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Der Norden Sonderhalt in Eschede: Zugchefin geehrt
Nachrichten Der Norden Sonderhalt in Eschede: Zugchefin geehrt
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00:19 07.04.2019
Zögerte nicht und stoppte ihren ICE außerplanmäßig in Eschede: Zugchefin Mareen Harder. Quelle: Thomas Panzau/Allianz pro Schiene
Hannover

Am kleinen Bahnhof Eschede (Kreis Celle) hält kein ICE – normalerweise. Am 2. Juni 2018 um 17.45 Uhr aber ließ Zugchefin Mareen Harder den ICE auf dem Weg von Hannover nach Hamburg in Eschede stoppen. Aus gutem Grund: Charlotte, eine junge Frau, die 20 Jahre zuvor als Zweijährige das Zugunglück von Eschede überlebt hatte, hätte sonst die Trauerandacht für ihre Mutter und die anderen Opfer der Katastrophe verpasst.

Zugchefin Harder ist für ihre spontane Aktion jetzt als „Eisenbahnerin mit Herz“ ausgezeichnet worden. Charlotte hatte die 35-Jährige mit Dienstsitz in Hamburg für den Preis vorgeschlagen. „Ich freue mich, dass meine Arbeit so geehrt wird“, sagte Harder.

„Diese große Geste zeugt von enormer Menschlichkeit und hat in mir eine ewig anhaltende, tiefe Dankbarkeit ausgelöst“, schrieb die Eschede-Überlebende an die Allianz Pro Schiene, die den Wettbewerb jährlich organisiert. „Die Selbstverständlichkeit, mit der sie in diesem Moment handelte, und ihre darauf folgende Bescheidenheit haben mich dazu bewegt, Ihnen von dem Vorfall zu berichten.“

Ein gebrochener Radreifen: Die Katastrophe von Eschede

Zum bisher schwersten Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik kam es am 3. Juni 1998 in Eschede (Kreis Celle). Dort entgleiste der aus München kommende ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ in Richtung Hamburg mit etwa 300 Menschen an Bord. Bei knapp

200 Kilometern pro Stunde war ein sogenannter Radreifen gebrochen. Mehrere Waggons prallten gegen eine Brücke, andere wurden in die Böschung geschleudert. 101 Menschen verloren ihr Leben, 88 Reisende wurden schwer verletzt.

Den ersten der knapp 2000 Helfer boten sich furchtbare Bilder. Opfer lagen blutend und eingeklemmt in den zerstörten Waggons und unter den Betonmassen der eingestürzten Straßenbrücke. Andere Passagiere hatten sich selbst retten können und irrten unter Schock am Unfallort umher.

Die Bahn zahlte den Hinterbliebenen für jeden Toten 30.000 Mark Schmerzensgeld, umgerechnet etwa 15.000 Euro. Ein Strafverfahren gegen die Bahn und den Reifenhersteller wurde 2003 eingestellt. Am 15. Jahrestag 2013 entschuldigte sich der damalige Bahnchef Rüdiger Grube für das entstandene Leid. Die Opfer hatten bis dahin vergeblich auf eine solche Geste gewartet. Zum 20. Jahrestag am 3. Juni 2018 kamen Überlebende, Angehörige von Opfern und Helfer wieder in Eschede zusammen.

Am 3. Juni 1998 hatte Charlotte mit ihrer Mutter in dem Wagen gesessen, der nach dem Einsturz einer Brücke als erster gegen die Trümmer krachte. Trotz einer Verletzung an der Halswirbelsäule erlitt das Kind keine bleibenden körperlichen Schäden, wie ihr Vater, ein Mediziner, später im Eschede-Prozess gegen drei Bahn-Ingenieure in Celle sagte. Die kleine Tochter leide aber unter großem Trennungsschmerz, weil seine Frau bei dem Unglück starb.

Zugchefin zögert nicht

Am Vorabend des 20. Jahrestags, vor der großen offiziellen Gedenkveranstaltung, fand um 18 Uhr in Eschede eine kirchliche Andacht statt, zu der Charlotte mit ihrem Freund Alexander mit der Bahn anreiste. Ihr ICE hatte auf dem Weg von Stuttgart nach Hannover allerdings mehr als eine Stunde Verspätung, sodass die beiden den letztmöglichen Anschluss-Metronom in Hannover wohl nicht mehr erreicht hätten. 15 Minuten vor dem Hauptbahnhof Hannover, die Zugchefin war gerade von einer Kontrolle zurückgekehrt, kam Alexander hilfesuchend zu ihr ins Dienstabteil, wie sich Harder erinnert. Er habe von seiner Freundin erzählt, für die die Andacht in Eschede ein ganz wichtiger Teil ihrer Trauerbewältigung sei: Charlotte aktualisiere pausenlos die Bahn-App mit den Verspätungsanzeigen auf ihrem Handy und sei schon ganz verzweifelt, weil sie es wohl nicht rechtzeitig schaffen würden.

Mareen Harder zögerte nicht. Sie rief umgehend die Leitstelle in Hannover an und bat um einen Sonderhalt in Eschede. „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit zu helfen“, sagte die Bahnmitarbeiterin am Donnerstag der HAZ. Aus Hannover sei sofort das „Okay“ gekommen. Natürlich gebe es ein Regelwerk, sagt Harder. „Aber wir sind Menschen und in der Lage abzuwägen.“

Innerhalb von zwei Minuten sei auf der Bahn-App der zusätzliche Halt des ICE angezeigt worden: 17.45 Uhr Eschede. Charlotte, die ihrem Freund inzwischen in das Dienstabteil gefolgt war, sah das auf ihrem Handy und konnte es zunächst gar nicht glauben. Auch über Lautsprecher sagte die Zugchefin dann den Halt in Eschede als außerplanmäßige Ausstiegsmöglichkeit an; beschwert habe sich darüber niemand. Die beiden jungen Leute vorn im Zug waren aber die einzigen, die am Bahnhof des kleinen Heideorts ausstiegen.

Die Hamburger Zugchefin ist unter mehr als 50 Nominierten beim Bundeswettbewerb „Eisenbahner mit Herz“ als Siegerin hervorgegangen. Die Allianz Pro Schiene fordert seit vielen Jahren Fahrgäste auf, von positiven Erfahrungen mit Bahnpersonal zu berichten. In dem Verkehrsbündnis setzen sich unter anderem Naturschutzverbände und Unternehmen aus der Eisenbahnbranche für eine Steigerung des Schienenverkehrs ein.

Bei der Preisverleihung in Potsdam, an der Bahnchef Richard Lutz teilnahm, trafen Harder und Charlotte sich zum ersten Mal wieder. Charlotte habe sich noch einmal herzlich bei ihr für den besonderen Halt in Eschede bedankt: „Es war eine sehr berührende Begegnung.“

Mehr zum Thema:

Das Trauma von Eschede

Von Gabriele Schulte

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