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Der Norden Evangelische Kirche arbeitet Missbrauch auf – 600 Fälle nur „Spitze des Eisbergs“?
Nachrichten Der Norden Evangelische Kirche arbeitet Missbrauch auf – 600 Fälle nur „Spitze des Eisbergs“?
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00:20 14.06.2019
Die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verstärkt die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Hannover

Auch in der evangelischen Kirche hat es in der Vergangenheit Hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben. Die Kirche will dieses dunkle Kapitel nun umfassend aufarbeiten – ähnlich wie die Katholiken es tun. Das wurde am Dienstag in Hannover auf einer Tagung der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zu diesem Thema beschlossen.

Bereits zum 1. Juli soll eine unabhängige zentrale Anlaufstelle namens „help“ ihre Arbeit aufnehmen. An sie können sich Betroffene wenden. Ferner will die EKD das Dunkelfeld aufarbeiten, um überhaupt Erkenntnisse darüber zu gewinnen, in welchem Umfang kirchliche Mitarbeiter Grenzen überschritten haben – und zwar nicht nur Pfarrer, sondern auch Kirchenmusiker und Ehrenamtliche. Bislang sind im evangelischen Bereich (im Unterschied zur katholischen Kirche) lediglich 600 Fälle von Missbrauch bekannt. „Das ist gewiss nur die Spitze des Eisbergs“, meinte Kerstin Claus, selbst vom Missbrauch betroffen.

In Hannover 119 Missbrauchsfälle

Auch aufgrund ihrer Zerklüftung in etwa 20 Landeskirchen gibt es im protestantischen Bereich bislang noch überhaupt keine Übersicht, in wie vielen Fällen, wie und wo es zu Übergriffen oder zu ersten Schritten sexualisierter Gewalt gekommen ist. Nur die Hälfte der Kirchen hat eigene Studien vorgelegt. In der hannoverschen Landeskirche sind von 1945 bis heute 119 Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt, 98 davon haben sich nach Angaben der Landeskirche in diakonischen Heimen ereignet, die meisten in den sechziger Jahren. Während die Diakonie Missbrauch an Heimkindern vielfach erforscht hat, blieben solche Vorkommnisse in Kirchengemeinden weitgehend ausgeklammert. Das soll sich mit der EKD-Studie ändern, die nicht vor Ende 2021 erste, wiederum regionale Ergebnisse präsentieren wird.

„Beziehung“ vorgetäuscht?

Am Dienstag kamen Kriminologen, Bischöfe, Psychologen aber auch Opfer zu einer ersten großen Konferenz in Hannover zusammen, um zu beraten, wie eine umfassende Aufarbeitung der Problematik geschehen könne. Es gebe eine „durchaus andere Gemengelage als in der katholischen Kirche“, meinte Opfer-Sprecherin Kerstin Claus, weil es sich bei den Protestanten nicht um große, geschlossene Opfergruppen handele wie etwa beim katholischen Canisius-Kolleg, sondern meist um Einzelfälle. Auch seien die Opfer meistens älter und hätten das Konstrukt der Täter übernommen. „Viele von ihnen glauben, bei ihnen habe es sich um eine echte Beziehung gehandelt.“ Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs erklärte, man werde einen besonders kritischen Blick auf die siebziger und achtziger Jahre werfen, in denen es bei den Protestanten in der Jugendarbeit eine Zeit der „Libertinage“, also der moralischen Freizügigkeit, gegeben habe.

Nach den bisher vorgelegten Zahlen schien die Dimension des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche längst nicht so groß wie bei der katholischen Kirche. Eine 2018 vorgelegte bundesweite Studie im Auftrag der katholischen Kirche ergab, gestützt auf Kirchenakten, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen.

Studie zu Risikofaktoren

Während die Opfer-Beauftragte Claus monierte, die Protestanten hätten die Aufarbeitung der Missbrauchsproblematik seit 2010 „verschlafen“, kam von der EKD verhaltener Widerspruch. Der Präsident des bayerischen Landeskirchenamtes, Nikolaus Blum, verwies darauf, dass die ohnehin in den Landeskirchen bestehenden Präventionsangebote verbessert werden sollen. Darüber hinaus sei geplant, über eine externe Studie systemisch bedingte Risikofaktoren in der evangelischen Kirche zu identifizieren. Eine allgemeine Entschädigungsregelung plant die EKD derzeit nicht. „Das Thema Entschädigungen muss jede Landeskirche selber regeln“, sagte Blum.

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Von Michael B. Berger