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Der Norden Kann man Astrologie ernst nehmen?
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18:41 04.07.2019
„Für Steinböcke gilt: In der Jugend alt, im Alter jung“: Der Astrologe Martin Banger aus Bovenau. Quelle: Bert Strebe
Bovenau

Dumm gelaufen. Mein Tageshoroskop sagt: „Nehmen Sie großartige neue Ideen nicht zu ernst und bleiben Sie bei Ihrer bisherigen Vorgehensweise.“ Da wäre ich ja am besten gar nicht erst losgefahren.

Es ist einer von diesen T-Shirt-Tagen, als ich nach Bovenau in Schleswig-Holstein zu Martin Banger aufbreche. Eigentlich müsste die Sonne im Krebs stehen, aber sie steht am Himmel und hat kein Erbarmen. Marin Banger besuche ich, weil NDR 1 Niedersachsen manchmal morgens nach dem Nachrichtenhören ganz nett sein kann, bevor Roland Kaiser kommt. Und um zehn nach zehn bringen sie die Tageshoroskope. Ein Satz oder zwei Sätze pro Sternzeichen. „Vermeiden Sie es, sich körperlich zu verausgaben.“ Oder: „Heute haben Sie bessere Karten, als Sie zunächst glauben.“ Oder eben: „Nehmen Sie großartige neue Ideen nicht zu ernst.“

Ist das nicht Mumpitz? Nun: Die Hörer von NDR 1 trauen ihren Tageshoroskopen, der Sender wollte sie mal abschaffen, das hat ordentlich Ärger gegeben. Aber wer schreibt so was?

Geburtsdatum und Ort: Der Rest steht im Laptop

Martin Banger schreibt so was, für den NDR und für andere. Und er nimmt Astrologie ernst. Sogar sehr: Er lebt davon.

Martin Banger, 60, Stier, wohnt (mit Unterbrechung) seit seiner Kindheit in Bovenau. Plattes Land, eine der Bahnstationen in der Nähe heißt „Felde“, das trifft es ganz gut. Banger kredenzt Zitronenwasser und Espresso auf der Terrasse. Man muss sich ein bisschen an seine hellen blauen Augen gewöhnen, die ihr Gegenüber zu durchleuchten scheinen. Dabei braucht er das gar nicht, er fragt nach Geburtsdatum und Uhrzeit und Geburtsort, und dann steht da schon alles in seinem Laptop.

Ein paar Semester Chemie, dann wurde er Astrologe: Martin Banger kann davon leben. Quelle: Bert Strebe

Ich eröffne das Interview mit dem Satz, dass ich nicht an Astrologie glaube. Banger antwortet nicht (ich habe ja auch keine Frage gestellt). Er lächelt nur leise.

Astrologie hat viele Anhänger in Deutschland, es sind gern Frauen zwischen 40 und 60, aber auch Männer: Jeder vierte Deutsche glaubt an die Sterne. Wie viele Sterndeuter es in Deutschland gibt, weiß niemand genau. Schätzungen schwanken zwischen 6000 und 20.000.

Eine intensive Beratung kostet 120 Euro

Martin Banger hat ein paar Semester Chemie studiert und dann abgebrochen. Das mit den Horoskopen hat ihm eine Bekannte gezeigt, und er fing an, sich mit psychologischer Astrologie zu befassen, die es seinerzeit fast nur in den USA gab. Er begann, auch Horoskope für Zeitungen zu schreiben.

Manche Zeitungsredaktionen, weiß Banger, lassen einfach einen Schreiberling ein paar Sätze dichten. Das macht er nicht, er orientiert sich an den Sternenkonstellationen. Er schreibt für viele Zeitungen in ganz Deutschland. Und natürlich kann man individuelle Horoskope bei ihm bestellen. Eine intensive Stunde kostet 120 Euro.

Mars im Schützen

Wir probieren eine Kurzfassung. Ich bin Steinbock, im Januar 1958 geboren, in einem Kaff im Kreis Osnabrück, morgens 9.15 Uhr. Martin Banger beginnt aufzuzählen: „Sie sind ernsthaft, gründlich, ausdauernd.“ Holla, denke ich, gut erkannt. Ich grinse aufmunternd. „Und auch mal schwermütig?“ Ich grinse etwas weniger. Möchte ich, dass er so was sieht?

Er spricht von Mars im Schützen, meinem einzigen Planeten in einem Feuerzeichen, was ein Mangel an Feuer bedeuten könnte. Tatsächlich? Sport wäre gut dagegen, sagt Banger. Ich überlege, wann ich das letzte Mal gejoggt bin. Er spricht von Merkur im Steinbock: viel Erde. Ich denke an meine zwei Balkonkästen, allerdings: Ich habe lange einen großen Garten gehabt. Er spricht vom Uranus-Einfluss: Wenn sich bei mir was ändere, dann radikal. Tja, denke ich, so bin ich eben. „Und es ist dann immer sehr, sehr dramatisch“, sagt Banger. Hmpf.

Mond im Skorpion, Wassermann in der Venus: ein Horoskop. Quelle: Banger

Banger kommt zum Thema Beziehungen. Mond im Skorpion, Wassermann in der Venus. Das heißt? „Der Mond tendiert in Richtung Tiefe, Verbindlichkeit, Intensität. Die Venus in Richtung Freiheitsdrang.“ Er schaut mich an. „Gegensätzliche Bedürfnisse“, sagt er. Ich schweige. „Kein Steinbock ist ein reiner Steinbock“, sagt er tröstend. Ich schweige weiter. Er sagt, behutsam, noch ein paar Dinge, die alle stimmen, die hier nun aber wirklich nichts zur Sache tun.

Im Alter jung, in der Jugend alt: „Ich liebe Astrologie

Ich brauche noch einen Espresso. Banger gießt ein und sagt dann: „Für Steinböcke gilt aber oft: In der Jugend alt, im Alter jung.“

Echt? Ich liebe Astrologie.

Der Deutsche Astrologen-Verband hält Zeitungshoroskope für unseriös. Weil man nicht präzise sein kann als Astrologe, wenn man den Geburtstag und die Geburtsminute eines Menschen nicht kennt. Stimmt, sagt Banger. Man dürfe das eigentlich nicht Horoskop nennen, sondern vielleicht Sternenorakel. Es sei ein bisschen wie Tarotkartenlegen. Er gebe, wenn er so was schreibe, nicht mehr als Fingerzeige.

Aber er erzählt auch von der Unternehmerin, die sich für ihre Geschäftsabschlüsse günstige Tage von ihm errechnen lasse (mit Erfolg), er berichtet von Situationen, in denen er an drei Unfällen vorbeigekommen ist: Natürlich, es herrschte eine Mars-Saturn-Konstellation, das musste ja passieren.

Er sagt, der ewige Irrtum sei zu denken, Astrologie sei eine exakte Wissenschaft mit messbaren Ergebnissen. Ist sie nicht. Es gebe auch keinen physikalischen Einfluss der Planeten auf die Seelen von Menschen. Aber es gebe einen Einfluss.

„Alles schwingt“

Wie genau der funktioniert, weiß Martin Banger nicht. Er vermutet, dass es Schwingungen sind. „Alles schwingt.“ Carl Gustav Jung, der große Psychoanalytiker, habe von „Synchronizität“ gesprochen, wenn Ereignisse ohne erkennbaren Kausalzusammenhang miteinander in Beziehung stünden. So sei das auch mit der Astrologie.

Und wieso hat mein Tageshoroskop gesagt, ich solle die großartige Idee der Astrologie nicht ernst nehmen? Martin Banger lächelt und zuckt mit den Schultern. Auf dem Nachhauseweg überlege ich dann, dass die Sterne vielleicht was anderes gemeint haben. Möglicherweise meine Absicht, mich gesünder zu ernähren.

Da habe ich mich ans Horoskop gehalten. Ich habe zwei Löffel Zucker in den Espresso gekippt.

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