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Der Norden Das „Trauma der Verschickungskinder“ wird aufgearbeitet
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07:56 19.11.2019
Anja Röhl Quelle: Mathias Peppler
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Westerland

Sie wurden erniedrigt, mit Drohungen gefügig gemacht oder sogar geschlagen. Millionen von Kindern aus der Bundesrepublik sind in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Kinderkurheime verschickt worden, um dort gesundheitlich aufgepäppelt zu werden – tatsächlich ist der Aufenthalt für viele eine traumatisierende Erfahrung gewesen. Jetzt soll dieses Kapitel aufgearbeitet werden. Am Donnerstag beginnt dazu ein Kongress auf Sylt.

Angestoßen wurde das Thema von der Berliner Autorin und Pädagogin Anja Röhl. Sie hatte bereits 2009 einen Zeitungsartikel darüber geschrieben, wie es ihr 1960 in einem Kurheim auf Föhr ergangen war: permanente Angst vor den Betreuerinnen, schlechtes Essen und Demütigungen bei Fehlverhalten. „Mir wurde der Mund mit Leukoplast zugeklebt“, sagte Anja Röhl gegenüber der HAZ – weil sie geschwatzt hatte. Anderen seien die Augen zugeklebt worden, wenn sie nicht schlafen wollten.

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Lesen Sie mehr: Gedemütigt, geschlagen, geschädigt: Das lange Leid der „Verschickungskinder“

700 schlimme Schicksale

Anja Röhl stellte den Artikel auf ihre Webseite, und es dauerte eine Weile, aber irgendwann gab es 50 Kommentare dazu, oft mit schlimmen eigenen Erfahrungen der Leser, dann 200. Mittlerweile haben sich 700 Menschen mit Schilderungen ihrer teilweise grausamen Erlebnisse mit teils jahrelangen psychischen Folgen bei Anja Röhl gemeldet.

„Von diesen 700 haben nur zwei oder drei geschrieben, dass es ihnen in den Heimen gut gegangen ist“, sagt sie. Die Autorin gründete das Projekt „Verschickungsheime“ mit eigener Internetseite, um die Aufarbeitung „des Traumas der Verschickungskinder“ in Gang zu setzen.

Aus einem Bericht von Jugendhilfeträgern an die Bundesregierung von 1963 ergibt sich, dass es seinerzeit 839 Kinderkurhäuser mit gut 56000 Betten gab. Die Kuren dauerten vier oder sechs Wochen, die Heime wurden das ganze Jahr über belegt.

Vier Millionen Kinder verschickt

Aus diesen Zahlen hat Anja Röhl errechnet, dass mindestens vier Millionen Kinder verschickt wurden, wahrscheinlich mehr: Auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es noch solche Kinderkuren. Die Heime lagen an Nordsee und Ostsee, im Schwarzwald oder im Harz. Auch Kleinkinder von zwei oder drei Jahren wurden ohne Eltern verschickt.

Bisher gibt es laut Röhl keine Forschungsarbeiten zu dem Thema; das soll sich jetzt ändern. Der Kongress wird Komplexe wie Trennung von den Eltern im Kleinkindalter oder auch die Wirkung von NS-Erziehungsmethoden in der Nachkriegszeit behandeln.

Anja Röhl hatte alle ost- und nordfriesischen Inseln, auf denen zahlreiche Heime waren, mit der Bitte um Unterstützung für den Kongress angeschrieben. Bis auf Sylt hat keine geantwortet. Deswegen findet die Tagung in Westerland statt.

Von Bert Strebe

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