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Aktuelles Die Russen lieben deutsche Autos
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00:23 15.09.2012
Reiche Russen lieben Superlative: Der neue Audi R8 bietet 405 kW/550 PS.
Reiche Russen lieben Superlative: Der neue Audi R8 bietet 405 kW/550 PS. Quelle: Hersteller
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Moskau

Russland boomt. In den Städten dominieren Autos aus westlicher Produktion das Straßenbild. Zwar hält der urrussische Hersteller Lada noch einen Marktanteil von 20 Prozent, trotzdem dürften sich vor allem die Manager deutscher Hersteller auf der unlängst zu Ende gegangenen Autoshow in Moskau zufrieden die Hände gerieben haben. Denn einer der am schnellsten wachsenden Automärkte der Welt braucht Nachschub - und vor allem die Nobelkarossen „made in Germany“ stehen bei betuchten Russen hoch im Kurs. Ola Kaellenius, Chef der Mercedes-Edelschmiede AMG, brachte es im Gespräch mit dieser Zeitung auf den Punkt: „Die sind einfach scharf auf das, was wir bauen.“

Wer dieser Tage in Moskau mit dem Wagen unterwegs ist, muss hart im Nehmen sein. Abgesehen von den frühen Morgen- und späten Abendstunden staut sich der Verkehr auf den vier- und fünfspurigen Ausfallstraßen in vielen kilometerlangen Schlangen. Und das stundenlang. Manchmal kollabiert er auch. Dann geht gar nichts mehr. Den Verkehrspolizisten bleibt in den meisten Fällen nichts anderes übrig, als tatenlos danebenzustehen und die sich im Schritttempo fortbewegenden Blechlawinen zu beobachten. Fahrbahnverengungen, Baustellen und Unfälle machen das Treiben auf den Straßen der russischen Hauptstadt unkalkulierbar. Dazu kommt, dass die 15-Millionen-Metropole verkehrstechnisch aus allen Nähten platzt.

Fahren draußen auf dem Lande noch jede Menge uralter Ladas und Wolgas herum, wird es im Dunstkreis des Kreml vornehmer. Mercedes, Audi, Volkswagen und BMW geben in der Oberklasse den Ton an, auch wenn die Japaner mit ihren Nobelmarken Lexus und Infinity ebenfalls gut vertreten sind. Doch wer etwas darstellen will, kauft am liebsten deutsch.

Dass auf der Autoshow in Moskau Produkte auf die Bühnen geschoben wurden, die allgemein bekannt sind, schien niemanden wirklich zu stören - rund eine Million Besucher pilgerten während der Messetage durch die zwei recht überschaubaren Hallen, das Interesse war enorm. Zwar präsentierte AMG mit dem Luxus-SUV GL 63 MG eine Weltpremiere, und auch Audis zehnzylindriger R8 wurde erstmals gezeigt, doch handelte es sich hierbei lediglich um Ableitungen bekannter Fahrzeuge. Trotzdem zeichnen gerade diese beiden Autos sehr gut das Spannungsfeld auf, in dem sich der Markt der Schönen und der Reichen bewegt: zum einen die SUVs, die bei den langen Wintern und staubigen Sommern das bevorzugte Fortbewegungsmittel moderner Russen sind und bereits nahezu ein Drittel aller Zulassungen ausmachen; zum anderen die Supersportwagen wie der Audi R8 mit seinen 405 kW/550 PS. Dazu die Zutaten aus dem Exklusiv-Baukasten: feinstes Leder, abgesteppte Nähte, Doppelkupplungsgetriebe, Schaltwippen an den Lenkrädern. Und das Versprechen, dass nahezu alles, was man für Geld kaufen kann, zu haben ist.

Volkswagen hat sich darauf beschränkt, an Neuigkeiten eine Wirtschaftsmeldung herauszugeben: Die Wolfsburger bauen in Russland ein Motorenwerk, das täglich 600 Maschinen produzieren wird. Wie wichtig Russland für die deutschen Autohersteller inzwischen geworden ist, zeigt eine kleine Randnotiz: Konzernchef Martin Winterkorn düste höchstselbst in die Metropole an der Moskwa, um die frohe Botschaft zu überbringen - der Journalistentross aus aller Welt musste allerdings ein wenig warten, denn der Boss war im Stau stecken geblieben.

Bei den höchstnoblen Fahrzeugen schweben naturgemäß ein Rolls-Royce-Phantom-Coupé oder ein Bentley-Continental über allen anderen Dingen; die offenbar nie älter werdende Emily verströmt vom Kühler eines Rolls eben auch in Russland ihren silbernen Glanz. Dass die beiden englischen Traditionsmarken eine ganz besondere Strahlkraft auf die Superreichen ausüben, dürfte einigen deutschen Managern besonders gut gefallen - sie gehören schließlich BMW (Rolls- Royce) und Volkswagen (Bentley).

Einige Fahrzeug- und etliche Preisklassen tiefer gab es in Moskau dann doch noch eine feine Weltpremiere: Mazda präsentierte erstmals den neuen Mazda6. Denn nicht nur die Ober- und Luxusklasse fährt Rekorde bei den Zulassungszahlen ein, auch die Mittelklasse will bedient werden. Naturgemäß ist Mazdas Flagg-schiff besser als der Vorgänger, was sich vor allem auf die Disziplinen Verbrauch, Leistung und Umweltverträglichkeit bezieht. Schicker ist er auch geworden. Den Japanern dürfte die Entscheidung für Moskau und gegen den in diesem Jahr auch noch stattfindenden etablierten Pariser Autosalon nicht schwergefallen sein: Russland ist für Mazda nach den Vereinigten Staaten inzwischen zum zweitwichtigsten Markt geworden - mit viel Spielraum nach oben. Um das Auto entsprechend in Szene zu setzen, wurde ein Theater angemietet, ein klassisches Orchester und gleich ein ganzes Ballettensemble engagiert. Den Bogen zur Gegenwart schlugen allerdings zwei Musiker mit elektrischen Celli: Als sie den alten Guns-N’-Roses-Kracher „Welcome to the Jungle“ intonierten, verspürte vermutlich jeder im Saal, was die Stunde geschlagen hat: Die russische Föderation ist endgültig in der Gegenwart angekommen. Zumindest was die Automanie betrifft: Herzlich willkommen im Dschungel der Möglichkeiten!

Einige wenige Elektroautos gab es in Moskau übrigens auch zu sehen, unter anderem den Chevrolet Volt. Der ist den Amerikanern aber übel auf den Magen geschlagen, denn die Produktion des Volt wurde nicht ohne Grund bis auf Weiteres eingestellt - die Zulassungszahlen sind bis jetzt weit hinter den hochgesteckten Erwartungen zurückgeblieben.

Gerd Piper