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Der Norden Haben Sie die Inklusion an die Wand gefahren, Herr Tonne?
Nachrichten Der Norden Haben Sie die Inklusion an die Wand gefahren, Herr Tonne?
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00:19 22.02.2019
Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Quelle: Frank Wilde

Herr Minister Tonne, die Gesamtschulleiter in Hannover sehen sich nicht mehr in der Lage, die Hauptlast der Inklusion zu tragen, auch die Grundschuleltern gehen auf die Barrikaden und fordern mehr Unterstützung für Schulen in sozialen Brennpunkten. Ist der freie Elternwille bei der Inklusion gescheitert?

Ich werbe sehr dafür, Probleme offen anzusprechen und nicht unter den Teppich zu kehren. Ich warne aber auch davor, den Prozess der Inklusion grundsätzlich als gescheitert darzustellen. Ja, es ist schwierig. Und ja, wir müssen besser werden. Aber: Es gibt auch sehr erfolgreiches, geräuschloses inklusives Arbeiten. Viele Schulen leben Inklusion positiv vor. Es ist den Schülerinnen und Schülern mit Unterstützungsbedarf gegenüber zudem nicht fair, alle Probleme, die es an Schulen gibt, mit dem Label „gescheiterte Inklusion“ zu versehen. Damit würden wir es uns zu einfach machen.

Minister Grant Hendrik Tonne spricht mit Schülern des 8. Jahrgangs im Medienkunde-Profilkurs. Quelle: privat

Störende Drittklässler, die von ihren Eltern aus der Grundschule abgeholt werden müssen, weil die Lehrer mit ihnen nicht mehr klarkommen, lernschwache Schüler, die in der 6. Klasse noch mit einfachsten Aufgaben zu kämpfen haben, während die anderen Kinder in der Klasse schon Prozentrechnung machen – stellen Sie sich so gelungene Inklusion vor?

Was Sie beschreiben, höre und erlebe ich bei meinen vielen Terminen an Schulen: Einerseits gibt es viele Schülerinnen und Schüler, die schon sehr weit sind und vieles können, wenn sie in die Grundschule kommen und andererseits gibt es ein erhebliche Anzahl verhaltensauffälliger Kinder, die den Lehrkräften regelmäßig Probleme im Unterricht machen. Eine solche Situation ist anstrengend für die Lehrkräfte und erschwert die Unterrichtsgestaltung.

Wie wollen Sie das konkret verbessern?

Zum einen stärken wir die Multiprofessionalität in unseren Schulen. Wenn Regelschullehrkräfte, Förderschullehrkräfte, Schulsozialarbeit und pädagogische Fachkräfte zusammenarbeiten, lassen sich auch schwierige Situationen besser lösen. Zudem werden wir das Thema Umgang mit Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung im Kultusministerium prioritär bearbeiten. Die Lehrkräfte brauchen hier mehr Unterstützung.

Bildungsoffensive auf dem Biohof: Minister Tonne besucht einen Landwirtschaftsbetrieb und kommt mit Azubis ins Gespräch Quelle: Mischer

Dass Personal fehlt und es zu wenige Rückzugsräume in den Schulen gibt, ist seit Jahren bekannt. Seit 2013 ist das Kultusministerium in SPD-Hand. Haben Sie, hat Ihre Partei die Inklusion gegen die Wand gefahren?

Die Forderung nach mehr Ressourcen kann ich nachvollziehen. Aber: Wir machen keine Billiglösung bei der Inklusion. Rund 1,9 Milliarden Euro fließen alleine bis 2022 in die Umsetzung. Die Schulträger bekommen vom Land 30 Millionen Euro jährlich, damit auch baulich an den Schulgebäuden auf die Inklusion reagiert werden kann. Jeder ist in seinem Zuständigkeitsbereich gefordert, damit Inklusion gelingt. Inklusion ist ein Prozess.

Was hat die Inklusion denn gebracht – außer überforderte Lehrer, gefrustete Eltern und unglückliche Schüler?

Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention wird Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf durch die inklusive Schule ein gleichberechtigter Zugang ins öffentliche Schulsystem ermöglicht, denn nach dem Niedersächsischen Schulgesetz sind alle niedersächsischen Schulen inklusive Schulen. Eltern, beziehungsweise Erziehungsberechtigte von Kindern mit einem entsprechenden Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung können wählen, ob sie ihr Kind an einer allgemeinen Schule oder einer Förderschule anmelden. Es sollte nicht vergessen werden, dass dieser gleichberechtigte Zugang zur schulischen Bildung ein gesellschaftlicher Fortschritt ist. Und das Pauschalurteil, dass alle damit unglücklich sind, ist genauso falsch, wie die Aussage, alles sei gut bei der Inklusion.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne überreicht eine Urkunde. Quelle: Rathmann

Sie fordern, die guten Beispiele zu registrieren und die Probleme aber dennoch zu benennen und zu lösen. Wie wollen Sie diesen Spagat schaffen? Wo sehen Sie gute Beispiele? Welche Probleme haben Sie gelöst?

Ich plädiere für eine sachliche Debatte. Scharfe, ideologische Auseinandersetzungen lösen selten Probleme. Daher haben wir uns im Koalitionsvertrag auf eine befristete Fortschreibung der Förderschulen Lernen bis zum Jahr 2028 geeinigt und das auch umgesetzt. In unserem Flächenland gibt es ein unterschiedliches Tempo. Wir tun gut daran, dies zu akzeptieren und vor Ort nach der besten Lösung zu suchen. Daher haben wir auch die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrum Inklusive Schule ins Leben gerufen. Dieses Angebot der Beratung vor Ort wird sehr gut angenommen. 36 und damit rund 80 Prozent der Landkreise und kreisfreien Städte in Niedersachsen sind schon dabei.

Sonderpädagogen dürfen jetzt Beratung als Arbeitszeit anrechnen, Grundschullehrer aber nicht, das empfinden diese als ungerecht …

Die Grundschulen leisten Herausragendes, bei der Inklusion, aber auch bei der Integration. Gleiches gilt für die Haupt-, Real- und Oberschulen sowie die Gesamtschulen. Ich glaube, dass vieles, was sich an Unzufriedenheit bei den Lehrkräften angestaut hat, unter der Überschrift allgemeine Arbeitsbelastung zusammenzufassen ist. In den letzten Jahren ist jede Menge an neuen Aufgabe und an Verantwortung auf die Schulen zugekommen. Hier müssen wir dringend ansetzen und entlasten.

Überfordern Sie die Lehrer?

Die Gesellschaft hat sich verändert und immer höhere Ansprüche werden gestellt, an das, was Schule zu leisten hat. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen sollen in den Schulen und von den Lehrkräften behoben werden. Hierzu kommen verstärkte Anforderungen durch Inklusion und Integration. Wir brauchen wieder mehr Luft im System Schule. Daher prüfen wir alle möglichen Maßnahmen, um Lehrkräfte zu entlasten. Meine Vorschläge hierzu habe ich in einem 11-Punkte-Katalog als ersten Schritt formuliert. Diesen werde ich mit den Bildungsgewerkschaften und Verbänden besprechen. Zudem arbeiten wir an besserer Bezahlung und Verbesserung bei der Arbeitszeit. Wir brauchen kurz-, lang- und mittelfristige Schritte.

Tonne lernt bei einem Rundgang die Evangelische IGS Wunstorf kennen: Hikmet Gökdemier erzählt vom islamischen Religionsunterricht. Quelle: Rita Nandy

Tun die Gymnasien zu wenig für die Inklusion?

Wir sollten Verständnis für die Gesamtschulen und für die Gymnasien haben. Die Gesamtschulen, aber vor allem auch die Oberschulen leisten viel bei der Inklusion. Eltern von Kindern mit Unterstützungsbedarf wählen diese Schulformen stark an, weil hier sehr gut inklusiv gearbeitet wird. Gleichzeitig gibt es auch Inklusion an den Gymnasien – aber in geringerem Ausmaß, weil weniger Eltern ihre förderbedürftigen Kinder dort hinschicken. Grundsätzlich kann Inklusion an allen Schulformen gelingen. Und keine Schulform ist frei von dieser Herausforderung.

Was halten Sie davon, wenn Gymnasien nur die Schüler aufnehmen, die auch das Abitur erreichen können?

Auch an Gymnasien kann auf unterschiedlichen Niveaus unterrichtet werden. Das ist nicht der Regelfall, aber möglich ist das. Für neue Regelungen sehe ich keinen Bedarf.

Oder sollten nicht auch Gymnasien den Förderschul- und Hauptschulabschluss vergeben?

Das ist möglich und hat den Gymnasien nicht geschadet. Auch an dieser Stelle mahne ich zur Sachlichkeit und zur verbalen Abrüstung.

Wann bekommen Grundschulen endlich mehr Sonderpädagogen und Brennpunktschulen mehr Unterstützung? Gerade die Schulen in Vierteln, in denen auch viele arme Familien, Migranten und Flüchtlinge leben, sehen sich am Limit.

Unser Modellprojekt Schule Plus ist ein Anfang, nicht das Ende. Und von 20 Schulen, die landesweit mitmachen, liegen acht in Hannover. Da kann niemand sagen, Hannover käme zu kurz. Und: Wir werden die Erfahrungen, die die Schulen bei Schule Plus machen, evaluieren und Ableitungen für alle Schulen treffen. Zudem bauen wir die Schulsozialarbeit konsequent aus. Wir haben erst kürzlich für weitere 100 Schulen Stellen für Schulsozialarbeit ausgeschrieben. Derzeit werden rund 1050 sozialpädagogische Fachkräften an rund 950 Schulen aller Schulformen eingesetzt und wir setzen den Ausbau fort.

Tonne bei einem Rundgang die Evangelische IGS Wunstorf . Quelle: Rita Nandy

Immer mehr Eltern melden ihre Kinder am Gymnasium an, aber viele Schüler scheitern dort in den ersten Jahren. Ist der freie Elternwille gescheitert?

Der Elternwille zählt, und das ist auch gut so. Wir müssen als Politik den Eltern nicht vorgeben, was das Beste für ihr Kind ist. Wir haben wieder eingeführt, dass die Eltern eine Schulformempfehlung bekommen können. Im 4. Schuljahrgang sind mindestens zwei Beratungsgespräche zu führen. Dafür werbe ich nachdrücklich. Wir brauchen eine Vertrauenskultur zwischen Schule und Elternschaft.

Trotzdem scheinen Eltern dem Rat der Lehrer nicht immer zu folgen ...

Fakt ist, dass auch an anderen Schulformen als den Gymnasien Abschlüsse vergeben werden, die den Jugendlichen gute Zukunftschancen geben. Nicht jeder braucht das Abitur, das ja vor allem auf die Studierfähigkeit hinweist. Aber auch eine Berufsausbildung bietet große Potenziale. Berufliche und akademische Bildung sind gleichwertig.

Sie wollen die große Debatte „Bildung 2040“ anstoßen. Was sagt Ihnen der aktuelle Streit über die Inklusion über die Schule der Zukunft?

Das sagt vor allem, dass wir immer zweigleisig fahren: tagesaktuelle Baustellen in der Bildung schließen, und gleichzeitig visionär über den Tellerrand blicken. Bildung 2040 kann frei von den reinen Ressourcendebatten stattfinden. Das scheint vielen Menschen ein Bedürfnis zu sein, denn der Zuspruch zu den Veranstaltungen ist groß.

Letzten Freitag sind Tausende Schüler auf die Straße gegangen, um für mehr Klimaschutz zu protestieren. Ist es da nicht kleinlich, wenn Sie auf die Einhaltung der Schulpflicht pochen?

Das Anliegen der Schülerinnen und Schüler ist richtig, und ich begrüße es, wenn sich junge Leute engagieren. Daher habe ich mich auch mit Schülerinnen aus der Initiative getroffen, die werden gemeinsam mit dem Kultusministerium nun einen Schulwettbewerb zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung konzipieren. Wir müssen das Thema inhaltlich weiterentwickeln und ein Angebot formulieren. Gleichzeitig weiß jeder, dass das bestehende Regelwerk nicht wegen „Fridays for Future“ außer Kraft gesetzt wird. Schulen und Schüler kennen das und wissen damit umzugehen.

Zur Person

Grant Hendrik Tonne(42) ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er hat einen 13-jährigen Sohn und drei Töchtern im Alter von vier, sieben und zehn Jahren. Tonne lebt in Leese im Kreis Nienburg. Der Jurist war Juso-Vorsitzender des Unterbezirks Nienburg, Mitglied im Gemeinderat und Kreistag. Seit 1996 ist er in der SPD. 2008 und 2013 kam der Rechtsanwalt über die Landesliste in den Landtag und war Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion. Bei der Landtagswahl 2017 verpasste Tonne den Wiedereinzug in den Landtag. Als Kultusminister setzt er auf pragmatische Lösungen.

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Von Saskia Döhner

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