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Der Norden Wie die Grünen der CDU ihre niedersächsische Hochburg streitig machen
Nachrichten Der Norden Wie die Grünen der CDU ihre niedersächsische Hochburg streitig machen
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00:16 14.06.2019
Jünger und bunter als die CDU: Blick in die Große Straße in Vechta. Quelle: Strebe
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Vechta

Die Stimmung ist gut. Die jungen Leute im Uni-Bistro reden über Seminare und Professoren und Gott und die Welt. Wenn sie sich Kaffee holen, hört man ab und zu: Nein, lieber keinen Zucker. Ein Stockwerk höher in der Mensa gibt es Bio-Essen. Das ist hier inzwischen selbstverständlich – hier, mitten im Oldenburger Münsterland. In einer Region, die bis vor kurzem als das konservative Zentrum der Republik gelten durfte. Als Mekka der Fleischesser, wirtschaftshörig, tiefkatholisch. Hier war die Welt schwärzer als das schwärzeste CSU-Bayern.

War. Bei der Europawahl haben die Grünen im Landkreis Vechta 18,2 Prozent geholt. In der Stadt Vechta, 32.000 Einwohner, sogar 23,2 Prozent. Für eine Gegend, in der die CDU bislang regelmäßig mindestens 60 und auch mal 80 Prozent der Stimmen abgefischt hat, klingt das nach Revolution.

Tatsächlich handelt es sich aber wohl um eine Evolution.

Das Oldenburger Münsterland, zu dem außer dem Kreis Vechta der Kreis Cloppenburg gehört, war früher eine arme Gegend mit kargen Böden. Aber die Südoldenburger sind zäh. Kirchenrechtlich gehört die Region zum nordrhein-westfälischen Bistum Münster, ist also eine Enklave, noch dazu eine katholische im sonst weitgehend protestantischen Niedersachsen. Hier hatte man seit Jahrhunderten das Gefühl, sich gegen den Rest der Welt durchsetzen zu müssen.

Nach dem Krieg begannen die Bauern, im großen Stil Fleisch für Abnehmer im Ruhrgebiet zu produzieren. Das erwies sich als Goldgrube, die Betriebe wuchsen und wuchsen und sind heute die Inkarnation der industriellen Tierhaltung: Zwei Millionen Schweine und 26 Millionen Stück Geflügel werden hier gemästet.

Wohlstand im Vordergrund

Im Bistro der Uni, in dem auch Nichtstudenten Kaffee trinken dürfen, sitzt Josef Diersen, Vorsitzender der Grünen im Kreis, und kramt den Vechtaer Datenspiegel aus seiner Aktenmappe: mehr Gewerbe, mehr Wohngebiete. „Mehr, mehr, mehr“, sagt er. Er redet über die Schönheit der Landschaft, die es so nicht mehr gebe, er redet über Wachstumsideologie, er lässt seinen Milchkaffee kalt werden.

Diersen freut sich über die Wahlergebnisse der Grünen, über die Verdreifachung der Prozentzahlen. Aber er ist sich noch nicht so sicher, ob der Trend auch bis zu den nächsten Kommunalwahlen reicht. Tatsächlich standen die Umweltprobleme durch überdüngte Felder und Nitrat und Antibiotika im Grundwasser – ganz zu schweigen vom Tierschutz – lange Zeit nicht so im Vordergrund in Vechta. Dort stand nur eines: Wohlstand. Über viele Jahrzehnte war dem Landstrich ein unerschütterlicher Konservativismus quasi eingeprägt.

Früher musste man in Vechta Beamter sein, wenn man sich zur SPD bekannte, sonst riskierte man seine wirtschaftliche Existenz. Als die Grünen auftauchten, hielten Politiker im Oldenburger Münsterland sie für Leute mit verschleppter Pubertät. Wer nicht eindeutig als CDU-Parteigänger zu identifizieren war, den nannte man in Vechta „nicht farbecht“.

Aber: „Die Zeiten, in denen der Pastor von der Kanzel predigte, dass man in die Hölle kommt, wenn man nicht CDU wählt, sind vorbei“, sagt Dirk Lübbe, der CDU-Kreisvorsitzende. Zusammen mit seinem Geschäftsführer Walter Goda sitzt er im früheren Kaiserlichen Postamt zu Vechta, einem imposanten Klinkerbau von 1896, und schaut auf die weniger imposanten Balkengrafiken der Europawahl: Die CDU im Kreis ist um 16 Prozentpunkte auf nur noch 48,1 Prozent abgeschmiert, in der Stadt auf gut 40 Prozent. Natürlich ist das immer noch viel. Aber nicht für Vechtaer Verhältnisse.

Die beiden Herren erzählen von Fehlern im Wahlkampf, von Verwerfungen in der Partei. Dergleichen konnte man immer mal wieder in Vechta beobachten: Wer keine Opposition hat, macht sie sich eben selbst. 2005 führte das sogar dazu, dass der frühere niedersächsische SPD-Landwirtschaftsminister Uwe Bartels Vechtaer Bürgermeister werden konnte. Aber letztlich, sagen Lübbe und Goda, gehe es um mehr: „Wir müssen weiblicher, jünger und bunter werden.“

Die Stadt ist das nämlich schon. In den Achtzigern wirkte Vechta noch reichlich verschlafen und grau. Heute nicht mehr. Die Entwicklung, erläutern die Soziologinnen Corinna Onnen und Rita Stein-Redent von der Uni Vechta, habe mit der wirtschaftlichen Lage zu tun: Es herrscht fast Vollbeschäftigung, die meisten Arbeitsplätze der Region bietet inzwischen das produzierende Gewerbe, rund um die Fleischerzeugung hat sich Fleischverarbeitungsindustrie angesiedelt, zusammen mit Stallausrüstern und Anlagenbau. Dort arbeiten Leute unter 40 mit jungen Familien.

Erfolgsmodell Uni Vechta

Und das sind oft Zugezogene ohne südoldenburgische Schwarzwählergene: „Wir haben heute eine Bevölkerungsmischung wie in der Großstadt“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Stephan Siemer. Und Professorin Onnen erläutert: „Früher hat man hier Wechselwähler verabscheut. Das gibt es nicht mehr.“

Selbst der Nachwuchs in den Eignerfamilien der großen Agrarfirmen achte inzwischen auf den sozialen und ökologischen Ruf der Unternehmen. Außerdem legten junge Leute ohnehin mehr Wert auf gute Nahrung und Umweltthemen und Klimaschutz, ergänzt Rita Stein-Redent, „und der letzte Sommer hat ja gezeigt, wie ernst das ist.“ Kurz: „Vechta ist in der Welt angekommen.“

Punkt zwei: die Universität Vechta selbst. Anfang der Neunzigerjahre wollte die Landesregierung unter Gerhard Schröder die „Miniversität“ (ein SPD-Mann) mit ihren paar Hundert Eingeschriebenen schließen. Hintergrund war auch – was natürlich niemand laut sagte –, dass Rot-Grün keine Institution in einer vollkommen schwarzen Gegend fördern wollte. Doch ein Vertrag des Landes mit der katholischen Kirche garantierte den Bestand der Uni, zudem kämpfte die CDU verbissen für den Erhalt. Es hat geklappt: Heute lernen hier 5600 Studenten.

Aber es sind genau diese Studenten und die jungen Menschen in den dem Agrarsektor nachgelagerten Firmen, die als Kneipengänger und Konsumenten und Wähler das Klima in der Stadt verändert haben. Die CDU hat die Leute nach Vechta geholt hat, die ihr die Verluste beibringen. Die Partei ist nicht mit ihnen mitgewachsen.

SPD-Mann Bartels (die SPD dümpelt bei 15 Prozent oder weniger herum) meint zwar noch, die Grünen würden ihr „Waterloo“ erleben, wenn sie erst regierten. Aber CDU-Chef Dirk Lübbe sagte klar: „Weiter so geht nicht.“ Dann erzählt er, dass in seinen Ortsverein die Hälfte der Vorstandsmitglieder weiblich ist, ohne Quote, durch soziales Engagement der Partei. Und die Vorstandssitzungen finden öffentlich in der Eisdiele statt.

Vielleicht ist es ja ein (Neu-)Anfang.

Von Bert Strebe

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