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Der Norden Pläne für Kalibergbau in Giesen umstritten
Nachrichten Der Norden Pläne für Kalibergbau in Giesen umstritten
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17:59 10.01.2019
Anwohner Maik Schröder geht mit seinem Hund vor dem Kaliberg in Giesen spazieren. Quelle: Moritz Frankenberg
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Giesen

 Wenn Maik Schröder vor die Haustür tritt, blickt er auf den Berg. Der liegt rund einen Kilometer nördlich hinter lehmigen Äckern und strahlt weiß, wenn die Sonne scheint oder sich durchsetzen wird. Oft aber ist er, wie an diesem Tag, grau wie die Wolken. „Die Halde ist ein Wetterprophet“, sagt Frührentner Schröder. Sie ist auch ein Wahrzeichen seines Wohnorts Giesen (Kreis Hildesheim), wo bis 1987 rund 80 Jahre lang Kali gefördert wurde. Schröders Haus von 1928 ist Teil einer Bergarbeitersiedlung aus dieser Zeit.

Kali als Düngemittel

Kali ist eine Ablagerung verschiedener Salzminerale mit einem hohen Gehalt an Kaliumverbindungen. Kalisalze werden hauptsächlich zu Mineraldünger verarbeitet. Der Mineralstoff Kalium ist ein wichtiger Bestandteil der Pflanzenernährung und verstärkt bei Pflanzen die Stoffwechselprozesse. Die Photosynthese wird intensiviert, die Umwandlung von Traubenzucker in Stärke und der Aufbau von Eiweiß werden beschleunigt. Das Pflanzenwachstum wird gefördert und die Pflanze hält Trockenheit und Frost besser stand. Kali kann jedoch seine Wirkung nur voll entfalten, wenn kein Mangel an anderen Nährstoffen besteht. Da Kali auch in Asche vorkommt, wurde früher vorzugsweise Holzasche zum Düngen verwendet.

Nur in Deutschland gibt es Kalilagerstätten, deren Rohsalz neben Kalium auch Kieserit enthält, die Verbindung von Magnesium und Schwefel. „Der Salzstock Sarstedt ist eines dieser seltenen Vorkommen“, hebt ein Unternehmenssprecher von K+S hervor. Das Unternehmen sei in diesem Segment Weltmarktführer. Sollte das Bergwerk Siegfried-Giesen wieder in Betrieb gehen, würde K+S dort Düngemittel aus Kaliumchlorid und Kieserit produzieren. Hierfür soll das Rohsalz bergmännisch gewonnen und über Tage in der Fabrik zu Mineraldünger aufbereitet werden. Die Produkte würde K+S dann vom Werk aus zu Kunden weltweit transportieren.

Inzwischen plant Bergwerksbetreiber K+S, bei günstiger Weltmarktlage für Düngemittel den Betrieb des vorsorglich offen gehaltenen Schachts Siegfried Giesen wieder aufzunehmen – und neben den Berg eine zweite, höher und dichter an der Wohnsiedlung liegende, nach 40 Jahren letztendlich genauso große Abraumhalde zu setzen. Der Antrag liegt seit 2015 vor. Lange zögerte der Landkreis das Vorhaben hinaus, der vor allem eine zu hohe Salzeinleitung in die Innerste verhindern will –Werra und Weser sind warnende Beispiele. Doch Umweltminister Olaf Lies (SPD) machte Anfang November 2018 per Weisung Dampf, nach dem Machtwort aus Hannover geht es nun zügiger weiter.

Mehrheit für Bergbau

Die Anwohner sorgen sich nicht nur um ihren freien Blick, sondern auch wegen des erwarteten Durchgangsverkehrs von 300 Lastwagen pro Tag und wegen des Feinstaubs vom neuen Berg, der die Luft belasten könnte. „Das ganze Dorf kriegt über den Wind die Chemie ab“, fürchtet nicht nur Schröder. Er hat sich der Bürgerinitiative (BI) „Giesen-Schacht“ angeschlossen, die die Pläne kritisch beleuchtet. Und er sieht die Mehrheit der Giesener auf seiner Seite. In dieser Woche hat die örtliche CDU die Ergebnisse einer Umfrage in der Gemeinde veröffentlicht, die Soziologen der Universität Hildesheim durchgeführt haben: Demnach ist zwar gut die Hälfte der Giesener für den erneuten Kaliabbau. Eine Mehrheit, fast 65 Prozent, sprechen sich aber gegen eine zweite große Abraumhalde aus. „Diese Differenz lässt sich trotz aller Unsicherheiten, die sich aus der Entscheidung für eine Haushalts-Online-Befragung ergeben haben, gut belegen und ist daher das wohl wichtigste inhaltliche Ergebnis der Untersuchung“, fassen die Autoren zusammen. Auffällig sei: Für die Wiedereröffnung des Schachts stimmten erheblich mehr ältere als ganz junge Leute – viele sind mit dem Bergbau aufgewachsen.

Zu denen, die eine Wiedereröffnung herbeisehnen, gehört Gerhard Pape. Er ist Landesvorsitzender der Bergmannvereine und Vorsitzender von „Hildesia“ mit rund 80 Mitgliedern in und um Giesen. „Man pflegt die Kameradschaft“, erläutert er. Bergdankgottesdienste und Umzüge in Festuniform gehören zum Brauchtum, das Pape gern wieder stärker in der Region verankern würde. Der 54-Jährige war bis zur Schließung selbst im Schacht Giesen beschäftigt und kümmert sich bei K+S nun um das ebenfalls stillgelegte Werk Sehnde (Region Hannover).

Viel Bewegung im Schacht

Manche Argumente gegen die Wiedereröffnung in Giesen gehen aus Papes Sicht an der Realität vorbei. „Deutschland ist ein Industrieland“, meint er; Düngemittel seien zudem für die Weltbevölkerung wichtig. Ähnlich argumentiert eine im vergangenen Jahr gegründete Initiative „Pro Schacht Siegfried Giesen“ um den langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten und Gewerkschaftschef Hermann Rappe, der in Sarstedt lebt. „Ich bin 100 Prozent konform mit Pro Giesen,“ bekräftigt Bergmann Pape, bevor er sich mit einem traditionellen „Glückauf“ verabschiedet.

Unter Tage ist seit 2013 einiges in Bewegung. Dutzende Mitarbeiter von K+S haben das Bergwerk bis 2017 ertüchtigt. In bis zu einem Kilometer Tiefe schlängelt sich ein weit verzweigtes Tunnelsystem durch das Salzgestein. Von der Idee, Kumpel aus Wunstorf-Bokeloh nach der Schließung des dortigen Bergwerks nach Giesen zu schicken, musste K+S allerdings Abstand nehmen. Kurz vor Weihnachten 2018 ist die unwirtschaftlich gewordene Kaliförderung in Bokeloh eingestellt worden. Ein Wiedereröffnungstermin für Giesen, das nicht mehr unwirtschaftlich erscheint, ist nicht in Sicht. Nur noch sechs Bergleute halten dort zurzeit fest die Stellung.

Zuviel Salz im Wasser

Doch es geht weiter. Nach der Weisung von Minister Lies hat der Landkreis das wasserrechtliche Einvernehmen erteilt. Wie das Landesamt für Bergbau in Hannover mitteilt, wird für eine Genehmigung im aktuellen Planfeststellungsverfahren nun die Unterlage der K+S in punkto Datenaktualität geprüft. „Anschließend muss die K+S noch einmal zu den dann abschließend formulierten Auflagen gehört werden“, erläutert ein Sprecher.

Ulrich Göbel, Sprecher von K+S in Kassel, nimmt an, dass die Behörde „demnächst“ über den Antrag des Unternehmens entscheidet. „Im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der Kaliproduktion gibt es keine Abwasserproblematik“, versichert er. Der ökologisch problematische Zustand der Innerste habe mit der Einleitung mineralisierter Haldenwässer nichts zu tun. Dagegen weist die Bürgerinitiative Giesen-Schacht darauf hin, dass das Grundwasser rund um die Althalde und das ehemalige Werksgelände stark versalzen ist. „An einer Messstation nördlich der Althalde wurde der Grenzwert sogar um das 1 200-Fache überschritten“, hielten auch die niedersächsischen Grünen in einer Anfrage im Landtag fest. Nachdem Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) besänftigend antwortete, haben sie nun eine weitere Anfrage zur Ökologie rund um Niedersachsens Kalihalden an die Landesregierung gerichtet. Besonders auch in Wathlingen (Kreis Celle) sorgen sich Anwohner seit Langem wegen einer möglichen Belastung der Umwelt.

Hunderte neue Arbeitsplätze

Bei einem Spaziergang an der Giesener Halde zeigt Maik Schröder auf einen mit grauen Schlieren durchzogenen Wasserschwall, der sich nahe dem Nachbardorf Ahrbergen in die Innerste ergießt: Jeden Tag Tausende Liter verdünntes Haldenwasser“, sagt das BI-Mitglied: „Der Beton ist schon ganz zerfressen.“ 500 Meter flussabwärts habe K+S in einer Kurve eine Messstation aufgebaut, an der ein Großteil des salzigen Wassers unbemerkt vorbeifließe. Die Mehrzahl der Messstellen betreibt das Unternehmen selbst. „Warum muss so ein Betrieb nicht, wie wir Bürger, ein Klärwerk nutzen und dafür bezahlen?“, fragt der Giesener.

Das Landesbergbauamt versichert, dass bei Neuhalden wie der geplanten strengere Auflagen für die Abdichtung gelten. „Bei der neuen Halde ist aber wieder keine Entsalzungsanlage für Abwasser vorgesehen“, kritisiert Ingo Fietz, der Vorsitzende der BI „Giesen-Schacht“. Zwar habe die Gemeinde erklärt, dass ihre eigene moderne Kläranlage mit großen zusätzlichen Mengen aus dem Kalibergbau überfordert wäre. Elektroingenieur Fietz aber meint: „Diese Investition müsste K+S bezahlen.“ Möglicherweise habe die Versalzung in dem Gebiet einen teilweise natürlichen Ursprung. Doch auch rund um die Abbauflächen in Sehnde und Wunstorf sei das Wasser besonders versalzen, was mindestens auf eine Zusatzbelastung hindeute.

Auch Fietz und seine Mitstreiter lehnen den Kalibergbau nicht ab. Immerhin hat K+S der Region gut 500 Arbeitsplätze versprochen. Was den Abraum betrifft, haben sie wie offenbar die meisten Giesener aber andere Vorstellungen. Die Kritiker der Haldenpläne sehen sich durch eine Expertise des Umweltverbandes BUND bestätigt: Anders als K+S hält der es für möglich, den Abraum vollständig in Hohlräume unter Tage zu füllen.

Im Bergwerk Siegfried-Giesensind am Donnerstag unter Tage vier Bürocontainer in Brand geraten. Die Ursache sei unklar, teilte ein Sprecher des Landesamtes für Bergbau mit. Der Brand wurde morgens gegen sechs Uhr vor Beginn der Frühschicht entdeckt, als der Schacht vor der Einfahrt der Bergleute vorschriftsmäßig überprüft wurde. Die Grubenwehr sei sofort eingefahren und habe den Brand im Bereich der Werkstatt auf der 750-Meter-Sohle gelöscht. Zum Zeitpunkt des Brandes befand sich kein Mitarbeiter des Unternehmens unter Tage. K+S hält das Reservebergwerk zurzeit mit einer Rumpfmannschaft für die Wiederinbetriebnahme offen.

Von Gabriele Schulte

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