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Der Norden Waldpädagogen, Quereinsteiger? So reagiert Niedersachsen auf den verschärften Lehrermangel
Nachrichten Der Norden Waldpädagogen, Quereinsteiger? So reagiert Niedersachsen auf den verschärften Lehrermangel
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06:00 10.09.2019
An den Grundschulen fehlen die Lehrer: Nach einer Bertelsmann-Studie ist das Loch noch größer als bislang angenommen. Quelle: Symbolbild Marcel Kusch/dpa
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Hannover

Schon jetzt haben Grundschulen in Niedersachsen Probleme, Pädagogen zu finden, vor allem ländliche Standorte. Bis 2025 könnte der Lehrermangel noch viel dramatischer werden als bislang angenommen. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen bis dahin bundesweit mindestens 26.300 Grundschullehrer. Das sind 11.000 mehr als die Kultusministerkonferenz noch in ihrer Prognose im Herbst 2018 vermutet hatte.

Der Grund: DieSchülerzahlen steigen schneller, als man ursprünglich angenommen hat. Rechneten die Kultusminister im vergangenen Jahr noch mit 3,064 Millionen Grundschulkindern im Jahr 2025, sind es nach den jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamtes dann 3,232 Millionen. Das sind 168.000 Schüler mehr als erwartet. Auch 2030 dürfte es mehr Grundschüler geben als bislang vermutet, statt der geschätzten 3,019 Millionen wohl 3,181 Millionen.

Tonne: Wenig Aussagekraft für Niedersachsen

Für Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ist das kein Grund zur Besorgnis: „Der Neuigkeitswert für Niedersachsen hält sich in sehr engen Grenzen, da die Studie keine konkreten Erkenntnisse für unser Bundesland ausweist. Die zentrale Botschaft ist bereit bekannt: Die Geburtenzahlen steigen aktuell erfreulicherweise. Damit wird sich der Lehrkräftebedarf an den Grundschulen dementsprechend erhöhen.“

Niedersachsen sei aber gut vorbereitet, meint Tonne: Im Jahr 2025 dürfte es rund 300.000 Grundschüler geben, für die rund 400 Lehrkräfte einzustellen wären. Der Nachwuchs sei bereits da: Im Jahr 2020 würden 870 angehende Grundschullehrer ihr Referendariat beendet haben. Zudem seien in den vergangenen Jahren bereits sehr viele junge Lehrer an Grundschulen eingestellt worden, man habe den Quereinstieg für Nicht-Pädagogen erleichtert.

Grundschulen ohne Grundschullehrer?

Laura Pooth, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sieht gerade Letzteres mit gemischten Gefühlen: „Es droht die Entwicklung zu Grundschulen ohne Grundschullehrkräften.“ Die Bundesländer stünden in einem Wettstreit um die wenigen verbliebenen Lehrkräfte, die tatsächlich Grundschullehramt studiert hätten. Auch Frank Post, Leiter der Grundschule Fuhsestraße in Hannover, hat eine „Entprofessionalisierung“ an den Grundschulen beobachtet. Es gebe immer mehr Beschäftigte, die „Grundschule nicht gelernt hätten“, etwa Quereinsteiger oder abgeordnete Gymnasiallehrer.

„Grundschulen ohne Grundschullehrer?“: Laura Pooth, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kritisiert die Entprofessionalisierung an den Schulen. Quelle: Irving Villegas

Opposition: Tonne tut zu wenig

Die Opposition im Landtag kann die Gelassenheit des Kultusministers nicht verstehen: Björn Försterling (FDP) sagt: „Der Lehrermangel kommt auf uns zu, und die Landesregierung schaut tatenlos zu. Wir brauchen A13 als Einstiegsgehalt und bessere Arbeitsbedingungen, um den Beruf für junge Menschen attraktiv zu machen.“ Entlastungen für Lehrer und Rektoren, Doppelbesetzungen im Unterricht oder kleinere Klassen seien in Niedersachsen gar nicht eingeplant.

Julia Willie Hamburg (Grüne) meint, schon jetzt sei die Lage an den Grundschulen mehr als angespannt, aber das Ministerium stelle weniger Lehrer ein als nötig und rechne sich die Zahlen schön: „Gebetsmühlenartig zu behaupten, Niedersachsen sei gut gerüstet, ist für die Betroffenen ein Hohn und ignoriert alle Warnrufe.“

Warum keine Museums- und Waldpädagogen an die Schulen?

Für Mike Finke, den Vorsitzenden des Landeselternrates, ist die Öffnung der Grundschulen für anderes Personal kein Übel, sondern ein Muss. „Warum gibt es nicht mehr Unterricht an außerschulischen Lernorten, etwa von Wald- oder Museumspädagogen, unterstützt von Lehrkräften?“ Der Elternvertreter wirbt für kreative Lösungen, um die Lehrerlücke zu füllen. Denn der Mangel sei spürbar, sagt Finke.

Grundschulen müssen sich für Nicht-Lehrer öffnen, meint Landeselternratsvorsitzender Mike Finke. Quelle: Samantha Franson

Eltern würden bemängeln, dass in den Grundschulen die Kontinuität und die eigentlich gesetzlich verankerte Verlässlichkeit fehlten: Da würden plötzlich Klassen geteilt, Mathematiklehrer wechselten nach kurzer Zeit, Ganztagsbetreuung, auf die sich Eltern verließen, werde 24 Stunden vorher einfach abgesagt.

Eltern seien bereit, sich in Schule zu engagieren, sagt Finke, es gebe Mütter, die beim Lesenlernen helfen oder zum Schwimmunterricht mitfahren würden, um Kindern hinterher die Haare zu föhnen. „Eltern sind aber längst nicht mehr bereit, Kuchen zu backen oder Kaffee auszuschenken, diese Rolle reicht ihnen nicht mehr.“

Schnelle Lösungen gefragt

Wirbt für schnelle Lösungen: Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung. Quelle: Caroline Seidel/dpa

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, sagt, schnelle Lösungen seien nötig, um das Loch zu stopfen. So sollten abgeordnete Gymnasiallehrer und Quereinsteiger besser berufsbegleitend qualifiziert werden, ältere Lehrer, die kurz vor ihrer Pensionierung stünden, sollten freiwillig länger arbeiten, ebenso wie auch Teilzeitkräfte ihre Stunden aufstocken könnten.

Quereinstieg ist kein Allheilmittel, findet CDU-Bildungsexpertin Mareike Wulf. Quelle: Torsten Lippelt

Quereinstieg sei kein Allheilmittel, warnt Mareike Wulf (CDU). Ziel müsse es sein, möglichst viele ausgebildete Grundschullehrer zu gewinnen. Es sei nicht verständlich, warum in Österreich ausgebildete Grundschullehrer nicht einfach in den niedersächsischen Schuldienst wechseln könnten. Nachwuchs sei dringend nötig. Ältere Pädagogen an den Grundschulen würden oft unter der hohen Lärmbelastung leiden und krankheitsbedingt ausfallen.

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