein wirtschaftlicher Ackerbau zu betreiben, vorgegebene Qualitätsmerkmale nicht mehr zu erfüllen: „Die verarbeitende Industrie wird sich auf den Weltmarkt verlegen.“ Technisch sei die Generation 4.0 in den landwirtschaftlichen Betrieben bestens aufgestellt, das ständige Störfeuer und die gesellschaftliche Meinungsbildung durch NGOs tue weh.

Als Redner waren unter anderem Kreisrätin Christel Wemheuer und Gerald Dohme, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauern-Verbandes (DBV) zu Gast.

Dohme bemängelt Debattenkultur

Auch Gastredner Gerald Dohme bemängelte eine Debattenkultur, die immer weniger Raum für Differenzierungen lasse. Für viele Menschen sei schon der Begriff Nutztier nicht mehr zulässig, gab der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Bauern-Verbands (DBV) zu bedenken, dessen Struktur, Programm und Lobbyarbeit in Berlin und Brüssel er vorstellte. Im Bundestag seien nur noch wenige agrarnahe Abgeordnete vertreten, Tier- und Umweltschutzorganisationen hätten mehr als doppelt so viele Mitglieder wie die sieben Bundestagsparteien, der DBV mit vielen Ressentiments zu kämpfen. Dohm beklagte den „Bullerbü-Effekt („Am liebsten soll jedes Schwein totgestreichelt werden“) sowie die Ambivalenz von Kritik und Verbraucherhalten in vielen Köpfen – ohne „Verbraucher-Bashing“ betreiben zu wollen. Den Vorwurf, der nicht nur konventionelle Landwirte vertretende DBV habe die Bio-Strömung verschlafen, wies er zurück: „Wir sind bei Öko-Themen gut aufgestellt.“ Auch alte Allianzen müssten hinterfragt werden, ein Schulterschluss mit vermeintlichen Gegnern sei möglich. Als Beispiel nannte Dohme ein gemeinsames Projekt mit Michael-Otto-Stiftung und Naturschutzbund zu den Effekten von Greening-Maßnahmen. Damit habe man den Nachhaltigkeitspreis des Bundesumweltministeriums gewonnen – aber niemand darüber berichtet. Der Umgang mit der Wirkung von Bildern und neuen Medien müsse verbessert werden, das Göttinger Landvolk spiele bei dieser Kommunikationsstrategie eine Vorreiterrolle. In diesem Zusammenhang sei auch das Blühstreifen-Projekt genannt, das in den Reden aufgegriffen wurde.

Plädoyer für bessere Rahmenbedingungen

Als volkswirtschaftliche und politische Probleme für die Landwirtschaft nannte Dohme Fachkräftemangel, Handelskonflikte, gesellschaftliche Umbrüche und die Handlungsfähigkeit Europas. Für adäquate Rahmenbedingungen, um die Zukunftsfähigkeit der Betriebe zu sichern, plädierte Anna-Marie Bürger als Vertreterin der Jungen Landwirte Südniedersachsen. Auch ihr gehen die Debatten um Massentierhaltung und Glyphosat „auf die Nerven“. Bürger warb für den „schönsten Beruf der Welt“, die Praxis dürfe dabei nicht zu kurz kommen. Die Landwirtschaft brauche Partner und Berater, aber eben auch Landwirte.

Trinkwasser- und Artenschutz

Die erste Kreisrätin Christel Wemheuer würdigte das seit Jahrzehnten in Leader-Projekte eingebundene Landvolk als verlässlichen Dialogpartner auch bei kontroversen Themen wie der Flora-Fauna-Habitat-Sicherung vom Reinhäuser Wald bis zur Rhumeaue sowie Wasserschutzgebieten wie bei Obernfeld. „Auch hier gibt es Bereiche, in denen wir an die Nitrat-Grenze herankommen“, sagte sie und hob den transparenten Prozess hervor: „Wir können nicht weitere Brunnen schließen, auch das Harzwasser ist endlich.“ Als Herausforderungen nannte Wemheuer die nächste EU-Förderperiode, in der es – „Brexit hin oder her“ – weniger Geld zu verteilen gebe, Klimawandel, Artenschwund, den Erhalt kleiner Betriebe und Grünland-Sicherung.

Biblische Gleichnisse

Einen stets mit regionalen Produkten vollen Kühlschrank wünschte Samtgemeinde-Bürgermeister Arne Behre (SPD) allen Gästen und freute sich über die Wahl des Veranstaltungsortes Landolfshausen. Superintendent Friedrich Selter zog Analogien zur Bewahrung der Schöpfung und zur Bibel („Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte...“), zwischen Frühlingserwachen und dem Glauben an die Auferstehung. Aus dem Tod entspringe immer wieder Leben, die Natur stehe gleichnishaft für das Handeln Gottes, auch Jesus habe oft Bilder aus dem Ackerbau für seine Gleichnisse gewählt.

Landfrauen und Junglandwirte

Landfrauen-Kreisvorsitzende Michaela Diedrich kündigte an, nach 16 Jahren im kommenden Jahr ihr Amt zur Verfügung zu stellen – und räumte Probleme ein, eine Nachfolgerin zu finden. Auf den von ihr initiierten Arbeitskreis für betreuende Angehörige wies Diedrich ebenso hin wie auf die das Frauenfrühstück am 6. April in Krebeck und die im August geplante Kreisverbandsfahrt nach Berlin.

Für den geschmückten Saal und Catering beim Landvolktag sorgten die Landfrauen, für zünftige Klänge zwischen den Grußworten und Redebeiträgen die Oberleinetaler Musikanten aus Friedland. Die Liste der Ehrengäste, die Kellner aufführte, war lang, reichte von Bürgermeistern bis zu Behörden- und Verbandsvertretern. Für besondere Leistungen ehrte Kellner einige Landwirte, holte zudem Junglandwirte auf die Bühne, die nach ihrem Prüfungsabschluss jetzt durchstarten können.

Zwei Landvolkverbände im Landkreis

Der Göttinger Landvolk-Kreisverband habe rund 1500 Mitglieder, darunter 700 wirtschaftende Betriebe, teilt Geschäftsführer Achim Hübner mit. Da das Landvolk Osterode vor einigen Jahren mit Northeim fusioniert sei, gebe es jetzt zwei Landvolkverbände im Landkreis Göttingen. Die Zusammenarbeit sei unproblematisch. Im Altkreis Göttingen sei das Landvolk für 59 000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und 9000 Hektar Grünland zuständig.

Unterschiedliche Betriebsstrukturen

Das niedersächsische Landvolk ist einer von 18 Landesverbänden im 1948 gegründeten Deutschen Bauernverband. In der Dachorganisation, die Interessen von Land- und Forstwirten vertritt, sind mehr als 90 Prozent der rund 300 000 landwirtschaftlichen Betriebe Mitglied. Der stellvertretende DBV-Generalsekretär Dohme, der in Göttingen studiert, bei Nordzucker gearbeitet und die Fusionsdebatte in der Zuckerbranche begleitet hat, lebt in Hannover, ist 50 Jahre alt, hat vier Kinder und pendelt zwischen Berlin und Brüssel. Die Landesverbände seien sehr unterschiedlich, die Betriebsstrukturen heterogen, sagt Dohme. Bislang sei es dem parteipolitisch und konfessionell unabhängigen Verband mit 19 Fachausschüssen gelungen, verschiedene Interessen und Positionen zusammenzubringen. Der jährliche Etat liege bei rund zehn Millionen Euro, werde zu 63 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen gespeist, die Personalkosten würden bei lediglich 50 Prozent liegen. In der DBV-Geschäftsstelle in Berlin seien 60, in Brüssel sechs Mitarbeiter beschäftigt.

„Die einen sprechen von Agarlobbyismus, die anderen von Bauern-Hetzjagd“, sagt Dohme, um das Spannungsfeld der Verbandsarbeit zu skizzieren. „Die Glyphosat-Debatte zeigt, dass wir im politischen Loch stecken“, meint er: „Das Thema ist kaputt, sachliche Argumente zählen nicht mehr.“ 60 Prozent der Deutschen hätten noch nie mit einem Landwirt gesprochen.

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Von Kuno Mahnkopf

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