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Radolfshausen Rangelei auf der Bundesstraße
Die Region Radolfshausen Rangelei auf der Bundesstraße
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00:19 01.09.2017
   Quelle: dpa
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Waake

 Die beiden Männer leben im selben Eichsfelder Dorf, sind sich aber bis zu diesem Sonnabendmorgen im Dezember 2016 noch nie begegnet. Beide wollten an diesem Tag über die B  27 nach Göttingen. Nach zwei Überholmanövern standen sich die Männer aber Auge in Auge auf der Fahrbahn gegenüber.

Die Szene, das sich den Verkehrsteilnehmern bot, als sie an besagten Morgen am 17. Dezember gegen 9.30 Uhr die neue Ortsumgehung bei Waake passierten, muss befremdlich gewirkt haben. Zwei Autos stehen mitten auf der Fahrbahn der viel befahrenen Ortsumgehung. Sechs Personen waren ausgestiegen und beschimpften sich. Die Fahrer – ein junger Mann und ein Familienvater – schienen aufeinander losgehen zu wollen. Dann zückte der Jüngere eine Spraydose. Doch dazu später mehr.

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Der 22-Jährige, der seinen Widersacher riskant überholt, ausgebremst und besprüht haben soll, sitzt seit Dienstag als Angeklagter vor dem Duderstädter Amtsgericht. Alle anderen Beteiligten und einige Passanten nehmen nacheinander im Zeugenstand Platz. Sie alle erzählen ihre Version der Geschichte. Übereinstimmungen finden sich dabei nur wenige. Sicher ist, dass beide Fahrer den jeweils anderen überholt und anschließend ausgebremst haben. Unstrittig scheint sonst nur das Datum.

Die Überholmanöver

Der Angeklagte sagt, er habe an diesem Tag mit seiner schwangeren Freundin nach Frankfurt fahren und den 170-PS-Motor des schwarzen Mercedes auf den ersten Kilometern schonen wollen. Der Zeuge: „Der fuhr vor uns – mal schnell, mal langsam. So zwischen 80 und 100 Stundenkilometer.“ Seine Töchter und die Ehefrau sagen das auch – nahezu wortgleich. Der Angeklagte: Der Fahrer des weißen SUV sei ihm dicht aufgefahren, habe dann überholt, sei eingeschert und langsam geworden. Er sah sich genötigt, ebenfalls zu überholen. Dass er danach ebenfalls abbremsen musste, lag am Bauch seiner Freundin. Ihr war unwohl, sie hatte ihn gebeten anzuhalten. Der Zeuge: Der Mercedes habe ihn nicht überholen lassen. Er sei nach dem Überholen vom Gas gegangen, weil er ob der Fahrweise des Angeklagten Angst um das Wohlergehen seiner Familie gehabt habe.

Die Auseinandersetzung:

Der Angeklagte: „Er kam auf mich zu und wollte mich schlagen. Einmal hat er mich getroffen.“ Der Zeuge: „Er kam zuerst wutentbrannt aus seinem Auto. Aber wir haben uns gar nicht berührt.“ Laut weiterer Aussagen haben die Männer, „gedroht“, „geprügelt“, „geschubst“ oder „gerangelt“. Der Angeklagte: „Ich habe ihn gewarnt. Dann habe ich gesprüht.“ Der Richter: „Warum?“ Der Angeklagte: „Das wissen Sie doch. Ich bin Boxer. Wenn ich mich mit den Fäusten wehre, sieht es schlecht aus.“ Als sich die ältere Tochter schützend vor ihren Vater stellt, bekommt auch sie etwas aus der Sprühdose ab. Es sei außerdem gespuckt und getreten worden, sagt die ehemalige Freundin des Angeklagten, die heute seine Frau und Mutter der gemeinsamen kleinen Tochter ist, die hinten im Gerichtssaal sitzt.

Die Spraydose

Der Angeklagte betont, dass es sich bei „der Tatwaffe“ um sein Deospray gehandelt habe. Er habe es immer im Auto dabei, um nach dem Sport nicht zu stinken. Schwarze Dose, lila Schriftzug. Der Zeuge und seine Familie sind sich hingegen sicher, dass es Pfefferspray war. Schwarze Dose, roter Streifen. Vater und Tochter litten einen Tag unter Reizung der Haut und der Augen. Laut Zeugenaussagen kam aus der Dose mal „ganz klar ein Strahl“, mal „hundertprozentig eine Sprühwolke“. Die Polizei hat im Auto des Angeklagten eine schwarze Dose gefunden, die jetzt als Beweisstück vorliegt. Der Richter macht den Selbstversuch, unterbricht anschließend die Sitzung, um den Saal lüften zu lassen. Aber nur, weil ihm der Duft des Deos offensichtlich nicht gefällt.

Der Prozess wird am 15. September fortgesetzt.

Von Markus Scharf