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Der Norden Mit Kraft und Köpfchen: Viel Lob für erste Fährfrau auf der Oberweser
Nachrichten Der Norden Mit Kraft und Köpfchen: Viel Lob für erste Fährfrau auf der Oberweser
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06:00 10.05.2019
Petra Feistel ist die erste Fährfrau auf der Oberweser: In Wahmbeck setzt die frühere Altenpflegerin nun Radfahrer und Autofahrer über. Quelle: Heidi Niemann)
Wahmbeck

Was für eine schöne Landschaft! Kaum hat er sein Fahrrad auf der Fähre abgestellt, zückt der Radfahrer auch schon begeistert sein Handy. Er ist von Süden her auf dem Weser-Radweg unterwegs, jetzt will er in Wahmbeck auf die andere Seite nach Nordhessen wechseln. Während der Fahrgast die idyllische Flusslandschaft mit den saftigen Wiesen und grasenden Pferden am Ufer fotografiert, kurbelt Petra Feistel an der Seilwinde, um die Fähre in die richtige Position zur Strömung zu bringen. Die 52-Jährige hat sich einen Traum erfüllt und zugleich eine Männerbastion erobert: Petra Feistel ist die erste Fährfrau, die mit einer Seilfähre Passagiere und Fahrzeuge über die Oberweser befördert.

Erst machte ein Mann das Rennen – weil die Politiker ihr den Job nicht zutrauten

Mitte März hat sie den Fährbetrieb übernommen und seitdem schon einige verblüffte Reaktionen erlebt. Fährmann ist schließlich ein klassischer Männerjob, wie auch der bekannte Ruf „Fährmann, hol över“ zeigt. Auch in Wahmbeck, einem Ortsteil des Fleckens Bodenfelde, konnte man sich zunächst nicht vorstellen, dass eine Frau eine Fähre führen kann.

Als die Kommune einen Nachfolger für den langjährigen Fährmann Wolfgang Borchhardt suchte, machte zunächst einer der männlichen Mitbewerber das Rennen. „Man hat mir das erst nicht zugetraut, dass ich das kräftemäßig hinkriege“, erzählt Petra Feistel. Der auserkorene Nachfolger brach dann jedoch aus gesundheitlichen Gründen die Ausbildung zum Fährmann ab. Die 52-Jährige bewarb sich erneut – diesmal mit Erfolg: Der Ortsrat entschied sich einstimmig für die einzige weibliche Kandidatin.

Fähre bei Bodenfelde ist eine touristische Attraktion

Für die Kommune ist die Fähre wichtig, gilt sie doch als eine touristische Attraktion. Vor allem Radfahrer setzen gerne in Wahmbeck über die Weser. Dass nun erstmals eine Frau die Fahrgäste mit der Fähre „överholt“, kommt bei den Touristen gut an. „Wir haben schon viele begeisterte Anrufe bekommen“, berichtet Bodenfeldes Bürgermeister Mirko von Pietrowski.

Schwerarbeit von 8 bis 18 Uhr: Mit einem Staken stößt Petra Feistel ihre Fähre vom Ufer ab. Quelle: Heidi Niemann

Bevor die frühere Altenpflegerin Feistel die Oberweser-Fähre übernehmen konnte, musste sie erst einmal das Fährpatent beim zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Minden machen. Der Weg dorthin war mühsam: Feistel musste nach einem Gesundheitscheck insgesamt 180 Tage Dienst an Bord tun. „Ein halbes Jahr lang bin ich täglich mindestens fünf bis sechs Stunden mitgefahren“, erzählt die 52-Jährige.

180 Tage Vorbereitung an Bord

Seit sie vor einigen Jahren von Salzgitter in das Dorf Wahmbeck gezogen war, hatte sie Fährmann Wolfgang Borchhardt oft bei der Arbeit zugesehen. Sie war so fasziniert von dieser traditionellen Art der Flussüberquerung, dass sie irgendwann zu ihm sagte: „Ich hätte gern diesen Job.“ Da passte es gut, dass Borchhardt gerne aufhören wollte.

Bei ihm lernte Feistel, genau auf Wind, Wetter und Wasserstand der Weser zu achten. Die Überfahrt dauert zwar nur wenige Minuten, doch weil die Gierseilfähre nicht von einem Motor angetrieben wird, sondern die natürliche Fließgeschwindigkeit des Wassers nutzt, um voranzukommen, muss Feistel präzise arbeiten.

Der Winkel ist entscheidend

„Die Fähre muss in einem 30-Grad-Winkel schräg zur Strömung stehen“, erklärt die 52-Jährige. Am schwierigsten sei dies bei Westwind: „Der Wind drückt die Strömung und nimmt mir den ganzen Schwung.“ Auch der Wasserstand der Weser wechselt ständig. Richtig knifflig wird es, wenn ein schwerer Lkw auf die Fähre rollt und das Schiff tief in den Fluss drückt. Neulich musste sie deshalb ihren Vorgänger anrufen. Borchhardt steht Feistel gerne mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung zur Seite: „Er hat mir dann gesagt, wie ich die Fähre stellen muss.“

Heute wollen aber nur Radler und Autofahrer übersetzen. 3,50 Euro kostet die Überfahrt mit dem Pkw. „Von dir möchte ich einen Euro“, sagt sie zu dem Fahrradfahrer. Feistel duzt jeden Fahrgast. Den vorbeipaddelnden Kanuten ruft sie ein fröhliches „Ahoi“ zu – wie es auf dem Wasser so üblich ist.

Petra Feistel lässt keinen warten

Die Fährfrau lässt niemanden warten. Sie fährt auch dann los, wenn nur ein einziger Fahrgast an Bord ist. Bevor sie ablegt und die Fähre am Drahtseil von einem Ufer zum anderen treibt, schaut sie aber erst einmal, ob die Wasserstraße frei ist. „Der Berufsverkehr hat grundsätzlich Vorfahrt, darauf muss ich immer Rücksicht nehmen.“

Mit einer Seilwinde bringt Petra Feistel die Fähre in die richtige Position. Nur mithilfe der Strömung gleitet sie – geführt von einem Stahlseil – ans andere Weserufer. Quelle: Heidi Niemann

Für das Fährpatent musste Feistel nicht nur die Vorfahrtsregeln lernen, sondern auch jede Menge anderer Theorie. Während Fahrschüler die Straßenverkehrsordnung kennen müssen, musste sie die Paragrafen der Fährverkehrsordnung und der Binnenschifffahrtsverordnung lernen. Sie muss sich mit Unfallverhütung ebenso auskennen wie mit den unterschiedlichen Schallsignalen oder den Verhaltensregeln in Gefahrsituationen. Auch den Funkschein musste sie machen.

Führen der Fähre ist Schwerarbeit

Ende Oktober hatte sie die Prüfung bestanden. Da die Fähre im Winter nicht in Betrieb ist, konnte sie erst Mitte März loslegen. Sie hat die Zwischenzeit genutzt, um ihre Oberarmmuskeln zu trainieren. Das Führen der Fähre ist Schwerarbeit. Feistel ist ständig am Kurbeln und Hantieren. Damit die Fähre ablegen kann, muss sie erst einmal die Taue lösen. Dann lässt sie die Schranke herunter und stößt das Schiff mit einem Staken vom Ufer ab. Während der kurzen Überfahrt kurbelt die Fährfrau bereits wieder an der Kette, lässt zum Anlegen die Brücke herunter, hakt die Taue ein, öffnet die Schranke.

So geht es den ganzen Tag zwischen den Weserufern hin und her: montags bis sonnabends von 8 bis 18 Uhr, sonntags von 9 bis 19 Uhr, unterbrochen nur von einer einstündigen Mittagspause zwischen 12.30 und 13.30 Uhr. Abends ist die Fährfrau meist so erschöpft, dass sie schon um 20 Uhr ins Bett sinkt. Vorher aber, wenn der letzte Fahrgast von Bord gegangen ist, setzt sich Feistel auf dem leeren Schiff noch eine Viertelstunde auf die Bank – und genießt die Stille, die Landschaft und den Fluss.

Von Heidi Niemann

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