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Fit & Gesund Göttingen Die Unsichtbare Medizin in Göttingen: Wie Blutproben durch ein Labor gehen
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06:00 19.03.2019
10000 bis 12000 Aufträge und (fast) alles ist automatisiert: Maschinen sortieren und analysieren die Blutproben im Göttinger MVZ-Labor Wagnerstibbe . Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Es ist schon fast ein Ritual, wenn Corina Myrth-Klages alle paar Monate zur Kontrolle in das „MVZ Endokrinologie“ in Göttingen kommt: Als erstes wird ihr Blut abgenommen. Die 48-Jährige hat eine Histaminintoleranz (siehe nebenstehenden Text „Ich komme damit ganz gut klar“). Bei ihrer Form dieser Erkrankung produzieren die Mastzellen im Darm zu viel körpereigenes Histamin.

Das lässt sich im Blut nachweisen – wie viele andere Krankheiten auch. So ist es nicht überraschend, dass bei vielen Patienten vom Haus- und Facharzt oder im Krankenhaus nach der ersten Diagnose eine Laboruntersuchung angefordert wird. Damit kommt die sogenannte „unsichtbare“ Medizin ins Spiel. Denn tatsächlich bekommt ein Patient „seinen“ Laborarzt in aller Regel nicht selbst zu Gesicht. Dabei steckt hinter zwei von drei Labordiagnosen die Expertise eines Facharztes aus dem Labor.

Der Weg der Blutprobe

Aber was passiert eigentlich mit dem Blut, das in einer Göttinger Praxis gezapft wird? Der Weg einer Blutprobe:

Montagmorgen, 8 Uhr: Myrth-Klages sitzt in einem Behandlungsraum im „MVZ Endokrinologikum Göttingen“. Die medizinische Fachangestellte Sarah Schneppe nimmt ihr Blut ab. Immer wieder öffnet sie den kleinen Hahn und lässt die dunkelrote Flüssigkeit in unterschiedliche Plastikröhrchen laufen. Sie sind unterschiedlich markiert. Manche enthalten eine Substanz, manche werden gleich anschließend geschwenkt, geschüttelt, zentrifugiert oder sofort gekühlt – je nachdem, welche Parameter später im Labor gemessen werden sollen. Plasma? Blutserum? Reines Blutbild? Es gibt sehr viele. Dazu kommen die Patientendaten – festgehalten auf einem Barcode. Welche Röhrchen Schneppe füllen muss, sagt ihr der PC. Beim Vorgespräch mit der Patientin hat die behandelnde Endokrinologin ins System eingegeben, was sie benötigt.

Die Bildergalerie: Eindrücke aus dem Labor

Von der Blutentnahme bis zur Nachbesprechung –Eindrücke aus dem Labor.

10.30 Uhr: Die Röhrchen von Myrth-Klages sind beschriftet und in Tüten verpackt. Barcodes auf jedem Röhrchen enthalten auch verschlüsselte Daten über die Patientin. Mit den Blutproben vieler anderer Patienten gehen sie in einer Kühlbox per Auto auf die Reise ins Labor.

Das Labor „MVZ Wagnerstibbe“ liegt nur wenige Kilometer entfernt. Wer hier Mitarbeiter an Tischen über Mikroskop und Petrischalen erwartet, irrt. In dem großen Labor stehen unzählige weiße Kästen, in denen nahezu alle Untersuchungen der Blutproben automatisiert ablaufen. Eine hoch technisierte Fließbandarbeit unter klinischen Bedingungen, bestückt und ständig streng überwacht von Mitarbeitern mit weißen Kitteln und lila Gummihandschuhen an den Händen.

10000 bis 12000 Aufträge

10000 bis 12000 Aufträge werden hier täglich bearbeitet, jeder Auftrag enthält im Schnitt zweieinhalb Röhrchen, erklärt Dr. med. Berit Kreutzig, Ärztliche Leiterin des „MVZ Wagnerstibbe“ den maschinellen Einsatz.

11 Uhr: Die Blutproben von Myrth-Klages werden an der Eingangsschleuse ausgepackt, sortiert und mit neuen Deckeln in unterschiedlichen Farben bestückt – auch das passiert zum Teil automatisiert. Vom Auftraggeber rot markierte Röhrchen haben Vorrang und sind eilig.

Mehr über Myrth-Klages und wie sie mit ihrer Histaminunverträglichkeit klar kommt, lesen Sie hier: „Ich komme damit ganz gut klar“

Damit ist der Weg durch die vielen Stationen (Maschinen) vorgegeben. In manchen wird gezählt, wie viele rote und weiße Blutkörperchen oder Blutplättchen enthalten sind, in anderen der Blutzucker- und Eiweißgehalt. Leukozyten, Erythrozyten, Hämoglobin, Hämatokrit und viele andere Elemente können im Blut festgestellt und gemessen werden, um Hinweise auf Erkrankungen zu bekommen.

Was Sie über das Endokrinologikum und Labor Wagnerstibbe wissen sollten:

Was sind MVZ?

Das „Amedes MVZ Wagnerstibbe“ und das „MVZ Endokrinologikum“ in Göttingen sind als Medizinische Versorgungszentren (MVZ) organisiert. MVZ sind Einrichtungen, in denen Ärzte gleicher oder verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach zusammenarbeiten. Diese Organisationsform, die häufig mit den Polikliniken der DDR verglichen werden, gibt es in Deutschland seit 2003. MVZ sind vor allem bei jungen Ärzten beliebt, die immer häufiger eine Tätigkeit als niedergelassener Arzt in einer eigenen Praxis scheuen.

In einem MVZ könnten Ärzte, entlastet von Bürokratie, nahezu ausschließlich am Patienten arbeiten, erklärt Amedes das Konzept. Hinzu kämen sehr flexible und damit familienfreundliche Arbeitszeiten, ergänzt Prof. Dr. med. Heide Siggelkow, Ärztliche Leiterin des „MVZ Endokrinologikum“ in Göttingen.

Die Amedes-Gruppe bietet an 60 Standorten in Deutschland und Belgien interdisziplinäre und medizinisch-diagnostische Dienstleistungen für Patienten, niedergelassene Ärzte und Kliniken. In Göttingen betreibt Amedes drei Einrichtungen: ein MVZ für Pathologie und Laboratoriumsmedizin, ein Endokrinologikum und in Weende das „MVZ-Wagnerstibbe“ für Laboratoriumsmedizin und medizinische Mikrobiologie inklusive Infektiologie.

Endokrinologie und Wagnerstibbe in Göttingen

Im 2006 eingerichteten Endokrinologikum in der ehemaligen Hautklinik arbeiten zehn Ärzte mit den Schwerpunkten Rheumatologie, Endokrinologie, Osteologie, Nuklearmedizin und Humangenetik. Versorgt werden hier etwa 10 000 Patienten pro Jahr.

Die Ärzte kooperieren eng mit dem „MVZ Wagnerstibbe“. In dem vor gut 30 Jahren in Göttingen gegründeten Labor haben etwa 250 Mitarbeiter alleine im vergangenen Jahr fast 2,5 Millionen Aufträge aus dem gesamten Bundesgebiet bearbeitet. us

Zur Labormedizin im „MVZ Wagner Stibbe“ gehört aber auch ein (kleiner) Spezialbereich für „Diagnostik auf ganz hohem Niveau“, erklärt Kreutzig und ergänzt: „Hier wird auch noch Handarbeit gemacht.“ Unter anderem messen hier Chemiker den Medikamentenspiegel im Blut oder prüfen Immunwerte eines Patienten nach einer Nierentransplantation.

Viel „Handarbeit“ gibt es auch noch in der eignen Abteilung für Mikrobiologie, Infektiologie, Hygiene und Tropenmedizin. Hier werden neben Blutproben auch Bronchalsekret und Stuhl untersucht. Und hier gibt es tatsächlich noch Hunderte kleiner Schalen, in denen mikrobiologische Kulturen in speziellen Nährlösungen und Brütern oder sehr teuren Massenspektrometern gedeihen beziehungsweise analysiert werden, und am Schluss Aussagen über bakterielle Krankheiten erlauben. In einer weiteren Abteilung lassen sich hier zum Beispiel Tuberkulose- und Masernerkrankungen nachweisen.

Im Akutfall kommt das Ergebnis per Telefon

15 Uhr: Die untersuchten Blutwerte vom Myrth-Klages sind im PC-Sytem eingespeist. Ihre Ärztin kann sie jetzt jederzeit abrufen – auch beim Besprechungstermin drei Tage später. Die Werte sind gut, keine Auffälligkeiten bei den Mastzellen, die auf eine gefährlich hohe Produktion von Histamin hinweisen und eine zusätzliche Behandlung erfordern. Bei einem lebensgefährlichen Akutfall hätte das Labor die behandelnde Praxis schon unmittelbar nach der Probenanalyse per Fax oder Telefon informiert.

Nur wenigen ist bewusst, dass es ausgebildete Labormediziner gibt. Sie sind diagnostische Fachärzte, die sich nach dem Medizinstudium spezialisiert haben. Sie erstellen Laborbefunde für die Diagnostik, erkennen Stadien von Krankheiten, erarbeiten Verlaufs- Therapiekontrollen und Präventionen. Darüber hinaus organisieren sie Transport und Analyse von Proben und stellen die Rückmeldung der Befunde zum anfordernden Arzt sicher.

Heide Siggelkow, Leiterin des Endokrinologikums. Quelle: Christina Hinzmann

Für die Diagnostik und Therapie einer Krankheit sind die Labormediziner „sehr wichtig und wir arbeiten täglich eng mit ihnen zusammen“, sagt die Göttinger Endokrinologin Prof. Dr. med. Heide Siggelkow: „Der eine kennt den Patienten, der andere die Laborwerte.“ Um einen Laborbefund richtig einordnen zu können „muss ich immer auch wissen, wie gemessen wurde und welche Parameter nach der Blutentnahme die Ergebnisse beeinflusst haben könnten“. „Und gerade bei Grenzfällen und nicht wirklich klaren Befunden brauche ich häufig auch einen Ansprechpartner, um die Laboruntersuchungen richtig nutzen und die gemessenen Werte richtig interpretieren zu können“, so Siggelkow.

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Endokrinologen-Kongress mit Patiententag

Wie stehen Hormone und Darm im Austausch? Wie bleiben Männer bis ins hohe Alter fruchtbar? Was macht den Knochen als endokrines Organ aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen befassen sich etwa 1000 Fachärzte vom 20. bis 22. März beim 62. Deutschen Kongress für Endokrinologie in Göttingen. Der dreitägige Kongress mit Vorträgen und Symposien zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Lokhalle unter Leitung der Göttinger Endokrinologin Prof. Heide Siggelkow ist zugleich die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Im Abschluss an den Kongress gibt es einen öffentlichen Patiententag: am Sonnabend, 23. März, von 10 bis 12 Uhr in Hörsaal 552 der Universitätsmedizin Göttingen. Bis 11 Uhr gibt es Kurzvorträge zu den Themen Schilddrüse, Diabetes mellitus, Wachstumsstörungen im Kindesalter und Osteoporose. Anschließend können Besucher bis 12 Uhr bei einem Imbiss mit Fachärzten „interdisziplinäre Tischgespräche“ führen. us

Mehr zum Thema:

Histaminunverträglichkeit: Wie eine Patientin damit klar kommt

Von Ulrich Schubert

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