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Der Norden Lüneburg kämpft gegen Bahnausbau
Nachrichten Der Norden Lüneburg kämpft gegen Bahnausbau
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21:06 25.04.2019
Ulrich Mädge am Bahngleis, hinter ihm rauscht ein ICE durch die Stadt.           Quelle: Carolin George
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Lüneburg

Ulrich Mädge steht zwischen der olivgrünen Lärmschutzwand der Bahngleise und den moosgrünen Torpfosten des Klosters Lüne. Als der Oberbürgermeister der Stadt Lüneburg anhebt, etwas zu sagen, rattert ein Güterzug hinter seinem Rücken vorbei. „Wir stehen hier an einem Ort, der Symbolkraft besitzt“, sagt der Sozialdemokrat schließlich, als der Lärm verklungen ist. Und macht seinem Ärger über das Bahngroßprojekt Alpha-E Luft.

Im Kern geht es darum, zwischen Hamburg, Bremen und Hannover mehr Verkehr auf die Schiene zu bekommen. Politik, Bahn, Verbände und Bürger hatten 2015 knapp ein Jahr lang in einem sogenannten Dialogforum darum gerungen, wie dieses Ziel umgesetzt werden kann, ohne dass eine umstrittene neue Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut werden muss. Der Kompromiss, der 3,9 Milliarden Euro kosten soll und als „Optimiertes Alpha-E + Bremen“ in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde, sieht vor, bestehende Strecken an einzelnen Punkten zu verstärken, sodass mehr Züge in kürzeren Intervallen fahren können. Und sie sollen schneller fahren: Zwischen Hamburg und Hannover zum Beispiel sollen die Fernzüge elf Minuten weniger brauchen als derzeit. In Lüneburg soll dafür ein drittes Gleis nach Uelzen gelegt werden.

800 statt 550 Züge pro Tag

Vor diesen Szenarien graut Mädge. „Wenn hier eines Tages wie geplant 800 statt der bisher 550 Züge täglich fahren, dann wissen wir nicht, wann die Klosterkirche umfällt“, sagt der Sozialdemokrat, der zurzeit auch Präsident des Niedersächsischen Städtetags ist. Seit mehr als 20 Jahren ist der Sozialdemokrat hauptamtlicher Chef im Rathaus – und er scheut keine drastischen Bilder, um ein weiteres Gleis durch Lüneburg zu verhindern. Das hat Mädge seinen Wählern schließlich versprochen. Und deshalb ist er gegen Alpha-E.

Was er befürchtet, zeigt Mädge am Verlauf der Gleise: Vom Kloster aus führen sie in Richtung Süden nah an Lüneburgs Hauptkirche St.  Johannis vorbei, gebaut auf dem unstabilen Untergrund des Ilmenautals. „Was ist mit den Erschütterungen? Das weiß niemand“, sagt er. In Richtung Norden sieht es seiner Meinung nach noch schlimmer aus: „Falls dort wirklich ein neues Gleis gebaut wird, müssen wir eine ganze Straße abreißen.“

Das ist Alpha-E

Das Alpha-E-Konzeptumfasst zwölf Streckenabschnitte auf einer Gesamtlänge von fast 400 Kilometern Länge. In erster Linie sollen Strecken zwischen Hannover und Hamburg, Bremen und Uelzen, Rotenburg und Minden sowie Nienburg und Wunstorf ausgebaut werden. Insgesamt soll durch das Projekt die Zahl der Reisenden im Fernverkehr verdoppelt werden. Erste Abschnitte könnten im Jahr 2030 in Betrieb gehen.

Auch der Güterverkehr soll enger getaktet werden: 84 zusätzliche Züge sollen täglich zwischen Hamburg und Lüneburg fahren, 70 zwischen Lüneburg und Uelzen, 40 zwischen Uelzen und Celle sowie 39 zwischen Celle und Lehrte.

Gleichzeitig soll die Zahl der Menschen, die vom Verkehrslärm betroffen sind, laut den Autoren des Bundesverkehrswegeplans sinken. Zwar werden demnach mehr als 18 700 Einwohner neu oder stärker betroffen sein, im Gegenzug würden aber rund 195 900 Anwohner entlastet – etwa durch zusätzlichen Schallschutz.

Alpha-E umfasst nicht nur zusätzliche Gleise und Kreuzungen. Sogenannte Blockverdichtung soll helfen, die Schienen besser auszulasten: Strecken werden dafür durch zusätzliche Signale in kleinere Abschnitte unterteilt, sodass dort durch engere Taktung mehr Züge fahren können.

Bevor Ende 2016 die derzeitige Lösung in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde, war jahrelang über eine andere Variante diskutiert worden: die sogenannte Y-Trasse, eine neu gebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke nördlich von Hannover mit Gabelung in zwei Äste nach Bremen und nach Hamburg. Nach Protesten wurde sie verworfen, stattdessen einigte sich das Dialogforum „Schiene Nord“ mit Vertretern der Bahn, Umwelt- und Verkehrsverbänden, Wirtschaft, Bürgerinitiativen, Kommunen und Landkreisen Ende 2015 auf Alpha-E – und das Konzept Ausbau statt Neubau.

Der Planungsstand der einzelnen Abschnitte wird auf www.hamburg-bremen-hannover.de dokumentiert.

Und dann, Mädge wirkt jetzt wirklich wütend, sei da ja noch das sogenannte Überbauwerk, eine Brücke, die es Zügen möglich machen soll, Gleise zu kreuzen. „Dieses Bauwerk wäre noch einmal 15 bis 20 Meter höher als die bisherigen Gleise“, sagt Mädge. „Dann sieht Lüneburg von Osten aus wie eine Industriestadt.“

Allein für die Strecke zwischen Hamburg und Lüneburg rechnet der Bund durch Alpha-E mit einem Plus von 500 000 Passagieren pro Jahr. Weil im Hamburger Hafen den Planungen zufolge künftig noch viel mehr Güter umgeschlagen werden, sollen auch die auf die Schiene: Pro Tag würden 84 zusätzliche Güterzüge zwischen Hamburg und Lüneburg fahren, wenn Alpha-E abgeschlossen ist.

Kaum Unterstützer bei Kritik

Die möchte Mädge nicht durch Lüneburg rattern lassen. Statt der derzeitigen Planung mit dem zusätzlichen Gleis fordert er den Neubau einer Trasse entlang der Autobahn 7 für Güterzüge und die Tempo-250-ICE. „Wir brauchen die Schienen für den Personenverkehr, die Güter müssen an die Autobahn 7.“ Bis auf den Landrat und ein paar Kommunalpolitiker im Kreis Lüneburg hat Ulrich Mädge, ein politisches Alpha-Tier, aber kaum Mitstreiter in seinem Kampf gegen Alpha-E – anders als wenn er sich zum Beispiel für eine Reform der Erzieherausbildung einsetzt.

Seine Parteigenossen in Hannover halten sich an ihren Landtagsbeschluss aus dem Jahr 2016 zum Mammutprojekt der Bahn. „Es ist ein schwer zu findender Kompromiss gewesen“, sagt Stefan Klein, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, gegenüber unserer Zeitung. „Jetzt ist geboten, ihn schnell, aber gründlich umzusetzen.“ Dass Genosse Mädge den SPD-getragenen Beschluss so lautstark kritisiert, sei sein gutes Recht, sagt Klein. „Das ist Politik. Da streitet man auch mal.“

Zweifel an Zielen

Anfang April hat es in Hannover eine Informationsveranstaltung der Bahn gegeben, die Mädge Auftrieb gibt: Denn seither ist bekannt, dass die geplante Dreigleisigkeit zwischen Lüneburg und Uelzen gar keine Verbesserungen für den Nah- und Fernverkehr zulässt. Auch der Deutschland-Takt, mit dem die Bundesregierung bis 2030 bundesweit schnellere Fahrten und kürzere Umsteigezeiten erreichen will, wäre demnach hier nicht kompatibel. Außerdem wäre zwischen Stelle kurz hinter Hamburg und Celle lediglich ein Fahrzeitgewinn von bis zu 1,5 Minuten möglich. Der Bund geht dagegen noch immer von den ursprünglich geplanten elf Minuten Zeitgewinn zwischen Hamburg und Hannover aus, davon hängt schließlich auch der volkswirtschaftliche Nutzen ab. Wie diese elf Minuten erreicht werden sollen, ist derzeit allerdings unklar. Und das macht Mädge Mut.

Von Carolin George

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