Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Gartentipps Zeit für einen Blütenbesuch
Mehr Familie Tipps Gartentipps Zeit für einen Blütenbesuch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:16 25.08.2013
Eine Attraktion für Falter wie den Kleinen Fuchs: Blüten des Sommerflieders. Quelle: Callauch
Anzeige
Göttingen

Wer jetzt von Weende die neu gestaltete B27 in Richtung Herberhausen fährt, kann rechts und links der Straße eine große Anzahl weißer Doldenblütler sehen, die die neu geschaffenen Bankette besiedeln. Es sind wilde Möhren (Daucus carota), deren komplexe Blütenstände zahlreiche Insekten anlocken.

Bezeichnenderweise handelt es sich hierbei um einen frisch angelegten Randstreifen, der im Zuge des Straßenausbaus entstanden ist. Die lang genutzten Äcker und Wiesen dahinter sind dagegen öde Kulturflächen, in denen kaum Nahrung für Blütenbesucher zu finden sind.

Erst jüngst hat eine Studie gezeigt, dass in ganz Europa die Zahl der Schmetterlingen zurückgegangen ist. Besonders betroffen sind Arten der Magerwiesen, wie der Bläuling, der auch in Göttingen auf ungedüngten, kalkreichen Magerwiesen zu finden ist.

Leider gehen solche Biotope auf dem Kontinent zurück, was natürlich mit der Intensivierung der Landwirtschaft zusammenhängt. Gut gedüngte, produktive Glatthaferwiesen, die sich hervorragend für die Ernährung des Milchviehs eignen, sind wenig interessant für Insekten.

Reich gedeckter Tisch

Umso erfreulicher ist es, wenn Straßenbauämter nach Neuanlagen nicht alle Hänge und Bankette mit „Mutterboden“ abdecken, sondern mageren Unterboden, Geröll und Sand aus dem Gestein verwenden, um Baumaßnahmen zu gestalten.

So geschehen etwa bei der Ortsumgehung Worbis, wo das anstehende Kalk- und Rötmaterial  ohne Abdeckung liegen gelassen  wurde. Dann siedeln sich Möhren, Wegwarte und das Zackenschötchen an und in der Folge gibt es einen reich gedeckten Tisch für Insekten.

Doch auch jeder Gartenbesitzer kann dem Trend der Verarmung unserer Fauna entgegen wirken und bewusst bei der Pflanzenauswahl blütenreiche Stauden und Gehölze verwenden. Eine Attraktion für Falter ist der bekannte Schmetterlingsstrauch (Buddleia davidii) und sein Bruder Buddleia alternifolia.

Magnete für Bienen und Hummeln

An ihnen tummeln sich derzeit Distelfalter und Kleiner Fuchs. Entenschnabel-Felberich und Kokardenblumen werden oft von Tagpfauenaugen angeflogen. Kugeldisteln aller Sorten sind Magnete für Bienen und Hummeln, während man Weichkäfer gern auf Doldenblütlern wie den erwähnten Möhren findet.

Eine Nahrungsquelle für langrüsselige Falter sind Spornblumen (Centranthus ruber), die nach einmaligen Rückschnitt ein zweites Mal ihre roten Blüten dem Taubenschwänzchen entgegenstrecken, welches wie ein Kolibri vor dieser Nahrungsquelle schwebt.

Heiligster Zweck der Natur

Für Hummeln, Bienen und Wildbienen sind der Kleebaum (Ptelea trifoliata), der Wilde Wein und natürlich die Linden ein wahrer Honigtopf. Und auch die hohen Spätsommerstauden wie Roter Sonnenhut, Kanadische Goldrute und Kleinblütige Sonnenblume scheinen wahre Gourmet-Tempel  für Blütenbesucher zu sein.

Dabei beobachten wir ein Schauspiel, welches nicht für uns Menschen gemacht ist, sondern dem heiligsten Zweck der Natur folgt, der Vermehrung ihrer Arten.

Blüten und Blütenbesucher sind Teil des Evolutionsgeschehens, ein altes Wunder der Natur und es ist vermutlich einem gnädigen Schöpfer zu verdanken, dass auch wir Menschen Freude bei der Beobachtung dieses Prozesses empfinden. Dazu sind lediglich etwas Zeit, eine gute Gartenanlage und ein schöner Spätsommernachmittag nötig.

Der Autor ist Kustos des Neuen Botanischen Gartens der Universität Göttingen.

Von Rolf Callauch