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Rosdorf Bürger sollen alten Ballsaal in Rosdorf mit Leben füllen
Die Region Rosdorf Bürger sollen alten Ballsaal in Rosdorf mit Leben füllen
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10:00 27.09.2019
Seit 1969 stehen die Zapfhähne still. Quelle: Kuno Mahnkopf
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Rosdorf

Von außen wirkt das Gebäude wie ein großer Fachwerkstall, doch nach Aufstoßen der Flügeltür offenbart sich die angestaubte Pracht vergangener Tanzdielenzeiten. Im sogenannten Fiegeschen Saal im Rosdorfer Altdorf ist vor einem halben Jahrhundert die Zeit stehengeblieben. Jetzt will Ralf Lesjak den ehemaligen Gaststättensaal mit Unterstützung des Vereins RoBiNet (Rosdorfer Bildungs-Netzwerk) und Rosdorfer Bürgern aus dem Dornröschenschlaf holen und neuen Nutzungsmöglichkeiten zuführen.

Fiegescher Saal soll aus Dornröschenschlaf erweckt werden

Der Dornröschenschlaf ist an diesem lost place mehr als nur eine leere Floskel, die Vergangenheit in dem kirchenähnlichen Ballsaal mit Empore tatsächlich konserviert worden. Über der Bühne prangt noch das Emblem zum 50. Jubiläum des Wander- und Musikvereins „Frisch auf“. Das war die letzte Veranstaltung, die 1969 in dem 470 Quadratmeter großen Fachwerksaal mit Platz für 500 Leute über die Bühne gegangen ist. Dann hat Lesjaks Großvater das Handtuch geworfen, später auch den Gaststättenbetrieb aufgegeben. Die ehemalige Gaststätte dient heute der Musikschule Musi-Kuss als Quartier, davor steht eine britische Telefonzelle zum Büchertausch.

Mit der Reaktivierung des glamorösen Saales wollen Lesjak und seine Mitstreiter an den zunehmend verloren gehenden dörflichen Charakter Rosdorfs im Göttinger Speckgürtel anknüpfen, Nachbarschaftskultur unter neuen Vorzeichen bewahren und schaffen. Es gebe zwar das ständig ausgebuchte Gemeindezentrum und das im Bau befindliche Familienzentrum, sagt Vereinsvorsitzende Ruth Finck: „Uns fehlt aber ein Begegnungs- und Identifikationsort.“ Ein erstes Brainstorming für das Gemeinschaftsprojekt ist am Freitag, 27. September, um 17 Uhr angesetzt. Finck hofft auf möglichst viele Bürger, die sich mit Ideen einbringen. Weitere Workshops sollen folgen, bevor die Renovierung angegangen und Fördermittel eingeworben werden.

„Der Saal ist ein Juwel“

„Das wird nicht einfach“, räumt Finck ein. Mut, sich von keinen Hindernissen schrecken zu lassen, macht ihr aber nicht nur die Inschrift „Nec Aspera Terrent“ über dem Eingang. „Jeder, der den Saal betritt, hat ein Leuchten in den Augen und ist positiv überrascht“, sagt Finck und fühlt sich in dem idealistischen Vorhaben bestärkt: „Der Saal ist ein Juwel“. Als Angebote schweben dem Verein unter anderem Ausstellungen, Lesungen, Theateraufführung, Konzerte, Yogakurse oder ein Ortsmuseum vor.

Musealen Charakter hat der Saal ohnehin. Lesjak lagert hier die Modelle alter Rosdorfer Gebäude, der er in jungen Jahren gefertigt hat. Auch das vergilbte Lindenberg-Poster über der Sitzecke, in der er sich mit seiner Jugendclique getroffen hat, hängt noch. In den Seitenräumen stößt man auf ein Jugendstil-Sofa, uralte Kneipenschilder, Kanonenöfen und die alte Theke mit mächtigen Zapfhähnen, die Patina angesetzt haben, aber noch als Deko dienen können.

Gastronomie seit 1729

Eine Gaststätte im jetzigen Sellenfried 1 habe es bereits 1729 gegeben, berichtet Lesjak. 1896 habe sich sein Ur-Ur-Großvater August Fiege dazu entschlossen, den Saal zu bauen. In den 1920er-Jahren wurde der Saal von Lesjaks Urgroßvater August Fiege samt Jugendstil-Elementen modernisiert – als prunkvolle Tanzdiele in Konkurrenz zu Göttingen. Nach dem Krieg erhielt Lesjaks Großvater August Fiege eine Kinolizenz. Diese Phase mit einem reisendem Filmvorführer währte aber nur kurz. Bis 1969 wurden Saal und Garten für Vereinsaktivitäten und die Dorfkirmes genutzt.

Die bauliche Verdichtung durch klotzige Neubauten auch im Ortskern schmeckt Lesjak ebensowenig wie Fincke: „Dem wollen wir nicht folgen, sondern den Saal erhalten, um ihn für Veranstaltungen zu nutzen.“

Verein will Nachbarschaftskultur verbessern

Als gemeinnütziger Verein ist das Rosdorfer Bildungs-Netzwerk (RoBiNet) im Januar 2013 von Rosdorfer Bürgern gegründet worden. Zu den Vereinszielen gehört der Brückenschlag zwischen Generationen, Bevölkerungsgruppen und Institutionen vor allem im Kernort. Verschiedene Projekte sollen zu einer lebendigen Nachbarschaftskultur beitragen. Von dem Verein wurden unter anderem Kräuterwanderungen und Kindertheater angeboten, Deutschunterricht für Flüchtlinge, politische Podiumsdiskussionen, eine archäologische Führung und die Aktion „Rosdorfer Geschichte zum Anfassen“. Am „Lebendigen Adventskalender“ in Rosdorf beteiligen sich die Vereinsmitglieder ebenso wie am Putztag der Gemeinde, alle zwei Jahre wird ein „Tanz in den Mai“ organisiert. Den Fiegeschen Saal wieder zum Leben zu erwecken ist das bislang ambitionierteste Projekt von RoBiNet. Dabei hoffen die idealistischen Rosdorfer auf viele Ideen und rege Beteiligung von Mitbürgern bei einem ersten Treffen am 27. September, das um 17 Uhr mit einer Saalführung beginnt.

Von Kuno Mahnkopf

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