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Bauen & Wohnen Farbe macht den Lärm sichtbar
Mehr Bauen & Wohnen Farbe macht den Lärm sichtbar
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09:54 23.11.2010
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Wenn die ganze Hausgemeinschaft im Chor singen kann, obwohl jeder sich in seiner eigenen Wohnung aufhält, gibt es ein Problem mit dem Schallschutz. Nach dem Einzug bemerkt man solche Defizite schnell, aber wie stellt man sie vor der Unterschrift unter den Miet- oder Kaufvertrag fest?

Die Deutsche Gesellschaft für Akustik (DEGA) aus Berlin hat ein Farbschema erarbeitet, ähnlich wie es auch für die Kennzeichnung des Energieverbrauchs von Haushaltsgeräten eingesetzt wird. Das Schema enthält die Abstufungen F bis A mit Sternchen. Bei Gebäuden der Schallschutzklasse E ist auch bei gegenseitiger Rücksichtnahme noch damit zu rechnen, dass Nachbarn sich hören. Diskretion ist nicht gewährleistet. In der Klasse A mit Sternchen dagegen kann fast ohne Rücksichtnahme gelärmt, musiziert oder Musik gehört werden.

Dazwischen liegen unter anderem Gebäude mit einem Schallschutz nach DIN 4109:1989-11, die von der DEGA als Klasse D eingestuft werden (gegenseitige Rücksichtnahme ist erforderlich, Geräusche aus Nachbarwohnungen werden trotzdem zu hören sein), und die Klasse B, die dem erhöhten Schallschutz bei Reihenhäusern entspricht. Weder die DIN noch die anerkannten Regeln der Technik noch die Einstufungen der DEGA haben Gesetzeskraft. Für Mieter und Käufer ist deshalb wichtig, was in den Verträgen und Baubeschreibungen steht. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass Vermieter den Schallschutz ihrere Objekte nicht im Vertrag festschreiben und Bauunternehmen in den Bau- und Leistungsbeschreibungen nicht konkret genug werden, um wirklich einen Eindruck zu gewinnen. Der Besondere Wert des DEGA-Schallschutzausweises liegt deshalb auch darin, dass er ein Instrument zur Verfügung stellt, mit dem die verschiedenen Dämmwerte systematisch erfasst und automatisch nach objektiven Kriterien ausgewertet werden können. Die DEGA stellt auf ihrer Homepage kostenlos ein Rechenblatt für Tabellenkalkulationen zur Verfügung, das die Dämmwerte abfragt. Angefangen von möglichen Gewerbebetrieben in der Nachbarschaft über die Lage von geräuschintensiven Räumen innerhalb der Wohnung bis zur Luftschalldämmung der Eingangstür. Wer diese Angaben nicht in der Bau- und Leistungsbeschreibung findet, weiß nun, wonach er gezielt fragen kann. Auch wenn – zum Beispiel bei einem Altbau – keine Informationen zur Verfügung stehen, können Sachverständige der DEGA mit Erfahrungswerten eine recht präzise Schätzung vornehmen oder mit Messgeräten für genaue Angaben sorgen.

Häuser mit unzureichendem Schallschutz sind zu allen Zeiten gebaut worden. Die heute so beliebten Altbauten sind oft als Spekulationsobjekte entstanden. Die reich verzierten Fassaden sollten Kreditgeber und Käufer beeindrucken, an der Bauausführung hinter dem Stuck wurde gespart. Problematisch sind undichte Eingangs- und Zimmertüren, dünne Fenster und Rahmen und die frei liegende Sanitärinstallation. Holzfußböden und Zimmerdecken haben eher den Charakter einer Trommel und übertragen Trittschall perfekt von einem Stockwerk zum nächsten. Das gilt besonders, wenn bei einer Renovierung die vermeintliche Schlamperei der ursprünglichen Bauhandwerker beseitigt und der Bauschutt aus den Zwischenräumen der Deckenbalken ausgeräumt wurde. Masse dämmt, der Schutt war die Trittschalldämmung der Gründerzeit.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstanden zahlreiche Genossenschaftshäuser in Eigenleistung der Mitglieder. Schallschutz spielte eine untergeordnete Rolle, dazu waren die Ausführenden meist keine Profis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dünnen Wänden und gemischten Materialien gebaut. In den siebziger Jahren entstanden viele Häuser mit durchgehenden Betondecken, die Schall über mehrere Zimmer hinweg übertragen konnten. Gleichzeitig hatten Doppel- und Reihenhäuser damals in der Regel keine getrennten, sondern gemeinsame Hauszwischenwände. Auch das begünstigt eine Schallübertragung.

Jüngere Baujahre haben oft aus Kostengründen keinen Keller mehr. So entsteht die nächste Schallbrücke. Auch wenn die Zwischenwände baulich getrennt sind, sorgt bei Doppel- und Reihenhäusern das durchgehende Fundament unter den Wohnräumen für Schallübertragungen, wenn auch nicht so stark wie bei den durchgehenden Decken aus den siebziger Jahren.

www.dega-akustik.de

Ralf C.Kohlrausch