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Der Norden Nach Leichenfund: Ganz Wittingen steht vor einem Rätsel
Nachrichten Der Norden Nach Leichenfund: Ganz Wittingen steht vor einem Rätsel
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00:18 19.05.2019
Junkerstraße 15 in Wittingen: Hier wurden zwei tote Frauen im Zusammenhang mit dem Armbrust-Fall gefunden. Quelle: Strebe
Wittingen

Es gießt. Die Straßen sind grau und nass, der Himmel ist grau und nass, die Luft ist grau und nass. Es ist Markttag in Wittingen im Kreis Gifhorn, auf dem Platz vor der stolzen Kirche St. Stephanus verlieren sich gerade mal zwei Stände mit Gemüse und Blumen, außerdem steht da ein Bäckerei-Verkaufswagen. Dort kann man sich unterstellen im Regen, dort bleiben auch mal ein paar Leute für einen Moment stehen und reden. Es gibt nur ein Thema: das Haus Junkerstraße 15, fast in Sichtweite, die beiden toten Frauen, die in dem Haus gefunden wurden, und der ganze rätselhafte Armbrust-Fall.

Die Fakten: Am Sonntag meldete das Landeskriminalamt Bayern, dass in einer Pension in Passau drei Tote gefunden wurden, alle drei durch Armbrust-Pfeile getötet. Später stellte sich heraus: Es waren ein 53-jähriger Mann, Torsten W. aus der Szene der Mittelalterfreunde, und zwei Frauen. Die eine war W.s Lebensgefährtin, die beiden lagen Hand in Hand auf dem Bett. Die andere, Farina C., 30 Jahre alt, Bäckereiverkaufsleiterin, kam aus Wittingen. Die Polizei ging bald von einem verabredeten Suizid aus, davon, dass Farina C. erst den Mann und seine Freundin getötet und sich dann selbst einen Pfeil in den Hals geschossen hatte. Motivlage: noch unklar.

Die Polizei klingelt – keiner öffnet

Am Montag klingelte die Polizei in Wittingen im Haus Junkerstraße 15. Farina C. war nicht nur in Wittingen gemeldet, sie hatte dort auch in einer gleichgeschlechtlichen Ehe mit Gertrud C. gelebt, hatte mit ihr Wohnung und Namen geteilt. Niemand öffnete. Denn in der Wohnung lagen die 35-jährige Gertrud C., eine Lehrerin, und ein 19-jähriges Mädchen, Carina U., und waren auch tot. Seitdem herrschen in Wittingen Unruhe und Verstörung, Mitleid und Trauer und Wut. Alles gleichzeitig.

Wittingen ist ein Kunstgebilde. Die Stadt im Landkreis Gifhorn wurde bei der Gebietsreform 1974 aus 26 verschiedenen Ortschaften zusammengesetzt, der Hauptort hat um die 5000, die Gesamtstadt knapp 12.000 Einwohner. Eine richtige gemeinsame Identität gibt es nicht, und Wittingen ist nicht nur grau, wenn es regnet und wenn Tote gefunden werden. Im Haus Junkerstraße 15 steht das Erdgeschoss leer, früher waren da eine Bäckerei und ein Café drin. Und in der gesamten Innenstadt sind viele Schaufenster ohne was dahinter zu finden.

Wittingens Altstadt wirkt ausgedörrt

Frank Kleinschmidt ist Pastor in Wittingen Quelle: Bert Strebe

Am Bäckerei-Verkaufswagen auf dem Marktplatz reden die Kunden über Passau und über Gertrud C. Es ist alles dabei von „Wie kann man nur“ über „Das kann doch keiner verstehen“ bis zu „Was haben solche Leute hier zu suchen“. Einen Steinwurf weit weg, in der unmittelbaren Nachbarschaft, sagt jemand, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, es sei ganz furchtbar gewesen am Montag nach Entdeckung der Leichen: 20 Leute von der Polizei im Haus, niemand habe mit den Bewohnern geredet, und die ganze Straße voll mit Kamerawagen und Presse. Und dann vor allem dieses Gefühl, dass da tagelang die Leichen gelegen haben. „Ich habe nur die Lehrerin ab und zu im Hausflur getroffen“, sagt der Jemand. „Ich habe, als sie eingezogen war, vorgeschlagen, man könnte sich ja mal unterhalten, aber sie hat nur gesagt: Ich will keinen Kontakt.“ Er habe sie deswegen nicht verurteilt. Jeder müsse so leben, wie er wolle.

„Sie war aber eine ganz tolle Lehrerin“, sagt eine Mutter aus Wittingen, die einen Sohn an der Grundschule hat. Die Frau findet es schade, dass die Medien von Gertrud C., die Deutsch und evangelische Religion unterrichtet hatte, nur das Bild einer abweisenden, Schwarz tragenden Gothic-Frau vermittelt hätten. „Sie hat vielleicht nicht so viel geredet wie andere, aber die Kinder haben sie geliebt.“ Gertrud C. sei offen gewesen und habe gut Konflikte schlichten können. Sie sei nur seit November krankgeschrieben gewesen, der Grund ungewiss, Depression vielleicht.

Der Armbrust-Fall ist Gesprächsthema

Mitfühlende Stimmen kann man auch im Kiosk in der Bahnhofsstraße hören, einem der Hauptumschlagplätze in Wittingen für Bier und Zigaretten und Neuigkeiten. „Hier war ein Mädchen, ganz traurig, und hat einfach nur gesagt: Meine Lehrerin ist tot“, erzählt die Verkäuferin. Ein Mann, der Gertrud C. gekannt hat, will erst gar nichts sagen. Dann sagt er, es seien lauter Lügen über die Frau verbreitet worden.

Auch Frank Kleinschmidt, der Gertrud C. nicht persönlich kannte, hat Leute sagen gehört, man könne „so jemanden“ wie diese Frau doch nicht „auf die Kinder loslassen“. „Aber andere haben gute Erfahrungen gemacht“, erzählt der Pastor. „Sie konnte offenbar auch, selbst wenn das jetzt komisch klingt, den Schülern das Thema Tod gut vermitteln.“ Die meisten Menschen, mit denen Kleinschmidt spricht, sind erschüttert und verunsichert.

In Wittingen im Kreis Gifhorn wurden zu Beginn der Woche zwei tote Frauen gefunden. Der Fall gibt auch den Ermittlern Rätsel auf.

Und vorsichtig. Die Bäckerei, in der die 30-jährige Farina C. mutmaßlich gearbeitet hat, mag dies nicht bestätigen. Anwohner in der Innenstadt haben den Aufmarsch der Medien als regelrechte Bedrohung empfunden. Eltern von Grundschülern erzählen, andere Eltern hätten ihre Kinder aus der Schule genommen, aus Angst, sie würden von Journalisten ausgefragt. In der Schule sind Psychologen und Notfallseelsorger eingesetzt worden.

Noch viele Fragen sind offen

Wittingen hat keinen Ritter- oder Mittelalter-Verein, nur im nahen Bad Bodenteich werden ab und zu historische Spektakel veranstaltet. „Hier gibt es vielleicht einzelne Gothic-Freunde, aber keine richtige Szene“, sagt die Verkäuferin im Bahnhofsstraßenkiosk. Quälend ist für viele Wittinger, dass im Passauer Teil des Falls die Fakten weitgehend klar, in Wittingen aber immer noch alles offen ist. Die beiden Frauen sind nicht durch äußere Gewalt gestorben. Aber wie dann? War es Suizid? Hat jemand nachgeholfen? Und in welchem Verhältnis stand die junge Carina U. zu den beiden anderen Frauen und zu Torsten W.? Auch sie war ganz offiziell in Wittingen gemeldet, in der Wohnung der beiden Frauen Farina und Gertrud C.

Die Staatsanwaltschaft wartet noch auf Ergebnisse der Obduktionen und weitere Erkenntnisse. Sprecherin Christina Pannek hat am Donnerstag nur zu vermelden, dass es nichts zu vermelden gibt.

Eine Spur führt nach Wietze

Die Staatsanwaltschaft hat am Mittwoch das Haus des im Armbrust-Fall in Passau getöteten 53-jährigen Torsten W. in Borod in Rheinland-Pfalz durchsuchen lassen. Es seien zahlreiche Beweismittel sichergestellt worden, hieß es.

Torsten W. soll verschiedenen Berichten zufolge auch eine Weile in Wietze im Kreis Celle auf einem Reiterhof gelebt haben. Der ehemalige Vermieter des Mannes sagt in Interviews, der 53-Jährige sei gewalttätig gewesen. Er habe ihm nach ein paar Wochen gekündigt.

In Wietze sollen auch die beiden Frauen Gertrud und Farina C. aufgetaucht sein, der Vermieter beschreibt sie als dem Mann gegenüber unterwürfig. Die 30-jährige Farina C. hat angeblich im Landkreis Celle gewohnt, bevor sie zu Gertrud C. nach Wittingen gezogen ist. Alle fünf Toten stammen ursprünglich aus Rheinland-Pfalz.

Der Fernsehsender RTL berichtet, dass es sich bei der 19-jährigen Carina U. um eine seit mehreren Jahren vermisste junge Frau handeln dürfte. Deren Eltern sagten im Interview, ihre Tochter habe den 53-Jährigen im Kampfsportclub kennengelernt und wenig später den Kontakt zur Familie abgebrochen. Manche Boulevardmedien schreiben von einem Sex-Zirkel. Belege dafür gibt es bislang nicht.

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Von Bert Strebe

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