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Der Norden Wahlsiegerin Anna Kebschull: „Wir brauchen einen anderen Politikstil“
Nachrichten Der Norden Wahlsiegerin Anna Kebschull: „Wir brauchen einen anderen Politikstil“
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00:21 20.06.2019
„Wir Grüne waren stets eine pragmatische, sachorientierte Partei – neu ist, dass wir das mit Personen kombinieren“: Anna Kebschull erläutert im Interview ihre Pläne für das Osnabrücker Land. Quelle: Michael Gründel/Neue Osnabrücker Zeitung/dpa
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Hannover

Der Unternehmerin Anna Kebschull ist in der Politik eine kleine Sensation gelungen. Sie ist bundesweit die erste Landrätin der Grünen. In der Stichwahl am Sonntag schlug sie überraschend Amtsinhaber Michael Lübbersmann von der CDU, die seit Kriegsende den Osnabrücker Landrat stellte. Die 45-jährige passionierte Jägerin will nicht nur mit einen neuen Führungsstil Akzente setzen. Sie plant, das Osnabrücker Land mit neuen Mobilitätskonzepten zur Naturmetropole zu machen.

Frau Kebschull, Sie sind am Sonntag in Osnabrück als bundesweit erste Politikerin der Grünen an die Spitze eines Landkreises gewählt worden. Wie fühlt man sich nach so einem Tag?

Ich denke, wir müssen alle erst noch mal gekniffen werden, um es zu glauben. Es ist schönes Gefühl, die Zukunft gestalten zu dürfen. Am 4. November werde ich Landrätin von Osnabrück sein, bis dahin gibt es viel zu tun. Ich werde meinen Alltag komplett umstricken müssen. Ich stecke voller Ideen und überlege, wie ich mich neu strukturiere.

Sehen Sie sich als Vertreterin einer neuen Grünen-Generation?

Ich glaube, man hat uns Grüne lange verkannt. Wir waren stets eine pragmatische, sachorientierte Partei. Neu ist, dass wir das mit Personen kombinieren. Bei mir war stets starkes Interesse an Menschen und unterschiedlichen Lebensentwürfen vorhanden. Ich habe als Schülerin viel von der Politik mitbekommen, aber auch der Landwirtschaft. Mein Vater war Jäger, ich bin es seit meinem 17. Lebensjahr. Wir hatten ein kleines Jagdrevier im Frankenwald. Im Dorf habe ich auch die Landwirtschaft kennengelernt. Da habe ich die Liebe zur Natur entdeckt, ich bin ein absoluter Wald- und Naturmensch.

Sehen Sie sich in einer Trendsetter-Funktion?

Ich habe meine Kandidatur auch angestrebt, weil wir 100 Jahre Frauenwahlrecht haben und nur relativ wenig geschehen ist in der Zeit. Wir sind weit weg von einer gleichberechtigten Gesellschaft. Aber wir können nicht immer davon reden, dass wir Gleichberechtigung wollen – wir müssen uns dann auch zur Verfügung stellen und bereit sein, negative Begleiterscheinungen in Kauf nehmen. Ein Hauptkriterien für meine Kandidatur war aber ein anderes.

Jubel in Osnabrück: Anna Kebschull siegte bei der Landratswahl – als bundesweit erste Politikerin der Grünen. Quelle: Michael Gründel/Neue Osnabrücker Zeitung/dpa

Welches?

Wir sind verfangen in alten Strukturen, in einer Umgangsform mit Gemeinden, Kommunen, Parteien und Akteuren vor Ort, die uns in eine Sackgasse und zur Konfrontation führt. Sachorientierte Entscheidungen werden blockiert oder in die Länge gezogen. Zukunftsfähig sind wir so nicht, wir brauchen einen anderen Stil.

Welchen Stil planen Sie?

Der sieht vor allem Transparenz und eine Kommunikation vor, die nicht vorgefertigte Pläne vorlegt und dann durch Sprachregelungen anderen Leuten erklärt, warum sie sie gut zu finden haben. Ich will offen Probleme ansprechen, Lösungen vorschlagen, Expertisen einholen und Akteure vor Ort einbeziehen, um gemeinsamen Pläne zu stricken. Es geht mir um eine Stärkung der Kommunen – nicht darum, den Landkreis als Machtinstrument immer stärker werden zu lassen.

Und was planen Sie inhaltlich?

Inhaltlich ist mein Ziel die Schaffung einer Naturmetropole Osnabrücker Land, in der wir die Erreichbarkeit und Vielseitigkeit der Stadt mit dem entspannten Leben in der Natur kombinieren. Das erreiche ich über eine komplett andere Mobilität, über ein neues Image und andere Prioritäten.

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Die Ingenieurin und Unternehmerin Anna Kebschull, die am Sonntag in Osnabrück die Stichwahl gegen den favorisierten CDU-Amtsinhaber Michael Lübbersmann gewann, wurde in Siegen geboren und wuchs in Bonn auf. Nach Niedersachsen kam sie nach dem Studium in Aachen durch ihre berufliche Tätigkeit. Die verheiratete dreifache Mutter betreibt drei Nachhilfeschulen, deren Leitung die 45-Jährige nun ebenso abgibt wie ihr Mandat im Gemeinderat von Bad Rothenfelde und das als Fraktionschefin der Grünen-Kreistagsfraktion.

Von Ralf E. Krüger, dpa