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Die Region 734 Personen sorgen für reibungslose Evakuierung von 14.700 Menschen
Die Region 734 Personen sorgen für reibungslose Evakuierung von 14.700 Menschen
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16:38 15.10.2019
Evakuierung im Rahmen des Bombenfundes am Schützenanger. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Eine vermeintliche Bombe, die letztlich doch keine war, hat die Stadt Göttingen fast eine Woche lang in Atem gehalten. Hunderte Polizisten waren am Sonnabend im Einsatz, eine großräumige Evakuierungszone um den Fundort des vermeintlichen Kampfmittels am Schützenanger wurde eingerichtet. Am frühen Nachmittag gab es Entwarnung: Entgegen den Ergebnissen erster Untersuchungen handelte es sich bei dem georteten Objekt nur um einen Haufen verrosteten Metallschrott. Die Erleichterung war groß – bei Einsatzkräften und der Bevölkerung. Wer im Einsatz war, welche Störfälle es gab und warum nur wenige Menschen die Evakuierungszentren besuchten – ein Überblick.

Wie viele Helfer waren im Einsatz?

Zum „Höhepunkt um die Mittagszeit waren es insgesamt 734 Einsatzkräfte“, teilt Göttingens Stadtsprecher Dominik Kimyon mit. Allein vonseiten der Polizei waren 300 Beamte im Einsatz, führt Polizeihauptkommissarin Jasmin Kaatz aus. Diese kamen aus der Polizeiinspektion Göttingen sowie von der Bereitschaftspolizei aus Hannover, Braunschweig und Göttingen. Berufsfeuerwehr und Technische Einsatzleitung waren mit 70 Menschen beschäftigt, hinzu kamen 179 Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren. 29 Mitarbeiter des Ordnungsamtes waren im Einsatz, 19 Personen betreuten die Info-Hotline. Die Stadt Göttingen hatte somit zwischen 120 und 140 Mitarbeiter im Einsatz, so Kimyon. Vier Notärzte waren in Bereitschaft.

Warum waren die Evakuierungszentren so leer?

Isabella Ostoja fährt mit ihrem Partner und den zwei Doggen aufs Land. Quelle: Niklas Richter

14.700 Menschen sollten evakuiert werden, die beiden Notunterkünfte hätten zusammen bis zu 2000 Personen Platz geboten. Es kamen weniger als die Hälfte: Zwar registrierten sich im Universitätsklinikum mit 540 Menschen ungefähr so viele, wie erwartet, dagegen kamen in die Geschwister-Scholl-Schule bis zum Abschluss der Evakuierung um 12 Uhr nur 231 Leute anstelle von bis zu 1500, mit denen die Organisatoren gerechnet hatten. Den 56 Helfern des DRK vor Ort war das ein Rätsel.

Heidrun Holzapfel saß in der Geschwister-Scholl-Schule am Empfang und gestand: „Ich finde das beängstigend.“ Sicherlich hätten sich einige der Betroffenen zu einem Ausflug entschieden. Aber alle? Das konnten sich Holzapfel und ihre Kollegen nicht vorstellen. Das schöne Wetter, mehrere Tage Vorbereitungszeit und die laufenden Herbstferien boten den Menschen, die in der Evakuierungszone wohnen, aber auch die Möglichkeit, ihren Tag außerhalb der Stadt oder bei Freunden und Familie zu verbringen. Einige Tierbesitzer fuhren auch mit ihren Vierbeinern aufs Land, so zum Beispiel Isabella Ostoja und Victor Singer, die mit ihren Doggen für einen Tag die Stadt hinter sich ließen.

Wie wurden die Evakuierten versorgt?

Im Uni-Klinikum waren die Helfer darauf vorbereitet, 500 Menschen am Morgen mit belegten Brötchen und am Mittag mit Linsen-, Kartoffel- und vegetarischer Gemüsesuppe zu versorgen. Dieselbe Menge an Lebensmitteln stand in der Geschwister-Scholl-Schule zur Verfügung. Die Sandwiches, die zum Abendessen eingeplant waren, wurden nach der Entwarnung nicht mehr gebraucht. Nach Auskunft der Stadt wurden sie ebenso wie die übrigen Portionen von Frühstück und Mittagessen an Hilfsorganisationen gegeben. Auch für Unterhaltung wurde gesorgt: Im Klinikum sorgte Pianist Gregor Kilian für sanfte Klänge im Hintergrund.

Evakuierung mit digitalen Helfern

Bei der Evakuierung wurden die Polizisten und Feuerwehrleute digital unterstützt. Sieben Mitglieder des Virtual Operation Support Team (VOST) um Teamchef Ralf Daniel behielten die Sozialen Medien im Auge. Unter dem Dach des Technischen Hilfswerks suchten seine Mitarbeiter nach Menschen, die sich noch in der Sperrzone befanden.

Als technischer Berater vor Ort konnte Daniel die Ordnungshüter so als erster über die Baumbesetzer am Leineufer informieren. „Kein Kunststück“, so Daniel, denn in diesem Fall meldeten sich die Aktivisten kurz darauf selbst bei der Polizei.

„Es war vergleichsweise ruhig“, erklärt Daniel. Außer der Protestaktion gab es während der Evakuierung keine Störungen zu vermelden. Nach größeren Unglücken hingegen hätte das VOST alle Hände voll zu tun, um Facebook, Twitter und Instagram nach Hinweisen zu durchsuchen, die Rettungskräften ihre Arbeit erleichtern können.

Eine der wichtigsten Quellen für Ralf Daniel und seine Mitarbeiter in Göttingen: Jodel. Die Studenten-App habe ihm schon manches Mal wichtige Hinweise geliefert, sagt er. Am Sonnabend in Göttingen hätten aber vor allem die ironischen Kommentare nach der Entwarnung für Unterhaltung gesorgt.

Gab es Störfälle?

Lediglich eine Handvoll Aktivisten, die auf Bäume am Leineufer geklettert waren, störten den Ablauf am Sonnabend. Sie wollten gegen den Angriff der Türkei in Syrien demonstrieren und hängten deshalb Plakate zwischen den Baumkronen auf. Dabei hielten sie sich bewusst im Sperrgebiet auf und sorgten für einen Polizeieinsatz. Bevor die Polizei eine Ingewahrsamnahme anordnen konnte, entschieden sich die Aktivisten, freiwillig herunterzuklettern und das Gebiet zu räumen. Eine Stunde Zeitverzug war die Folge. Die „Kletteraktion“ wurde angesichts ihrer politischen Aussage von der Polizei als Versammlung eingestuft, teilt Polizei-Einsatzleiter Thomas Rath mit. Das Versammlungsrecht sieht für derartige Abläufe keine weitere Sanktion vor, „sodass die Personen keine weiteren Konsequenzen zu befürchten“ hätten.

Wie viele Mitglieder des Kampfmittelbeseitigungsdienstes waren im Einsatz?

Sprengmeister Thorsten Lüdeke atmet nach der Entwarnung auf. Quelle: Swen Pförtner

Sprengmeister Thorsten Lüdeke und vier KBD-Mitarbeiter waren am Fundort am Schützenanger vor Ort. Am Grabungsloch arbeiteten aus Sicherheitsgründen immer nur zwei Personen gleichzeitig, der Rest hielt sich in Höhe des Parkplatzes am Schützenplatz auf. Hätte es sich um eine Bombe mit Langzeitzünder gehandelt, wäre von dort auch die Sprengung erfolgt. Als Schutz hätte der KBD dann einen kleinen Unterstand errichtet, sagte Lüdeke. Wäre eine Sprengung vonnöten gewesen, hätten seine Mitarbeiter aus 150 sandgefüllten „Big Bags“ einen Trichter über der Bombe errichtet, um die Explosionswucht gen Himmel zu leiten. 50 weitere Sandsäcke standen bereit. Jeder davon fasst einen Kubikmeter Sand und wiegt zwischen 1,2 und 1,6 Tonnen.

Wie viele Einsätze verzeichnet der KBD pro Jahr in Göttingen?

Die Statistik des Landesamtes für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen weist im Jahr 2018 in Göttingen 155 „Einsätze zur Bergung und Abholung von Kampfmitteln“ aus. Als Kampfmittel zählt dabei schon eine einzelne Patrone, aber auch Bomben, Minen, Granaten und andere Spreng- oder Zündmittel. Statistiken in diesem Jahr liegen noch nicht vor. Übertroffen wurden die 155 Einsätze nur im Jahr 2009: Damals rückte der KBD 262 Mal nach Göttingen aus. In der Statistik wird allerdings nicht erfasst, wie oft es sich nicht um Kampfmittel handelt. Schließlich würden nur die Einsätze protokolliert, teilt der KBD mit: Wenn ausgerückt wird, zählt es.

Was kostete der Einsatz und wer zahlt dafür?

„Die genauen Kosten werden erst noch ermittelt“, sagt Kimyon, dafür gebe es keinen Zeitplan. Wer welchen Teil finanziert, ist klar: So trägt das Land Niedersachsen die Kosten für den Kampfmittelbeseitigungsdienst, die Stadt Göttingen die für die eigenen Mitarbeiter.

Wie haben sich die Göttinger an diesem Tag verhalten?

„Zu 99,9 Prozent absolut vorbildlich“, meint Kimyon. Er möchte im Namen aller Beteiligten einen „großen Dank“ an die Göttinger richten, die die Evakuierungsmaßnahmen ohne zu Murren „akzeptiert und gut mitgemacht haben“. Störfälle gab es bis auf einen am Leineufer keine, nur wenige Menschen wurden von den Evakuierungskräften geweckt und „im Schlafanzug angetroffen“, sagt Kimyon. Doch der größte Teil der betroffenen Anwohner sei gut auf die Evakuierung vorbereitet gewesen.

Kommentar von Tobias Christ: Glückseligkeit und eine völlig unangemessene Aktion

Es ist alles gut ausgegangen: Als Sprengmeister Thorsten Lüdeke am Fundort Entwarnung gegeben hatte, wusste in der Öffentlichkeit zunächst niemand davon. Denn aus „keine Bombe“ war in der ersten Meldung der Stadt „eine Bombe“ geworden. Kurz darauf folgte die kollektive Erleichterung: Die Richtigstellung verbreitete sich schnell. Keine Bombe am Schützenanger, Glückseligkeit überall, die Evakuierungszentren leerten sich in phänomenaler Geschwindigkeit. Das Verhalten der Göttinger an diesem Tag erhielt von vielen Seiten Lob, und das völlig zurecht. Denn der Tag verlief für Einsatzkräfte und Helfer relativ entspannt. Für die Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, wurde gesorgt, viele hatten ihre Wohnungen frühzeitig verlassen und das Sperrgebiet gemieden. Dementsprechend leer war es auf den Straßen, und bis auf eine Handvoll Aktivisten, die am Leineufer auf Bäume kletterten, gab es keine Verzögerungen im Zeitplan. Die fünf Baumbesetzer um Sprecherin „Indigo“ wollten nur Öffentlichkeit, wie sie selbst mitteilten. Doch um auf den Angriff der Türkei in Syrien hinzuweisen, hätten sie sich keinen dümmeren Zeitpunkt aussuchen können. Obwohl, Öffentlichkeit haben sie bekommen – die sozialen Netzwerke waren gnadenlos. So schlug jemand vor, die Mitglieder von „entschärfen überall“ sollten ihre Plakate doch an Bäumen in Syrien aufhängen, von „geistigen Tieffliegern“ und „Idioten“ war ebenfalls die Rede. In meinen Augen können die Aktivisten gern auf Bäume klettern, wann und wo sie wollen: Aber an einem Tag, an dem die Stadt Göttingen über 14 000 Menschen evakuieren muss, um eine Fliegerbombe zu entschärfen, ins Sperrgebiet einzudringen, ist völlig unangemessen.

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