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Der Norden Fukushima, Glyphosat, Klima: Die Macher der Massenproteste sitzen in Verden
Nachrichten Der Norden Fukushima, Glyphosat, Klima: Die Macher der Massenproteste sitzen in Verden
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00:18 20.06.2019
Campact-Chef Christoph Bautz (im roten T-Shirt) bei der Großdemo gegen Kohle und für den Hambacher Forst im Oktober 2018. Quelle: Philip Eichler
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Verden

Montag: Aufruf gegen Hasskommentare. Dienstag: Appell zur Förderung des Nahverkehrs in Bremen anlässlich der Koalitionsgespräche. Mittwoch: Einmal in Sachen Klimaschutz ordentlich der CDU einheizen, mit Aktionen vor den Parteibüros in verschiedenen Städten. „Wir machen jeden Tag was Neues“, sagt Svenja Koch.

Das Ökozentrum Verden liegt an der Artilleriestraße im kleinen Städtchen an der Aller, das wiederum auf halber Strecke zwischen Walsrode und Bremen liegt. Das Ökozentrum residiert in einer früheren Kaserne, entstanden ist es in den Neunzigern. Der Plan war, linksökologisches Gedankengut dahin zu tragen, wo es, wie die Bewegung damals meinte, am nötigsten war: in die konservativen Kleinstädte. Es kann dahingestellt bleiben, ob der Versuch in Verden funktioniert hat (auf den ersten Blick sieht der Ort nicht danach aus), aber das Ökozentrum Verden ist in jedem Fall ein Erfolgsmodell. Hier wurde Attac gegründet. Und hier sitzt Campact, der bundesdeutsche Online-Kampagnen-Lostreter.

Svenja Koch, Sprecherin von Campact, erläutert die Fakten: Zwei Millionen Leute stehen im Campact-Verteiler, mit sparsamen Daten: Name, Mailadresse. Und das Thema, für das sie sich zuletzt eingesetzt haben. Spendenaufkommen: 8,4 Millionen Euro im Jahr, vielfach zweckgebunden für einzelne Kampagnen, aber 5,4 Millionen sind stetige Förderbeiträge. Öffentliche Finanzierung: null. Firmenspenden: null. Dienstwagen: null (wenn man Autos braucht, werden sie gemietet). Dienstreisen: Bahn, zweite Klasse. Gehälter: zwischen 2544 und 6161 Euro. Büromaterial: vom Ökoanbieter. Bürokaffee: fair gehandelt aus Mexiko.

Campact ist der Laden für das gute linke Gewissen. Und für das gute linke Gefühl. Der Einzelne kann nichts erreichen? Von wegen, vermittelt Campact: Mail lesen, Online-Petition zeichnen, und schon ist man nicht mehr einzeln, sondern eine oder einer unter sehr, sehr vielen. Fukushima, Genmais, Freihandelsabkommen TTIP, Glyphosat: Hunderttausende von Unterschriften. Die Masse macht’s.

TTIP, Hambacher Forst: Campact schiebt die größten Demos in Deutschland an

Und bei Bedarf folgt dann der Aufruf zu Demos und Aktionen. So kam im November 2017 zum Weltklimagipfel die mit 25.000 Teilnehmern bis dato größte Klimademo in Deutschland zustande. Nach dem Aufruf von Campact und anderen demonstrierten im Oktober 2018 sogar 50.000 Menschen im Hambacher Forst für den Erhalt des Waldes, es war die größte Anti-Kohle-Demo, die es in Deutschland je gegeben hat. 2015, Berlin, TTIP-Demo, 250.000 Teilnehmer: Viele haben sich aufgrund eines Campact-Aufrufs auf den Weg gemacht. Sie würden ja oft als „Klicktivisten“ verlacht, sagt Svenja Koch. Aber Campact sei mehr.

Campact ist kein Trendsetter. Die Organisation greift Themen auf, die ohnehin auf der Agenda stehen. Erscheint den „Campaignern“ (das sind die Leute unter den 60 Angestellten, die wissen, wie man eine Welle in Bewegung setzt) ein Thema als lohnend, wird oft erst mal eine Test-Mail rausgeschickt, an 20.000 oder 30.000 Leute. Bei gutem Rücklauf startet man dann einen großen Aufruf. Öko geht immer. Soziale Themen gehören zwar auch in das politische Portfolio von Campact, das den üblichen Mix enthält: mehr Demokratie, mehr Sozialstaat, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Aber für soziale Themen gibt es weitaus weniger Unterstützer als für den Umweltschutz.

Zünden die Themen? 30.000 Test-Mails liefern Aufschluss

Christoph Bautz, 46, von Haus aus Biologe, hat sich als junger Mann in Darmstadt mit Streuobstwiesen befasst, bevor er in Verden Attac mitgegründet hat. In den USA hat er was über Internetkampagnen gelernt und die Idee nach Deutschland mitgenommen, wo er 2004 zusammen mit Günter Metzges und Felix Kolb den Verein Campact aus der Taufe hob. Jetzt ist er geschäftsführender Vorstand.

Warum sitzt Campact – der Verein hat auch ein Büro in Berlin – immer noch in Verden? Ein „gewisser Abstand“ zur Hauptstadt sei gut, sagt Bautz, „um keine Beißhemmung zu bekommen“: Zwar gebe es eine politische Schnittmenge mit Grünen und Sozialdemokraten, aber auch bei denen müsse man ab und zu die Finger in die Wunden legen. Und das sei mit Distanz einfacher.

Mit Emotionen kalkulieren

Bautz glaubt, das soziale Themen („Die Wohnungsfrage kommt massiv“) stärker werden, dass die Hemmschwelle der Deutschen, politische Appelle an Freunde und Nachbarn weiterzureichen, sinkt. Er ist sich sicher, dass es nötig ist, Dinge und Themen zuzuspitzen, vor allem für Menschen, „die wenig Zeit haben“. Sein Verein müsse ein „Lautsprecher“ sein, wenn auch in Kooperation mit anderen, mit Fachleuten: „Allein werden wir nicht die Welt retten.“ Es gehe darum, die Menschen dort zu erreichen, wo sie stehen. Und deswegen behandele Campact das Thema Fracking beispielsweise nicht aus geologischer Sicht, sondern unter dem Aspekt Trinkwasser. Da sitzen die Emotionen.

Seit einiger Zeit betreibt Campact die Petitionsplattform „WeAct“. Dort kann jeder einen Aufruf starten, und viele tun es auch: für die Anerkennung Palästinas (633 Unterschriften), für ein Schwimmbad für die Bürger der Stadt Garbsen (30 Unterschriften), gegen die Schließung der Notarztpraxis in Köln-Nippes (3566 Unterschriften). Wenn etwas Erfolg versprechend aussehe, erläutert Campact-Sprecherin Koch, übernehme es der Verein auch mal für sich.

Bei Caro und Franzi war das so. Die beiden jungen Damen aus Bayern waren beim sogenannten Containern erwischt worden, sie hatten weggeworfene Lebensmittel aus einem verschlossenen Abfallbehälter geholt, was in Deutschland verboten ist. Sie wurden verurteilt, je 225 Euro Geldstrafe, sie legten Revision ein und starteten eine „WeAct“-Petition: „Containern ist kein Verbrechen!“ Campact griff das auf, organisierte Interviews und sogar einen Termin bei der Justizministerkonferenz Anfang Juni, wo ein Legalisierungsantrag aber scheiterte.

Ob das das letzte Wort ist? Ziemlich viele Menschen sehen die Angelegenheit ganz anders als die ziemlich wenigen Justizminister. Die Petition von Caro und Franzi hat mittlerweile 139.514 Unterzeichner.

Wird Campact die Gemeinnützigkeit aberkannt?

Im Februar hat der Bundesfinanzhof entschieden: Die Globalisierungskritiker von Attac sind nicht gemeinnützig. Grund ist, dass sich das Netzwerk zu sehr tagespolitisch engagiere. Das vertrage sich nicht mit der Abgabenordnung. Wegen dieses Urteils rechnet auch Campact mit der Aberkennung der Gemeinnützigkeit.

Das Berliner Finanzamt für Körperschaften prüft derzeit die Campact-Geschäftsjahre 2015 bis 2017. Man habe den Spendern vorsorglich mitgeteilt, dass für 2018 und 2019 wohl keine Spendenbescheinigungen ausgestellt werden könnten. Spender können Zahlungen an gemeinnützige Organisationen von der Steuer absetzen.

Campact erwartet keinen Spendeneinbruch. Die meisten Spenden, die den Verein erreichen, bestehen aus kleinen Summen. Die Organisation setzt sich aber dafür ein, dass zivilgesellschaftliches Engagement als gemeinnützig anerkannt wird.

Von Bert Strebe

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