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Der Norden Wie feiern Sie Ihr erstes Weihnachtsfest als Bischof, Herr Wilmer?
Nachrichten Der Norden Wie feiern Sie Ihr erstes Weihnachtsfest als Bischof, Herr Wilmer?
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00:55 24.12.2018
„Die Kirche ist nicht nur heilig“: Hildesheims Bischof Heiner Wilmer. Quelle: Clemens Heidrich
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Hildesheim

Heiner Wilmer, der neue Bischof von Hildesheim, über den Missbrauchskandal, das Verschwinden des Glaubens und die Sehnsüchte von Weihnachten.

Herr Bischof, in der katholischen Kirche wird das Weihnachtsfest vom Missbrauchsskandal überschattet. Sie haben ihren Vorvorgänger, Bischof Josef Homeyer, für seinen laxen Umgang mit Missbrauchsfällen kritisiert. Warum haben Sie sich zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschlossen?

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Ich persönlich halte ihn nach wie vor für einen großen Bischof; insbesondere für die Versöhnung in Europa nach den schrecklichen Kriegen hat er viel getan. Im Umgang mit mutmaßlichen Missbrauchstätern allerdings hat er nicht konsequent genug gehandelt. Das ist nicht hinnehmbar.

Einige Katholiken kreiden es Ihnen jetzt an, dass Sie Ihren beliebten Vorvorgänger dafür öffentlich kritisiert haben.

Einige waren irritiert, weil ich Namen genannt und drastische Worte gewählt und von einer Katastrophe gesprochen habe. Ich glaube aber, Bischof Josef hätte ebenso gehandelt, wenn er heute an meiner Stelle wäre. Wir können die Fälle von sexualisierter Gewalt nicht einfach abtun oder sagen, dass diese eben aus ihrer Zeit heraus beurteilt werden müssen. Was damals Unrecht war, ist auch heute Unrecht. Es geht um schwere Verbrechen, die oft unter den Teppich gekehrt wurden. Am Tag, als ich zum Bischof geweiht wurde, habe ich versprochen, dass ich mich diesem Thema mit aller Kraft stellen werde. In einer Videobotschaft habe ich alle Opfer eingeladen, sich bei mir persönlich zu melden. Das Thema hat mich fast an jedem Tag beschäftigt. Bei der Aufarbeitung brauchen wir einen klaren Kurs.

Um das angekratzte Image Ihrer Kirche wieder aufzupolieren?

Es geht um Gerechtigkeit, nicht um den Ruf der Kirche. Das wäre gewissermaßen nur ein Kollateralnutzen. Bei der christlichen Botschaft steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht eine Institution. Weihnachten feiern wir ja, dass Gott Mensch wird – nicht die Institution. Wir feiern die Geburt eines Menschen, der lachen, weinen und leiden kann. Vor fast 1000 Jahren, im Jahr 1022, trat in Hildesheim Bischof Godehard sein Amt an. Ihm ging es nicht um große Bauwerke oder politische Macht; bei ihm stand der Mensch im Zentrum. Bis heute ist er für viele ein Vorbild, auch für mich persönlich.

Vor rund 60 Jahren soll der damalige Bischof Heinrich Maria Janssen sogar selbst Missbrauchstäter geworden sein. Opfer fordern, dass seine Gebeine aus der Bischofsgruft im Dom entfernt werden.

Tote soll man ruhen lassen. Aber wir brauchen einen ganz neuen Umgang mit sexualisierter Gewalt. Denn hier ist eine historische Zäsur gesetzt, die auch theologische Antworten verlangt. Ich nenne ein anderes Beispiel: Nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 beschäftigte sich die ganze Welt mit der Frage, wie Gott so etwas zulassen könne. Wie damals das Erdbeben, so erschüttern heute die Missbrauchsfälle die Kirche weltweit bis ins Mark. Wir brauchen eine neue Theologie im Umgang damit. Die Kirche ist eben nicht nur heilig, sie ist auch sündig und sie bedarf der steten Umkehr.

Ist nicht auch die verordnete Ehelosigkeit der Priester, der Zölibat, schuld an den Verbrechen?

Ich bin dafür, dass über den Zölibat diskutiert wird, aber ich glaube nicht, dass dies kausal zusammenhängt. Die Fehler im System liegen anderswo. Beim Missbrauch geht es um Macht. Wir brauchen eine Gewaltenteilung in der Kirche; Macht darf nicht absolut sein. Schon die Priesterseminare müssen genau hinsehen, wen sie aufnehmen und wie sie ausbilden. Der Missbrauch war nur deshalb so lange möglich, weil viele Menschen geschwiegen und weggesehen haben. Inzwischen ist der Pegel der Achtsamkeit gestiegen, und das ist gut so.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist auch wegen der Missbrauchsfälle hoch.

Dies liegt aber auch daran, dass der gesamten Gesellschaft der christliche Glaube wegrutscht. Manche Christen halten einige Gegenden in Deutschland schon für ein komplett areligiöses Missionsgebiet. Aber das ist falsch: An jeder Ecke gibt es ja spirituelle Angebote für gestresste Manager oder für Wellness mit religiösen Dimensionen. Was tut mir gut? Was macht mich heil? Was gibt mir Sinn? Das sind religiöse Fragen, die alle Menschen beschäftigen. Wo sind wir als Kirche da eigentlich?

Immerhin sind die Kirchen wenigstens am Weihnachtsfest sehr gut besucht. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ja, weil das Fest unsere fundamentalen Sehnsüchte berührt. Weihnachten ist ein Fest der Heimat – ein Wort, das ich noch vor zehn Jahren kaum in den Mund genommen hätte. Weihnachten ist auch ein Fest der Gemeinschaft und der Beziehungen. In unserer Leistungsgesellschaft muss der einzelne ja immer funktionieren. Weihnachten ist das anders; da steht ein Kind im Mittelpunkt, das selbst noch wachsen kann. Wir dürfen werden wie dieses Kind. Es erinnert uns daran, was uns eigentlich zu Menschen macht – und dass unser Wert nicht davon abhängt, ob wir funktionieren.

Wir sprachen über die Krise der Institution Kirche. Nicht nur sie, sondern fast alle großen Institutionen haben es heute schwer. Viele sprechen von einer schweren Krise ...

Auch gegenüber Parteien, Vereinen oder politischen Einrichtungen ist die Skepsis gewachsen. Überall gibt es die Gefahr, dass der Kontakt zwischen Basis und Institution verloren geht. Um das Zusammenleben verschiedener Menschen zu organisieren, brauchen wir schon Strukturen und verlässliche Einrichtungen. Aber die Institutionen müssen letztlich für die Menschen da sein. Sie müssen sich selbst immer wieder überprüfen. So gesehen kann jede Krise auch etwas Heilsames haben.

Wie feiern Sie Ihr erstes Weihnachtsfest als Bischof?

Heiligabend feiere ich im „Guten Hirten“ in Hildesheim, einer sozialen Einrichtung. Nachts bin ich dann bei der Christmette im Dom. Und am zweiten Weihnachtstag fahre ich zu meiner Familie ins Emsland. Wir sind vier Geschwister, viele Kinder werden dabei sein, wir holen auch unsere an Demenz erkrankte Mutter aus dem Altersheim – in einer so großen Familie ist dann der Bär los. Silvester bin ich wieder in Hildesheim, und Neujahr feiere ich einen Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Celle – mit Häftlingen.

Hatten Sie sich das Amt des Bischofs so vorgestellt, wie Sie es jetzt erleben?

Ich hatte ja nicht damit gerechnet, Bischof zu werden. In Deutschland ist dieser Schritt für Ordensleute wie mich eher selten. Aber Hildesheim ist ein spannendes Bistum. Einerseits ist es 1200 Jahre alt, und gleichzeitig sehr jung, weil sich die Katholikenzahl mit dem Zustrom von Vertriebenen nach 1945 verdreifacht hat. Nach kirchlichen Maßstäben ist vieles neu; vielerorts herrscht hier im Bistum Hildesheim eine Experimentierfreude, die ich eher aus Frankreich kenne, eine Lust am Kreativen und an Aufbrüchen. Das gefällt mir. Die Menschen im Bistum Hildesheim sind direkt, unkompliziert und herzlich. Ich fühle mich hier pudelwohl. Da habe ich es gut getroffen.

Heiner Wilmer ...

... wurde 1961 im emsländischen Schapen geboren. Der Bauernsohn studierte unter anderem Theologie und Romanistik in Freiburg und Paris sowie französische Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Der promovierte Theologe arbeitete mit Behinderten in Toronto, als Lehrer in Vechta und der New Yorker Bronx und war Schulleiter an einem Gymnasium in Handrup im Emsland. Wilmer, der mehrere Sprachen fließend spricht, gehört dem Orden der Herz-Jesu-Priester an. Diesen leitete er als Generaloberer, bis Papst Franziskus ihn im vergangenen April zum Bischof von Hildesheim ernannte. Seit dem 1. September steht er an der Spitze des Bistums, das den Osten Niedersachsens umfasst und mehr als 600 000 Katholiken zählt.

Von Michael B. Berger und Simon Benne