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Der Norden Jägerin und Landrätin: Bei dieser Grünen-Politikerin passen keine Klischees
Nachrichten Der Norden Jägerin und Landrätin: Bei dieser Grünen-Politikerin passen keine Klischees
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00:21 24.06.2019
Hier hat alles begonnen: Anna Kebschull von den Grünen vor dem Acker, auf dem ein Fracking-Projekt starten sollte. Sie hat es (mit) verhindert. Jetzt wird die 45-Jährige Osnabrücker Landrätin. Quelle: Strebe
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Osnabrück

Es ging los, wie es früher immer losging. Ein paar Herren in gedeckten Anzügen luden zu einem Treffen mit Kommunalpolitikern, es gab Schnittchen und Sekt, es gab wohlgesetzte Worte zu künftigen Arbeitsplätzen, und selbstverständlich sei alles, was sie da täten, sicher. Einige Zeit später fuhren Anna Kebschull und ihr Mann über die Landesstraße 94 zwischen Bad Rothenfelde und Bad Laer im Osnabrücker Land und wunderten sich: Der Acker am Kleinen Berg sah gar nicht mehr aus wie ein Acker. Flutlicht. Gerätschaften. Was passierte dort?

Protest gegen Fracking-Pläne von Exxon in Bad Laer war erfolgreich

Die Firma ExxonMobil hatte damit begonnen, an dem Hügel zwischen Bad Laer und Bad Rothenfelde ein Fracking-Gebiet zu erschließen. Bei dem Gespräch mit Schnittchen und Sekt war Anna Kebschull nicht dabei gewesen, davon haben Teilnehmer ihr erzählt. Und jetzt – während die Sonne auf die Ähren knallt, die inzwischen wieder auf dem Acker wachsen – erzählt Kebschull davon, wie empört sie damals war. Der Standort liegt im Heilquellengebiet der Kurorte, man hätte auch um das Trinkwasser fürchten müssen, sagt sie. Anna Kebschull engagierte sich in einer Bürgerinitiative, es gab massiven Widerstand, Exxon musste am Ende einen Rückzieher machen. 

Seit 1946 stellte die CDU alle Landräte in Osnabrück – bis die Grüne Anna Kebschull kam

Am Ende hat der US-Mineralölkonzern also dabei geholfen, die steile politische Karriere von Anna Kebschull anzuschieben. Und die führt die 45-jährige Grünen-Politikerin nun Anfang November in das Amt der Landrätin für den Kreis Osnabrück. Am Sonntag hat sie die Stichwahl mit 52,2 Prozent gewonnen, in einer Region, in der seit 1946 alle Landräte von der CDU kamen. Anna Kebschull ist auch die erste Grünen-Landrätin in Deutschland überhaupt.

Jubel bei der Verkündung des Ergebnisses: Anna Kebschull setzte sich bei der Landrats-Stichwahl in Osnabrücker Landrat gegen den Amtsinhaber von der CDU durch. Quelle: Michael Gründel/Neue Osnabrücker Zeitung/dpa

Anna Kebschulls Familie kommt aus Berlin, der Vater arbeitete im Umweltministerium in Bonn, wo Anna Kebschull dann auch aufgewachsen ist. Der Vater riet ihr, sich von politischen Organisationen fernzuhalten, und das tat sie. Bis Angela Merkel 2009 den Ausstieg aus dem Atomausstieg plante (um nach Fukushima den Ausstieg aus dem Ausstieg des Ausstiegs zu beschließen, aber das war erst 2011). Als die Nachricht über den Bildschirm flimmerte, entschied Anna Kebschull, dass sie jetzt was tun müsse.

Nachbarschaftsinitiative für schnelleres Internet

Dass es nicht ganz folgenlos blieb, was sie tat, hatte sie schon vorher erlebt, bei Gründung einer Nachbarschaftsinitiative für schnelleres Internet. Noch mitten im Anti-Fracking-Engagement kandidierte sie für den Gemeinderat in Bad Rothenfelde und arbeitete sich dann langsam weiter nach oben. Die Landtagskandidaturen waren nicht erfolgreich, aber im Gemeinderat ist Anna Kebschull Fraktionsvorsitzende geworden, im Kreistag stellvertretende Sprecherin der Grünen-Fraktion. Funktionen, die sie jetzt abgibt.

Beim Fototermin (die Medien stehen derzeit Schlange bei ihr) zögert sie, sich vor einen Baum zu stellen, wegen des grünen Hintergrunds. Schließlich werde sie Landrätin nicht nur für die Grünwähler sein, sagt sie, sondern für alle Bürger. So was behauptet jeder Politiker, aber es gibt ein paar Fingerzeige, dass Anna Kebschull nicht in die üblichen Klischees passt. Auch nicht in grüne Klischees.

Gentechnik als No-Go: Die Biotechnologie-Forscherin sattelt um

Sie wollte Forscherin werden, hat Chemie-Ingenieurwesen in Aachen studiert, Fachrichtung Biotechnologie. Als Diplomandin arbeitete sie bei der Firma Homann in Dissen, bildete dort zudem Chemielaboranten aus. Aber Biotechnologie hat auch mit Gentechnik zu tun, und das Thema hat Anna Kebschull sich unter naturwissenschaftlichen Aspekten angeschaut: „No-Go“, sagt sie. Sie entschied, sich von dem Arbeitsfeld zu verabschieden, sie gründete als selbstständige Unternehmerin drei Nachhilfeschulen (auch die wird sie abgeben, bevor sie Landrätin wird).

Sie liebt die Natur. Als Kind ist Anna Kebschull mit ihrem Vater oft durch den Wald gestreift. Das war in Bayern, der Vater hatte dort ein Jagdrevier. Dieses Revier gebe es heute noch, sagt Anna Kebschull, sie teile es sich mit ihrem Bruder.

Eine Jägerin bei den Grünen? „Jagd“, sagt Anna Kebschull, „ist nicht schießen“

Jägerin? Tatsächlich? „Ja“, sagt sie, als sei das das Normalste der Welt. Aber eine Jägerin bei den Grünen? „Jagd“, sagt Anna Kebschull, „ist nicht schießen. Jagd heißt, sich in der Natur zu bewegen, Tiere zu beobachten. Und dann auch mal zu schießen. Aber im Vordergrund steht die Natur.“

Kebschull lernte mit sieben Jahren das Treckerfahren

Sie hat auch differenzierte Ansichten zur Landwirtschaft, geschult in den vielen Ferienwochen in Bayern, wo sie schon mit sieben das Treckerfahren gelernt hat: „Früher war die Tierhaltung nicht immer artgerecht, zusammengepfercht und angebunden. Artgerecht wäre freilebend, das stimmt, aber manchmal kann es Schweinen auch in einem Stall mit 1000 Tieren gut gehen. Wenn sie Platz haben.“

Sie sagt lauter solche Dinge. Bei Mangoeis und Mineralwasser erzählt sie, wie schmerzhaft präsent für sie bei Berlin-Besuchen die deutsche Teilung gewesen sei: „Wahrscheinlich kommt daher mein Wunsch nach Verständigung unter den Menschen.“ Abends, bei einem Empfang der Industrie- und Handelskammer in Osnabrück, wird sie angesprochen auf die Knüppel, die vielen Firmen zwischen die Beine geworfen würden. Ihre Antwort: „Dass man als Unternehmerin unter Generalverdacht steht, das kenne ich.“

Viele Frauen freuen sich, dass endlich mal eine von ihnen gewonnen hat

Rund um den Empfang hagelt es Glückwünsche für den Wahlsieg. Vielen Frauen ist die Freude anzumerken, dass endlich mal eine von ihnen gewonnen hat. Bei den Männern kommt mitunter erkennbar auch ein ganz unpolitisches Wohlwollen für die großgewachsene Dame mit den langen blonden Haaren hinzu. Kebschull tut, als merke sie es nicht.

Shuttle-Busse und Rufbusse sollen kleine Orte besser anbinden

Was will sie im Landkreis verändern? Mehr Klimaschutz, sagt sie, ressourcenschonende Produktion, das nütze auch den Firmen. Wenn sie in Berlin Politik machen würde, dann sei das ja nur Papier, im Landkreis aber sei es konkret: bessere Mobilitätsangebote mit Shuttle-Bussen und Anrufbussen, eine Erreichbarkeit aller Orte wie in der Stadt wünscht sie sich. So soll der Kreis zur „Naturmetropole“ werden.

„Ich will einen neuen Stil“

Da hat sie sich ja viel vorgenommen mit einem Kreistag, in dem die CDU dominiert und die Grünen gerade mal sieben von fast 70 Sitzen haben. Genau, sagt Anna Kebschull, das sei ihr wichtigstes Anliegen: „Ich will einen neuen Stil.“ Offenheit, miteinander reden, gemeinsam Lösungen suchen, Bürger einbeziehen. Was ist mit den Parteigrenzen? „Mal sehen, wie lange es sie gibt“, sagt Anna Kebschull. Sie lächelt sonst viel, jetzt lächelt sie nicht. So, wie es früher immer lief, wird es mit ihr nicht mehr laufen.

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Von Bert Strebe

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