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Der Norden Inklusion an den Schulen – funktioniert das?
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00:18 20.06.2019
Es läuft nicht rund mit der Inklusion in den Schulen: Die Grünen bemängeln ein fehlendes Konzept des Kultusministeriums. Quelle: Holger Hollemann/dpa
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Hannover

Überforderte Lehrer, enttäuschte Eltern und Schüler, die zwischen allen Stühlen sitzen, andererseits aber auch immer wieder Erfolgsgeschichten: Zum gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap an den Regelschulen hat das niedersächsische Kultusministerium jetzt erstmals ein großes Datenpaket vorgelegt. Die Grünen hatten – zehn Jahre nach Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen – 50 detaillierte Fragen gestellt, die die Landesregierung auf mehr als 140 Seiten beantwortet hat. Das Fazit: Inklusion ist vor allem das, was Schulen jeweils daraus machen. Ein großer Plan des Landes dahinter fehlt, meinen zumindest die Grünen. Am Donnerstag soll das Konvolut im Landtag diskutiert werden.

Vor allem Kinder mit Lernproblemen gehen auf Regelschulen

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Zahl der behinderten Kinder, die eine Förderschule besuchen, sich über die Jahre kaum verändert hat. So hatten im Schuljahr 2011/2012 im ersten Jahrgang 1111 Kinder eine Sprachförderschule besucht, im Schuljahr 2017/2018 waren es 970 Erstklässler. Im Schuljahr 2011/2012 besuchten 513 Siebtklässler mit Verhaltensproblemen eine Förderschule, sechs Jahre später waren es 481 Siebtklässler. Für die Schüler mit Lernschwächen ist die Förderschule ohnehin ein Auslaufmodell. Von ursprünglich 177 Förderschulen für Schüler mit Lernbeeinträchtigungen gibt es nur noch 117.

Ungleiche Verteilung – in Regionen und an Schulen

Die Inklusionsquote, also der Anteil der Kinder mit Handicap, die eine Regelschule besuchen, ist regional sehr unterschiedlich verteilt – von gerade einmal 27 Prozent in der Stadt Osnabrück bis zu 82 Prozent im Landkreis Gifhorn. Auch an den weiterführenden Schulen ist die Verteilung der Inklusionsschüler sehr unterschiedlich: Den höchsten Anteil von Kindern mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf weisen die Hauptschulen auf mit 14,6 Prozent, den geringsten die Gymnasien mit 0,5 Prozent. Auffällig ist: Die Zahl der Schüler mit emotional-sozialem Förderbedarf ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

Mehr Kinder mit Förderbedarf, aber nicht mehr Lehrer

Während die Zahl der Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wurde, zwischen 2012 und 2016 um 27,8 Prozent gestiegen ist, ist die Zahl der Sonderpädagogen nahezu gleich geblieben. Im Schuljahr 2011/2012 gab es 6165 Förderschullehrer, 2017/2018 waren es gerade mal fünf mehr. Die Möglichkeit für Lehrer, sich berufsbegleitend sonderpädagogisch weiterzuqualifizieren, hat das Land gestrichen. Seit 2013 hatten die Studienseminare in Niedersachsen dafür insgesamt jährlich 80 Plätze ausgeschrieben. 640 Lehrer konnten so sonderpädagogisch ausgebildet werden, beworben hatten sich 893. Das Ministerium begründet die Streichung damit, dass dadurch nicht die gleiche Qualifikation erworben werden kann wie mit einem Studium.

Nachvollziehbar erscheint dies nicht. Denn Förderschullehrer sind nach wie vor Mangelware. Der Landeselternrat hatte vor Kurzem moniert, dass die sonderpädagogische Grundversorgung an den Grundschulen, die zwei Wochenstunden umfasst, in vielen Fällen gar nicht von Sonderpädagogen, sondern von Regellehrern übernommen werden muss. Die Zahl der Lehrerstunden von Sonderpädagogen an den Regelschulen ist durch die Einführung der pauschalen sonderpädagogischen Grundversorgung erheblich gestiegen – von 8320 im Schuljahr 2011/2012 auf 56.024,7 im Schuljahr 2017/2018.

Das Land gibt ohne Zweifel viel Geld aus. Von 2013 bis 2019 ist die Förderung für die Inklusion von 245 auf 475 Millionen Euro gestiegen, ab 2020 sind vorerst keine weiteren Erhöhungen vorgesehen. Fraglich bleibt aber, ob die Mittel auch gut ankommen. Grünen-Bildungsexpertin Julia Willie Hamburg moniert: „Die sehr knappen Ressourcen werden von der Landesregierung quasi im Blindflug auf die inklusiven Schulen verteilt, die Regierung weiß nicht, welche Mittel an den einzelnen Schulen tatsächlich ankommen, ihr fehlt ein funktionierendes Monitoring.“

Multiprofessionelle Teams bleiben Theorie

Das Ministerium weiß nicht, wie viele pädagogische Mitarbeiter von den Förderschulen an die Regelschulen abgeordnet werden, um Kinder im Unterricht oder therapeutisch zu begleiten. Auch die Zahl der Schulbegleiter ist nicht bekannt. Das Land lehnt es auch ab, Mindeststandards für Schulbegleiter zu erlassen, vermutlich weil es dann auch die Kosten für diese übernehmen müsste.

Um die Inklusion besser umzusetzen, hatte das Land im Oktober 2017 rund 650 Vollzeitstellen für Logopäden, Ergotherapeuten, Heilpädagogen und Erzieher geschaffen. 180 dieser Stellen wurden unbefristet für die Förderschulen ausgeschrieben, 470 befristete Stellen für Regelschulen. Von den befristeten Stellen konnten im Schuljahr 2017/18 nur 115 Stellen besetzt werden. Diese Stellen wurden dann entfristet. Die unbesetzten 355 Stellen wurden nicht wieder ausgeschrieben.

Welches Konzept steckt hinter der Inklusion?

Die Grünen kritisieren, dass das Kultusministerium offenbar kein großes Interesse an einem detaillierten Überblick hat, die erfragten Zahlen würden in einem riesigen Datenberg versteckt. Es fehle eine Strategie, ein Konzept, nach dem die Schulen sich richten könnten. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat vor ein paar Monaten angekündigt, dass Kinder mit emotional-sozialem Förderbedarf an Regelschulen besser gefördert werden müssten, damit Lehrer weniger belastet seien. Nur wie das geschehen soll, hat er offen gelassen.

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Grundschuleltern fordern bessere Ausstattung

Elternräte von mehr als 25 Schulen in der Region Hannover haben eine Onlinepetition gestartet, um eine bessere personelle Ausstattung in den Regelschulen durchzusetzen. Sonst bleibe die Inklusion eine „Mogelpackung“. Ihre Forderung: Statt zwei Stunden sollte die pädagogische Grundversorgung auf fünf Wochenstunden erhöht werden, Schulen in sozialen Brennpunkten müssten mehr Förderschullehrerstunden bekommen. Bis Anfang Juni haben 5516 Unterstützer ihr Anliegen mit unterschrieben, nun muss sich der Landtag mit den Forderungen befassen.

Von Saskia Döhner

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