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Auto-Modelle und Fahrberichte Ein dumpfes Grollen im feinen Anzug
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00:49 11.07.2009
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Die Zahlen beeindrucken: 525 Pferdestärken, 630 Newtonmeter, Beschleunigung aus dem Stand auf 100 Kilometer je Stunde in 4,5 Sekunden, Preis: knapp 106.000 Euro. Klingt nach hochkarätigem Sportwagen, ist aber eine Limousine der oberen Mittelklasse. Mercedes-Benz E 63 AMG heißt das gute Stück mit vollem Namen.

Auf den ersten Blick sieht der Stufenheck-Viertürer nicht viel anders aus als alle E-Klassen der erst vor wenigen Monaten neu eingeführten Mercedes-Baureihe 212. Kleine Wette: Nach dem neuen Fließheck-Porsche Panamera dreht sich jeder um, nach dem E 63 eher nicht. Oder vielleicht doch? Schließlich wirkt neben der Optik auch der Sound. Davon hat der Mercedes-Veredler AMG seinem jüngsten Produkt reichlich eingeschenkt. Hörbar weniger – pardon – prollig als beim Mittelklässer C 63 zwar, aber das ist gut so. Denn mit der herbeikonstruierten Tonalität zwischen grollendem V8-Feuer bei hoher Last und grummelnder Langstreckenseriösität im weiten Teillastbereich weiß der Neuling viele Ansprüche zu erfüllen.

Motor giert nach Drehzahl

Natürlich haben wir es beim ersten, kurzen Proberitt erst gar nicht versucht, die eingangs geschilderten Fahrleistungen selbst herauszufahren. Anstatt Galopp ist auf öffentlichen Straßen allenfalls starker Trab, meistens jedoch schlichtes Arbeitstempo angesagt. Das aber reicht dem E 63, um die Stärken seiner 6,2 Liter großen Achtzylindermaschine nebst modifizierter Siebenstufen-Automatik hinreichend vorzustellen.

Die Ziffer 63 soll an ein ziemlich altes Modell, den 300 SEL 6.3 aus der Mercedes-Benz-Baureihe 109, erinnern. Einverstanden, wir bleiben aber beim technisch korrekten Motorarbeitsvolumen von 6208 Kubikzentimetern oder 6,2 Liter. Als sogenannter Hochdrehzahlmotor erreicht die Großkolbenmaschine ihre Höchstleistung (515 PS) bei hurtigen 6800/min, und auch die Maximalzugkraft von 630 Nm stellt sich erst bei heute eher unüblichen 5200 Touren ein. Grund der gewissen Gier nach Drehzahl ist das Fehlen jedwelcher Aufladesysteme. So muss das AMG-Solitär-Triebwerk auf Zwangsbeatmung à la Kompressor oder Turbolader verzichten und sich seine Verbrennungsluft stattdessen ganz allein ansaugen. Downsizing? Nein, Danke – vorerst jedenfalls.

Für den Fahreindruck hat das Folgen. So zieht die nominal und absolut betrachtet hochpotente Maschine aus dem tiefen Drehzahlkeller rein subjektiv längst nicht so urgewaltig durch wie beispielsweise der V8-Kompressormotor im alten E 55. Um diese „Durchzugsschwäche“ jedoch überhaupt erfahren zu können, ist Handarbeit angesagt: Nur im manuellen Schaltprogramm der Getriebeautomatik lassen sich die großen Gänge bei tiefen Drehzahlen und hoher Motorlast herbeizitieren.
In den normalen Automatikmodi – der E 63 hat gleich drei davon – wird bei hoher Lastanforderung ziemlich flott heruntergeschaltet. Recht spät und zugleich komfortabel im Basis-Komfortprogramm, immer früher, schneller und tendenziell von bisweilen spürbaren Schaltstößen gewollt untermalt, wenn der Getriebecomputer sich an den Kennlinien für „Sport“ und „Sport-Plus“ orientiert.
Sportlichkeit nach Kundenwunsch bietet auch das Fahrwerk. Vorne wird bei verbreiteter Spur mit Stahl gefedert, hinten liftet Luft. Dazu gibt es ein AMG-Sportpaket mit elektronisch einstellbaren Stoßdämpfern und mindestens 18 Zoll messenden Rädern. Bei aller individuellen Sportlichkeit soll der neue E 63 auch noch sparsam sein. Zumindest relativ: Mit 12,6 Liter Super-98 je 100 Kilometer schluckt er im EU-Zyklus immerhin gute elf Prozent weniger als sein Vorgänger, und im Wettbewerbsumfeld kann sich der Wert ebenfalls sehen lassen. Allerdings: Ein ganz „normaler“ Großserien-E-500 bringt ganz ähnliche Fahrleistungen (0-100 km/h in 5,2 s, Spitze: 250 km/h), verlangt dafür aber noch einmal 1,7 Liter weniger – schlichtes Super-95 obendrein.

Optisch nur wenig verändert

Wie eingangs erwähnt: Optisch hebt sich der AMG wenig vom Grundmodell ab. Freunden des nicht überzogenen Understatements gefällt das. Wer sich auskennt, sieht die verbreiterte Spur und entdeckt die geänderte Frontschürze mit LED-Tagfahrleuchten, denen erfreulicherweise die traurig hängenden Bögen genommen wurden. An Seite und Heck hat sich von dezenten Schwellern abgesehen kaum Nennenswertes verändert.
Drinnen im E 63 herrscht E-Klasse-Architektur. Als echt sportiv ordnen wir die Rückkehr des Getriebewählhebels von der Lenksäule auf die Mittelkonsole ein. Die moderne „Shift-by-Wire“-Technik macht’s möglich. Der Tacho darf eine 320er-Skala tragen, der Bordcomputer kennt ein eigenes AMG-Menü mit Stoppuhr zur Ermittlung von Rundenzeiten. Im Gegenzug hat das Instrumentarium die just erst in der Großserie eingeführte Anzeige des momentanen Kraftstoffverbrauchs verloren – die anzuzeigenden Werte wären dann wohl doch nicht mehr politisch korrekt gewesen.

Von Hans-Jürgen Wildhage