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Der Norden „Gorch Fock“-Werft ist insolvent
Nachrichten Der Norden „Gorch Fock“-Werft ist insolvent
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00:19 23.02.2019
Elsfleth

Die Elsflether Werft AG ist insolvent. Das Unternehmen, das die „Gorch Fock“ instand setzen soll, hat am Mittwoch um 14 Uhr einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Nordenham abgegeben. Der zuständige Richter Klaus Holtkamp hat dem Antrag eine Stunde später entsprochen.

Der Antrag war vom Notvorstand der Werft, Axel Birk, eingereicht worden. Seit fast fünf Monaten könnten Rechnungen von Auftragnehmern in Höhe von 22 Millionen Euro nicht bezahlt werden, bestätigte Aufsichtsratschef Pieter Wasmuth dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Insolvenz in Eigenverwaltung bedeutet, dass der Vorstand mit dem Ziel weiterarbeiten kann, das Unternehmen zu retten. Es wird kein Insolvenzverwalter berufen, stattdessen wird der Geschäftsführung ein vorläufiger Sachwalter zur Seite gestellt, der den Vorstand überwacht. Das Gericht berief dafür den Hamburger Rechtsanwalt Per Hendrik Heerma. Zusätzlich soll sich auf Wunsch des Unternehmens ein Restrukturierungsexperte mit Generalvollmacht um die Firmensanierung kümmern. Dabei handelt es sich um Tobias Brinkmann von der Kanzlei Brinkmann & Partner aus Hamburg. Brinkmann hat 2018 die fränkische Yachtwerft Bavaria gerettet, alle 800 Jobs blieben erhalten. In Elsfleth stehen bei der Werft 130 Arbeitsplätze auf dem Spiel, Hunderte weitere bei Zulieferern.

Werftchef Birk sagte, der Betrieb sei technisch leistungsfähig. „Wir streben Verhandlungen mit der Bundesmarine an, um den Auftrag für das Segelschulschiff ,Gorch Fock’ fortzusetzen.“ So könne ein Neuanfang gelingen. Tobias Brinkmann erklärte, die Auszahlung der Löhne und Gehälter an die Belegschaft für die Monate Februar bis April solle über eine Insolvenzgeldvorfinanzierung gesichert werden.

Gläubigerausschuss sagt Ja

Laut Gericht hat sich der Gläubigerausschuss, zusammengesetzt aus sechs Groß- und Kleingläubigern, bereits im Vorfeld mit einer Eigenverwaltung einverstanden erklärt. Auch die IG Metall signalisiert Unterstützung für die Bemühungen um den Erhalt des Unternehmens. Aufsichtsratschef Wasmuth sagte dem RND: „Die ,Gorch Fock’ soll im Juni wieder im Wasser schwimmen. Das ist unser aktueller Zeitplan.“

Die Firma befindet sich seit Längerem in Schieflage. „Die Hauptversäumnisse liegen im alten Vorstand der Werft“, sagte Wasmuth. Der Ex-Vorstand soll in erheblichem Umfang Geld in die in seinem Besitz befindliche Intermartec GmbH für Schürfrechte in der Mongolei transferiert haben. Die Goldminengesellschaft sei am Dienstag für einen Euro zurückgekauft worden. „Vielleicht finden wir noch etwas Geld wieder.“

Laut Wasmuth soll der frühere Werftvorstand in den vergangenen zwei Jahren rund 480 000 Euro an Kreditkartenabrechnungen über die Werft laufen lassen haben. Seit 2016 soll keine Steuererklärung mehr für den Schiffbaubetrieb abgegeben worden sein.

Ende vergangenen Jahres waren erste Zweifel an der Seriosität der damaligen Leitung der Werft aufgekommen, als bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des Marinearsenals, der für die Kostenprüfung der Weft zuständig war, von dem Betrieb einen hohen sechsstelligen Kredit bekommen hatte. In dieser Angelegenheit ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen Verdachts auf Bestechung.

Inzwischen hat die neue Geschäftsführung weitere dubiose Finanzabflüsse aus dem Firmenkapital in Millionenhöhe aufgedeckt. Vermutet wird, dass der alte Vorstand das Geld unter anderem über fingierte Kredite in sein Privatvermögen überführt haben soll. Diesen Verdacht stützt ein 27-seitiges Dossier der Hamburger Anwaltskanzlei Roxin im Auftrag zweier Töchter der ehemaligen Werftbesitzerin, das dem RND vorliegt. Laut Dossier soll 2013 an die Rychfield GmbH, deren alleiniger Besitzer ein Ex-Werftvorstand war, ein Darlehen über 520 000 Euro ausgezahlt worden sein. Ende 2016 sollen daraus mit Zinsen knapp 725 000 Euro geworden sein. Der Ex-Werftvorstand, heißt es in dem Dossier, hätte das Darlehen nicht gewähren dürfen.

Dieser ehemalige Vorstand der Werft, ein Anwalt, ist Honorarkonsul der Mongolei. Gegen ihn ermittelt seit Oktober 2018 die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. Der Jurist war bis zu seiner Absetzung alleiniger Vorstand einer gemeinnützigen Stiftung. Die drei Buchstaben des Stiftungsnamens bilden das englische Wort für Himmel: Sky. Laut Eintrag in der Stiftungsdatenbank soll Sky Jugendliche fördern und deren Erziehung unterstützen. Das Kapital der Stiftung speist sich aus Erlösen der Werft in Elsfleth.

Beschuldigter wehrt sich

Hinweise auf mutmaßliche Unregelmäßigkeiten waren von der Hamburger Stiftungsaufsicht gekommen. Zu diesem Komplex hat die jetzige neue Werft-Geschäftsführung den Strafverfolgern nach Angaben der Hamburger Staatsanwaltschaft weiteres Material angekündigt. Liegt das vor, wollen die Behörden entscheiden, ob statt der Staatsanwaltschaft Hamburg die Staatsanwaltschaft Oldenburg den Fall übernimmt, zu deren Bezirk Elsfleth gehört.

Sven Krüger, der Anwalt des Ex-Werftvorstands, bezeichnete die gegen seinen Mandanten gerichteten Vorwürfe als „vollumfänglich haltlos“. Die Untreuevorwürfe „stehen auch in keinem Zusammenhang mit der Causa ,Gorch Fock’“. Tatsächlicher Hintergrund seien Erbstreitigkeiten zwischen der 2018 verstorbenen Werftbesitzerin und ihren zwei Töchtern. Sein Mandant prüfe „rechtliche Schritte wegen übler Nachrede“. Zu den erwähnten Darlehen sagte der Anwalt, sie seien „alle werthaltig und werden zurückgezahlt“.

Die ältere Schwester liegt in Stralsund

Das marode Segelschulschiff„Gorch Fock“ (Baujahr 1958) ist zur Sanierung in einer Werft in Bremerhaven – aber auch in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) liegt ein Schiff gleichen Namens. Diese „Gorch Fock I“ wurde nach 100 Tagen Bauzeit bei Blohm & Voss am 27. Juni 1933 von der Reichsmarine in Dienst gestellt, Heimathafen wurde Stralsund.

In den letzten Kriegstagen versenkte ein Sprengkommando der deutschen Wehrmacht das Schiff im Strelasund.Zwei Jahre später wurde die „Gorch Fock I“ vom Meeresgrund geborgen und repariert, bevor sie erst unter sowjetischer und dann unter ukrainischer Flagge segelte. 1949 erhielt sie den Namen „Towarischtsch“ – was auf Deutsch Kamerad heißt.

Im Jahr 1999 kam das Schiff nach Wilhelmshaven, wo es eine Attraktion der Expo 2000 am Meer wurde. Seit 2003 liegt die „Gorch Fock I“ wieder in Stralsund – nun als Museumsschiff.

An Bord blicken die Besucher durchaus optimistisch in die Zukunft: Im nach historischen Vorlagen restaurierten Kapitänssalon können sich Paare trauen lassen.

Die „Gorch Fock“, die derzeit bei einem der Auftragnehmer der Elsflether Werft liegt, der Bredo-Werft in Bremerhaven, sollte eigentlich bis April wieder schwimmfähig sein. Bislang ist ungewiss, ob die Werft den Kostenrahmen einhalten kann. Das Verteidigungsministerium bezifferte die Obergrenze zuletzt auf 128 Millionen Euro. Zu Beginn der Sanierung ging die Marine noch von 9,6 Millionen Euro aus, später sogar von 135 Millionen. 69 Millionen Euro sind bereits verbaut.

Der Bundesrechnungshof macht dem Verteidigungsministerium Vorwürfe: Im Verlauf der Jahre sei das inzwischen 60 Jahre alte Schiff nie komplett inspiziert worden. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) trug am Mittwoch dem Haushaltsausschuss die neuen Details vor. Sie steht in der Kritik, weil sie Vorlagen für die Kostensteigerungen persönlich abgezeichnet hatte. Die IG Metall forderte die Ministerin auf, die Beschäftigten nicht hängen zu lassen.

Von Jörg Köpke, Daniela Vates und Bert Strebe

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