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Der Norden Hanne Weber lädt zum Gottesdienst auf dem Campingplatz in Otterndorf
Nachrichten Der Norden Hanne Weber lädt zum Gottesdienst auf dem Campingplatz in Otterndorf
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12:21 08.08.2019
Wenn Hanne abends die Gutenachtgeschichte liest, werden die ersten Kinder schon müde. Quelle: Carolin George
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Otterndorf

Dort, wo hinterm Deich blaue und rote Container vorbeizuschweben scheinen, da liegt der Campingplatz. Natürlich heißt er „Achtern Diek“, wie soll er auch sonst heißen hier hinterm Deich an der Elbe in Otterndorf, wo man so schön die großen Containerschiffe beobachten kann. Pötte gucken, wie es hier heißt. Wer sich auf dem Deich umdreht und zum Campingplatz blickt, sieht zwei rote Fahnen, die zwischen den Dächern der Wohnwagen den Weg weisen zu einem ganz besonderen Zelt: Dieses Zelt ist eine Kirche.

Die Sonne geht über dem Kirchenzelt auf dem Campingplatz in Sahlenburg bei Cuxhaven unter. Quelle: Carolin George

„Herzlich willkommen zur Gute-Nacht-Geschichte“, sagt Hanne Weber und lächelt in die Runde. Es ist einer der heißen Tage in diesem Sommer, 19 Uhr. Die Menschen auf dem Campingplatz werden zu dieser Zeit eine kühle Abenddusche nehmen oder vor ihren Wohnwagen und Zelten sitzen und den Salat zum Abendbrot schnippeln, denkt man. Sich freiwillig in ein Zelt zu setzen, das eine Kirche ist, auf diese Idee wird doch wohl niemand kommen. Oder?

Die Kirche dorthin bringen, wo die Menschen sind

„Kirche Unterwegs“ heißt das Projekt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, die in der Ferienzeit die Dienstleistungen der Kirche dorthin bringen will, wo die Menschen sind, aber keine Kirche ist. Eine Pastorin koordiniert einen ganzen Fuhrpark aus Wohnwagen und Zelten und ein zurzeit 20-köpfiges Team aus Ehrenamtlichen. Die Arbeit vor Ort, auf den Campingplätzen an der Küste, in der Lüneburger Heide und im Osnabrücker Land, wird von Frauen und Männern gemacht, die dafür Urlaub nehmen und sich ehrenamtlich engagieren.

Eine von ihnen ist Hanne Weber. Die 61-Jährige aus der Nähe von Stuttgart hat das Angebot bereits vor vielen Jahren im Urlaub mit den eigenen Kindern kennen und schätzen gelernt. Jetzt engagiert sich nicht nur ihre Tochter, sondern sie selbst auch. Zum zweiten Mal schon verbringt die gelernte Bürokauffrau ihre zwei Wochen Sommerurlaub im Wohnwagen der Landeskirche auf dem Campingplatz in Otterndorf. Die Gute-Nacht-Geschichte zählt hier bereits zur Tradition. Ein Ritual, das seit vielen Jahren lebt.

Hanne Weber ist 61 Jahre alt und nimmt bereits zum zweiten Mal zwei Wochen ihres Jahresurlaubs, um ehrenamtlich im Kirchenzelt zu arbeiten. Quelle: Carolin George

Nach einem Dankgebet für den Tag singt das Zelt zwei Lieder, danach lässt Hanne die Kinder einen Koffer auspacken: Sie legen eine dunkelblaue Decke auf den Boden, darauf verteilen sie gelbe Sterne. Auch das zählt zum Otterndorfer Zeltritual. Dann liest Hanne die Geschichte vom furchtlosen Pinguin vor, der sich eine Flugmaschine baut. Hanne schließt mit einem Abendgebet: „Nun tönt vom Turne nieder der Abendglocke Schall. Die Sonne geht zur Ruhe, und still wird’s überall. Hab Dank, dass du o Vater so treulich uns bewacht, gib uns und allen Menschen nun eine gute Nacht.“

Vormittags ist „Kinderzeit im Zelt“

Jeden Vormittag von 10.30 Uhr bis 12 Uhr laden Hanne Weber und ihre Team-Kollegin zur „Kinderzeit im Zelt“ ein, sie basteln, singen und spielen mit den Mädchen und Jungen – und reden über das, was sie beschäftigt. Donnerstags wird abends Stockbrot gebacken, freitags gegrillt, und sonntags feiern sie einen Familiengottesdienst: zur christlichen Uhrzeit um 11 Uhr.

Ein blaues Tuch auszubreiten und gelbe Sterne darauf zu verteilen, zählt zu den Ritualen vor der Gute-Nacht-Geschichte. Quelle: Carolin George

Jedes Team stellt sein eigenes Programm zusammen, in jeder der Pop-up-Kirchen passiert also etwas anderes. Das Angebot ist bei Familien so beliebt, dass die Projektkoordinatorin Antje Wachtmann sogar Anrufe erhält mit der Frage, wann „Kirche Unterwegs“ auf welchen Platz beginnt und endet. „Manche planen ihren Urlaub danach“, sagt die Pastorin der Landeskirche. „Den Kindern macht es Spaß, und für die Eltern ist es toll, dass sie ihr Kind in vertrauensvoller Betreuung wissen. Wichtig ist das Gefühl, dass die Teamer der Urlauber wegen kommen: zu ihnen, auf ihren Campingplatz. Sie schaffen eine kleine Gemeinde auf Zeit.“

Ein Ort für Kontakte und Gespräche

Und eine Gemeinschaft, denn die Zeltkirche schafft einen Ort für Kontakte, Gespräche, auch über die Sorgen im Urlaub, wenn eigentlich alles immer toll sein sollte und das doch niemals funktioniert. Und manchmal ist sie auch nur ein willkommener Platz zum Frühstücken: wie zum Beispiel für ein Radfahrer-Pärchen, das hier an einem kühlen Morgen Schutz vor Wind und Regen suchte und fand.

Zum Anfang der Gute-Nacht-Geschichte gibt es ein Gebet, das Hanne ausspricht und Eltern und Kinder mitdenken. Quelle: Carolin George

Je nach Art des Platzes ist es aber nicht immer so leicht wie in Otterndorf, die Camper und ihre Kinder für das Angebot der Zeltkirche zu begeistern. Es gibt Vier-Sterne-Campingplätze, die mit einem Animationsprogramm aufwarten wie ein Clubhotel. Es gibt Plätze an der Nordsee mit einer eigenen Surfschule. Und es gibt eine mobile Kirche am Strandzugang von Sahlenburg, wo die Menschen eigentlich bloß vorbeilaufen würden. „Da heißt es trommeln“, sagt Antje Wachtmann.

Es gibt sogar eine Kirchenglocke

Und läuten: Diese Kirche hat sogar eine Glocke, sie hängt an einem Holzgerüst, das auf dem Rasen vor dem Zelt steht. Bei den Clubs hilft bloß Kooperation: Da bringt der Clown die Kinder direkt von der Disco zur Gute-Nacht-Geschichte. „Das ist ein Bild für die Götter“, sagt die Pastorin und lacht. „Besser gesagt: für Gott.“

Zur Gute-Nacht-Geschichte abends bei 35 Grad in Otterndorf kamen übrigens gut 25 Kinder ins Zelt, eine Handvoll Erwachsene und zwei Konfirmandinnen. Beim Familiengottesdienst am Sonntag zuvor hatten die beiden jungen Mädchen den Psalm und die Fürbitten gelesen, insgesamt waren 45 Menschen da. Das sind mehr als in manch einer Stadtkirche. Beim Stockbrotbacken wollten an die 100 mitmachen, da reichte der Teig gerade so eben. „Wir waren selbst überrascht“, sagt Hanne Weber. Und hat fürs nächste Mal gleich zwei Kilogramm Teig mehr bestellt.

Das ist „Kirche Unterwegs“

Das Projekt „Kirche Unterwegs“ gibt es seit fast 60 Jahren. Auf derzeit acht Campingplätzen in Niedersachsen baut die Landeskirche Hannovers Kirchenzelte auf, in denen Ehrenamtliche ein Programm für Kinder und Erwachsene anbieten: in Otterndorf, Sahlenburg, Harlesiel, Neuharlingersiel, Bensersiel, Dorumersiel, Alfsee und im Südseecamp Wietzendorf.

Die Teams leben in Wohnwagen der Landeskirche auf den Campingplätzen, sie kommen aus der ganzen Bundesrepublik und verrichten die Arbeit als Teamer ehrenamtlich. „Kirche Unterwegs“ sucht ständig weitere Frauen und Männer, die mitmachen möchten bei den Kirchengemeinden auf Zeit. Die Fahrtkosten werden ersetzt. Möglich ist auch, als Familie im Wohnwagen der Landeskirche zu leben. Pastorin Antje Wachtmann ist die Koordinatorin von „Kirche Unterwegs“.

Telefon 04941-959251, Internet: www.kirche-unterwegs.info.

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Von Carolin George

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