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Radolfshausen Georg Fiedler und sein Leben mit den Weißstörchen
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17:41 05.08.2019
Georg Fiedler beringt Jungstörche auf Hof von Ludwig Pape in Seeburg. Quelle: Swen Pförtner
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Rohrsheim / Gieboldehausen

„Erst war es einer, dann drei“, sagt Fiedler. Seit Mittwoch seien es 13 Weißstörche, die zu ihrem abendlichen Stelldichein auf dem Kirchendach kommen. Fiedler plant, von seinem Wohnort im Harzkreis nach Gieboldehausen zu fahren, um persönlich Beobachtungen anstellen zu können. Besonders interessant für ihn ist, die Ringe auszulesen, um zu erfahren, um welche Störche es sich handelt und wo sie herkommen.

13 Weißstörche versammeln sich abends auf dem Dach der St.-Laurentius-Kirche in Gieboldehausen. Quelle: R (Martina Bode)

Gerade erst hat der Storchenbeauftragte in der Helmstedter Gegend viereinhalb Stunden ausgeharrt, bis ein Altstorch zu seinem Nest zurückkehrte. Durch sein Teleskop, das 60-fach vergrößert, konnte er erkennen, dass der Storch aus Nordspanien stammt. „Das ist eine Sensation“, sagt er. In Gieboldehausen müsste er nicht so lange warten. Allerdings könne es sein, dass die Tiere von einem auf den anderen Tag nicht mehr kommen, weil sie weiterziehen. „Das ist aber auch das Spannende, dass in der Natur nicht alles nach Fahrplan abläuft.“

Von Kindheit an

Fiedler hat bereits in der Kindheit seine Leidenschaft für Vögel entdeckt. „Mit acht Jahren streifte ich mit meinem Vater an einem Bächlein entlang“, erzählt er. Dort brütete eine Wildente. „Im Nest lagen zehn Eier.“ Für ihn sei es faszinierend gewesen, von oben in ein Nest schauen zu können. „Das war wohl der Auslöser.“ Später hat er nach einer juristischen Ausbildung lange Zeit als freiberuflicher Ornithologe gearbeitet.

Georg Fiedler ist Storchenbeauftragter. Seit 2007 kümmert er sich um das Gebiet zwischen Helmstedt, Peine, Göttingen und Halberstadt. Zu seinen Aufgaben zählt das Beringen von Jungstörchen aber auch das Erfassen des Bestandes

„Die juristische Ausbildung hat mir geholfen bei der Abhilfe der Gefährdung durch Strommasten“, sagt er. Jahrzehntelang arbeitete er in der Bundesarbeitsgruppe Stromtod des Nabu mit. Um das Jahr 2000 habe er mit zwei Mitstreitern entscheidend zu gesetzlichen Vorgaben in dem Bereich beigetragen. Danach sei es um die Umsetzung der Vorgaben durch die Energieversorger gegangen.

Daten erfassen

„2006 bin ich der Stimme des Herzens gefolgt und von Schleswig-Holstein in den Harzkreis gezogen“, sagt er. Von dort aus kümmert sich der Rentner ehrenamtlich als Storchenbeauftragter um das Gebiet zwischen Helmstedt und Peine bis Göttingen und Halberstadt. Er hat das Amt im Auftrag der staatlichen Vogelschutzwarte in Hannover übernommen. Seine Aufgaben: den Bestand erfassen, überwachen und Veränderungen registrieren. Die erfassten Daten fließen in ein landesweites Programm ein. Zusätzlich übermittelt er sie an den jeweiligen Landkreis und den Nabu. „Zu meinen Aufgaben zählt auch der Austausch mit der Unteren Naturschutzbehörde“, sagt Fiedler.

Die Störche auf dem Molkereischornstein werden vom Storchexperten Georg Fiedler beringt. Die Werksfeuerwehr der Firma Otto Bock hebt ihn mit dem Leiterwagen zu den sechs Wochen alten Jungstörchen hinauf. Quelle: Christina Hinzmann / GT

Die Behörde habe sich zum Beispiel mal bei Fiedler mit Bedenken in Gieboldehausen gemeldet, als auf dem Nachbargrundstück neben einem Storchennest mit vier Jungstörchen ein Baukran aufgestellt wurde. Der Experte teilte die Bedenken: „Die Jungen könnten in Panik geraten und aus dem Nest springen, wenn der Auslieger umschwenkt.“ Auch könnten die Elterntiere die Fütterung verweigern. Fiedler berichtete von einem Beispiel in Wolfenbüttel, wo die Krannutzung gestoppt wurde, bis die Jungvögel fliegen konnten. So wurde dann auch in Gieboldehausen verfahren.

„Ich bin auch beratend tätig, wenn irgendwo Nisthilfen gebaut werden“, erzählt der Fachmann. Ein wesentlicher Aspekt dabei sei, ob Freileitungen in der Nähe verlaufen. „Es müssen Verluste von Storchen an Freileitungen verhindert werden.“ In Obernfeld seien zum Beispiel zwei Strommasten umgebaut worden. Dort seien isolierende Trittbretter über den Masten angebracht worden, damit die Tiere nicht mit den unter Strom stehenden Teilen in Kontakt kommen. Freileitungen könnten mit Wimpeln an den Drähten gekennzeichnet werden. Die Nachrüstung bei vorhandenen Leitungen sei aber sehr teuer. „Wenn der Abstand nicht ausreicht, sollte man auf lieber auf die Nisthilfe verzichten“, sagt Fiedler.

Positive Entwicklung

Fiedler spricht von einer positiven Bestandsentwicklung des Weißstorchs. „Zu Beginn der meiner Weißstorchbetreuung 2007 erfasste ich 29 nistende Paare und 62 ausgeflogene Junge“, berichtet er. 2018 seien es 69 nistende Paare und 150 ausgeflogene Junge gewesen. Im Altkreis Göttingen habe sich zum Beispiel nach jahrzehntelanger Abstinenz 2001 das erste Paar in Gieboldehausen niedergelassen. Fünf Jahre später seien zwei weitere Paare im Seeanger bei Ebergötzen sowie in Seeburg bei Landwirt Ludwig Pape heimisch worden. 2012 habe ein weiteres Paar Lütgenhausen angesteuert. Im Jahr 2018 waren es insgesamt elf Paare mit 22 Jungen.

Die Jungstörche werden von Georg Fiedler beringt. Wenn er aber schon einmal oben am Nest ist, entfernt er aber auch gleich Fremdkörper. Er hat bereits Plastiktüten und -fetzen, Gummiteile, Arbeitshandschuhe rausgeholt. Manche Störche brächten auch anstelle eines Stockes ein Stück Stacheldraht mit. „Das schlimmste sind die dünnen Plastikfäden von Netzen, mit denen Rundballen zusammengehalten werden.“ Damit könnten sich die Jungvögel die Beine abschnüren.

Abfluss einrichten

Wichtig sei, dass die Nester wasserdurchlässig sind. „Ich habe beim Beringen auch schon mit einem Stock in der Mitte herumgestochert, um einen Abfluss zu schaffen.“ Das sei ein Aspekt, bei dem er als Beringer direkt Hilfe leisten könne. Die gefährlichste Zeit für die Jungvögel sei ein Zeitraum von drei bis fünf Wochen, in dem die Alten sie nicht mehr wärmen, sie aber auch noch nicht anhaltend stehen können. „Sie sitzen dann bei Starkregen wie in einer Badewanne“, erläutert der Fachmann. Dadurch würde der junge Vogel vom Magen-Darm-Trakt her unterkühlt. „Das kann in zwei Tagen tödlich sein.“ Auf die Art seien in Ebergötzen vor Jahren drei von vier Jungvögeln umgekommen.

Fiedler säubert aber auch die Schnäbel der jungen Vögel. „In Jahren mit viel Feuchtigkeit verkleben die Unterschnäbel“, erklärt er. Die Eltern verteilen das Futter nicht in die Schnäbel, sondern spucken es auf den Boden. „Wenn die Jungen es verschlingen, nehmen sie auch Nestmaterialien auf.“ Wenn die matschige Substanz trockne, werde sie fest. Dann bilde sich ein Pfropfen, der verhindere, dass der Schnabel weiterwachsen kann. Dadurch komme es zu Missbildungen. „Ich mache es, weil die Alten es nicht tun“, sagt Fiedler.

Den Autor erreichen Sie unter r.franke@eichsfelder-tageblatt.

Unterstützung willkommen

Georg Fiedlerist als Storchenbeauftragter länderübergreifend für den Bereich von Helmstedt und Peine bis Göttingen und Halberstadt zuständig. „Körperlich ist das kein Problem“, sagt der Rentner. „Schwieriger sind die weiten Anfahrten.“ Deshalb freut er sich über Menschen, die ihn vor Ort entlasten. „Das kann zum Beispiel ein interessierter Ornithologe mit Spektiv sein, der die ringe abliest und Veränderungen feststellt.“ Möglich sei aber auch, dass ein leidenschaftlicher Fotograf mit einem leistungsstarken Teleobjektiv die Ringe lesbar abfotografiert beziehungsweise verschmutzte Schnäbel oder Verletzungen dokumentiert und ihm die Ergebnisse mitteilt. So unterstütze ihn im Altkreis Göttingen zum Beispiel der Gieboldehäuser Friedel Bode, der die Orte aufsucht und schaut, ob die Nester besetzt sind. Der Seulinger Lars Denecke habe ihn beim Beringen technisch mit seinem Hubsteiger unterstützt. „Wer Interesse hat, kann mich begleiten.“ Und wer einmal beim Beringen mit oben am Nest gewesen sei und eventuell unter Anleitung selbst einen Ring angelegt habe, baue eine ganz andere Beziehung zu den Störchen auf.

Weißstorchbestand Landkreis (nur Altkreis!) Göttingen 2019

Gieboldehausen: Brutpaar, 3 Junge

Ebergötzen Seeanger: Besuchsstörche (bis 2017 Brutplatz)

Seeburg (Pape): Brutpaar, 3 Junge

Seeburg (Wellenreiter): Brutpaar, 3 Junge

Lütgenhausen: Brutpaar, 2 Junge

Westerode Brutpaar, 3 Junge

Obernfeld Brutpaar, 1 Junges

Wollbrandshausen Brutpaar, Junges tot

Seulingen Brutpaar, 3 Junge

Wollershausen Brutpaar, 3 Junge

Bernshausen Brutpaar, 3 Junge

Bodensee unbewohnt

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10 nistende Paare, davon 9 Paare mit Bruterfolg

24 ausgeflogene Junge

2018: 11 Paare, davon 8 mit Bruterfolg, 22 ausgeflogene Junge.

 

Beringte, im Kreis Göttingen nistende Altstörche

- In Obernfeld brütet im fünften Jahr das Weibchen Hiddensee DEH H9557, geschlüpft 2011 in Emersleben bei Halberstadt.

- In Seulingen brütet im vierten Jahr das Weibchen Helgoland DEW 8X594, geschlüpft 2014 in Einbeck-Immensen, Landkreis Northeim.

Dessen Überwinterungsverhalten ist gut erforscht und bemerkenswert:

2015/16 bei Barcelona, Nordostspanien,

Februar 2017 Doubs, Ostfrankreich,

2017/18 am Brutort in Seulingen,

2018/19 Bourg-en-Bresse, Ostfrankreich.

- In Westerode brütet im dritten Jahr das Weibchen Hiddensee DEH HM965, erbrütet 2014 in Immelborn im Werratal, Thüringen.

- In Seeburg (Pape) brütete im zweiten Jahr das Männchen Radolfzell DER A3888. Vor der Umsiedlung 2018 war dieses Tier in Ebergötzen Seeanger elf Jahre nestttreu gewesen. Es schlüpfte 2004 in Krautheim im Jagsttal, Nordwürttemberg.

- In Seeburg (Wellenreiter) brütet der Storch Helgoland DEW 4T220. Geschlüpft 2016 in Wabern (Nordhessen).

- In Lütgenhausen brütet im vierten Jahr, das Weibchen Helgoland DEW 0X247. Geschlüpft ist es 2012 in Salzkotten-Verlar bei Paderborn, NRW.

- In Bernshausen brütet im dritten Jahr das Weibchen Hiddensee DEH HE938. Es schlüpfte 2012 in Vacha bei Eisenach in Thüringen und brütete vorher zweimal in Seeburg (Pape).

- In Gieboldehausen brütete erstmals der Storch Helgoland DEW 6T459. Dieses Tier ist 2016 in Northeim-Hollenstedt geboren. Es übersommerte, ohne zu nisten, 2018 in Bielefeld und erschien am 9.3.2019 kurzzeitig auf dem Nest in Wollershausen.

Verbleib der im Landkreis Göttingen beringten Jungstörche

(Feststellungen 2019 und Nachträge aus 2018)

DEW 6X266, Weibchen, geschlüpft 2008 in Seeburg (Pape): Brutvogel, nunmehr im achten Jahr nest- und partnertreu, in Calberlah, Kr. Gifhorn.

DEW 8X599, Weibchen, geschlüpft 2014 in Seeburg (Pape): 2018 und 2019 in Salzderhelden, Kr. Northeim, als Brutvogel.

DEW 6T523, erbrütet 2016 in Obernfeld: Beobachtet 18.07.2017 auf den Mindener Wiesen bei Minden-Hahlen, Westfalen.

DEW 7T174, erbrütet 2017 in Obernfeld: Beobachtet 28.7.2018 auf den Isenbütteler Wiesen bei Gifhorn in einer Storchansammlung.

DEW 7T182, erbrütet 2017 in Westerode: Beobachtet 31.3.2019 Haunestausee bei Marbach, anschließend erfolgreicher Brutvogel in Hünfeld, Hessen.

DEW 8T100, erbrütet 2018 in Seulingen: Beobachtet 16.7.2019 in Lippoldsberg an der Oberweser, Kr. Kassel.

Von Rüdiger Franke

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