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Der Norden „Hexenjagd“ auf mutmaßlichen Terroristen?
Nachrichten Der Norden „Hexenjagd“ auf mutmaßlichen Terroristen?
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22:42 20.01.2015
Von Thorsten Fuchs
Die Eltern des festgenommenen Wolfsburgers – hier Fotos vom Haftprüfungstermin – wehren sich gegen die Hexenjagd, die gegen sie und ihren Sohn veranstaltet werde. Quelle: dpa
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Wolfsburg

Die Eltern des verhafteten Dschihad-Rückkehrers Ayoub B. haben sich in einem offenen Brief an die Wolfsburger Bevölkerung gewandt. Darin bestätigen sie, dass sich der 26-Jährige dem „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien angeschlossen hatte. Inzwischen bereue er jedoch diesen Schritt und werde selbst verfolgt: „Ayoub wurde nach seiner Flucht als Verräter bezeichnet und umgehend auf verschiedene Todeslisten gesetzt.“ Die Behörden wollten die Angaben in dem Brief gestern nicht bestätigen.

Der Deutsch-Tunesier war am Donnerstag in seinem Elternhaus in Wolfsburg-Reislingen festgenommen worden. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Der 26-Jährige soll sich im Sommer dem IS in Syrien angeschlossen und dort auch eine Kampfausbildung absolviert haben. Im Herbst kehrte er offenbar nach Wolfsburg zurück und wurde seitdem von der Polizei überwacht. Insgesamt sollen 15 Wolfsburger zum IS nach Syrien gegangen sein.

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In dem Brief, den die Familie an Nachbarn sowie an Medien und weitere Stellen in Wolfsburg schickte, beklagen die Eltern eine „Hexenjagd“ in den Medien. „Wir möchten Ihnen versichern, von uns geht, ging nie und wird auch in Zukunft keinerlei Gefahr ausgehen“, schreiben die Eltern. Schon am Tag der Rückkehr habe sich der Sohn bei den Behörden gemeldet und seitdem mit ihnen kooperiert, behauptet die Familie. Seit seiner Rückkehr vor sechs Monaten habe er „in Angst vor möglicher Vergeltung gelebt“ und Hilfe bei Psychologen gesucht, „um seine schrecklichen Erlebnisse aufzuarbeiten“. Ayoub habe sich „von Hasspredigern manipulieren lassen“, seine Entscheidung aber bereut.

Unklar ist, wie sehr sich Ayoub B. tatsächlich von den Islamisten distanziert hat. Bei seiner Festnahme reckte er den Zeigefinger in die Höhe – ein IS-Erkennungszeichen – und rief „Allahu akbar“, „Gott ist groß“. Die Familie erklärt dies als „Trotzreaktion“, weil er sich in die Enge getrieben fühlte.

Nach Darstellungen aus dem Umfeld der Familie soll Ayoub B. während seiner Zeit in Syrien beim IS in Ungnade gefallen sein. Die Islamisten hätten ihn für einige Tage inhaftiert, weil er mit syrischen Jugendlichen Fußball gespielt habe – so schilderte es B. nach seiner Rückkehr einem Bekannten in Wolfsburg. Anschließend habe er fliehen können, dafür hätten er oder seine Familie jedoch Geld zahlen müssen. Die Eltern – der Vater arbeitet bei VW – hätten nach der Abreise ihres Sohnes nach Syrien unter Schock gestanden, sagt ein anderer Bekannter. „Sie hatten große Angst, dass er nicht lebend zurückkehrt.“

Nach der Rückkehr sei Ayoub B. verschlossen und schweigsam gewesen. Seine Familie habe aber auf Gespräche gedrängt und ihn zur Offenheit gegenüber den Behörden ermutigt.     

Der offene Brief im Wortlaut

Liebe Nachbarn, liebe Wolfsburger,

vieles wurde in den letzten Tagen geschrieben und berichtet. Plötzlich befand sich unsere ruhige Straße und Stadt im Fokus des landesweiten Interesses. Regionale und überregionale Presse kampierte vor unserer Haustür. Wir wurden überhäuft mit Interview Anfragen, die wir alle ablehnten. 

Dennoch ist es unser Wunsch und unser Selbstverständnis von guter Nachbarschaft, Sie aufzuklären und Ihnen die Ereignisse aus unserer Sicht zu schildern. Denn die Berichterstattung, so umfangreich sie auch war, verkennt einige wichtige Fakten. Zu Beginn möchten wir Ihnen versichern, von uns geht, ging nie und wird auch in Zukunft keinerlei Gefahr ausgehen.

Die Entwicklungen der Letzten Tage, können aus unserer Sicht nur als reißerische Hexenjagd bezeichnet werden. Tatsachen wurden verdreht und die Realität, bewusst oder unbewusst, falsch dargestellt, sodass aus einem Aussteiger, der Kopf einer Terror Zelle wurde. Was Sie mit Sicherheit nicht der Presse entnehmen konnten, ist das unser Sohn Ayoub B. sein Handeln zutiefst bereut.

Die Frage, auf die wir Ihre Aufmerksamkeit lenken möchten: Wie wird man ein Aussteiger? Ayoub´s Flucht ist in den Augen des IS ein Verrat, auf dem die Todesstrafe steht. Ayoub wurde nach seiner Flucht als Verräter bezeichnet und umgehend auf verschiedene Todeslisten gesetzt. Dieser Umstand war den Sicherheitsbehörden bekannt. Ayoub B. erhielt in regelmäßigen Abständen Morddrohungen und auch davon hat er die Behörden in Kenntnis gesetzt. Wenn sich die Presse die Mühe gemacht hätte, die gängigen deutschen Salafisten Seiten zu verfolgen, hätte man breite Solidarität mit den verhafteten in BerlinBelgien und Frankreich beobachten können, nicht jedoch mit dem Syrien Aussteiger Ayoub B..

Schon am Tag seiner Rückkehr aus Syrien hat sich Ayoub B. bei den Behörden gemeldet. Ihnen die Ereignisse detailliert geschildert und mit ihnen kooperiert. Seit dem Tag vor sechs Monaten hat es diverse Treffen gegeben,. Sechs Monate in denen er seine schrecklichen Erlebnisse mit Hilfe von Psychologen versucht hat aufzuarbeiten. Sechs Monate in denen er in Angst vor möglicher Vergeltung FAMILIE VON AYOUB B. gelebt hat.

Woche für Woche haben wir die immer mehr Normalität und das Verschwinden des Kriegstraumas beobachtet. Um so schockierender für uns war es zu sehen, wie er während seiner Festnahme, in alte Verhaltensmuster zurückfiel. Wer sich das Foto der Festnahme genau anschaut, sieht die Angst und das Entsetzen in Ayoub`s Augen. Aus dem Gefühl, in die Enge getrieben worden zu sein`, erklärt wir uns seine Trotzreaktion.

Was Sie der Presse ebenfalls nicht entnehmen konnten, ist das Engagement Ayoubs für Aufklärung und Prävention. Weil er vielen Jugendlichen glaubhaft von seinen grausamen Erlebnissen und dem größten Fehler seines Lebens erzählt hat, konnte er sie von der Ausreise abhalten und von diesen verirrten Ideen befreien.

Liebe Nachbarn und Mitbürger, ist Ayoub B. ein Syrien-Rückkehrer? Ja!, hat er sich von Hasspredigern manipulieren lassen, Ja! Hat er seine Entscheidung bereut und durch Wort und Tat versucht seinen Fehler wieder gut zu machen, Ja! Ist Ayoub B. ein Terrorist und geht von ihm Gefahr aus, mit Sicherheit NEIN!!! Wir als Familie, wünschen uns einen fairen Prozess, ohne mediale Hetze, ohne gesellschaftliche Stigmatisierung und Vorverurteilung. 

Im Namen unserer gesamten Familie, bedanken wir uns bei allen, die uns in dieser schweren Zeit Kraft gaben. Genauso bedanken wir uns bei denen, die trotz der Berichterstattung fair geblieben sind.

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