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Der Norden Die Landfrauen locken Mitglieder – mit After-Work-Cocktails und Hollerrausch
Nachrichten Der Norden Die Landfrauen locken Mitglieder – mit After-Work-Cocktails und Hollerrausch
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17:27 26.08.2019
Profitieren von den Erfahrungen der älteren: Junge Landfrauen wie Julia Leiffer und Wiebke Bauermeister. -- Quelle: Landfrauen Celle
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Hannover

Für Sabine Jarraß ist es das erste Mal: Die Frau aus dem Rheinland, die sich jetzt auf dem Dorf im Kreis Celle niedergelassen hat, sagt: „Ich finde dieses Landleben so schön.“ Also hat sich die Architektin in Eldingen den Landfrauen angeschlossen –und heute werden die Erntekronen gebunden.

Von den 20 Frauen, die an diesem Nachmittag zwei Stunden lang in einem früheren Kuhstall an den Gebinden arbeiten, ist Jarraß die Einzige, die das zum ersten Mal macht. Die 60-jährige Jarraß lobt „vor allem diesen Zusammenhalt“. Ob Vorträge, Kino, Radtour oder Cocktailparty – bei ganz verschiedenen Aktionen hat sie sofort neue Leute kennen gelernt.

Die Landfrauen in Eldingen binden die Erntekrone für das Kreishaus Celle. Quelle: Gabriele Schulte

3700 neue Landfrauen – in einem Jahr

Die Landfrauen geben ihre Traditionen gern weiter. Und sie tun das in letzter Zeit wieder häufiger, denn niedersachsenweit haben ihre Vereine enormen Zulauf. 3700 Frauen meldeten sich bei den beiden Landesverbänden im vergangenen Jahr neu an, 2500 im größeren Niedersächsischen Landfrauenverband Hannover (NLV), 1200 beim kleineren Schwesterverband Weser-Ems.

Die beiden Frauenverbände zählen nun um die 100.000 Mitglieder und melden zudem, dass vermehrt jüngere Frauen bei den Terminen der Ortsvereine auftauchen.

Nur rund um Hannover klappt es weniger

Der Aufwärtstrend betreffe vor allem Gebiete abseits der Speckgürtel großer Städte, sagt NLV-Vorsitzende Elisabeth Brunkhorst: „Je ländlicher, desto stärker.“ So sei der Zuwachs beispielsweise in Stade und Cuxhaven, Rotenburg und dem Raum Gifhorn besonders groß. Weniger profitiert hat die Region Hannover.

„Wir kämpfen ein bisschen gegen das große Angebot der Großstädte“, sagt Margrit Tubbe-Steuerwald, Vorsitzende im Altkreis Burgdorf. Immerhin sei es gelungen, dem demografischen Wandel zu trotzen und die Mitgliederzahl bei rund 1400 stabil zu halten. Wichtig seien die Landfrauen nicht zuletzt als Stimme des ländlichen Raums – von Busverbindungen über Ärzteversorgung und Kita-Plätze bis zur Mütterrente hätten die Landfrauenverbände, die in vielen Gremien mitwirken, viel erreicht.

Der Ortsverein Eldingen im östlichen Landkreis Celle gehört zu denen, die sich keine Sorgen um Nachwuchs machen. Vor acht Jahren siegten die Frauen sogar in einem landesweiten Wettbewerb zur Mitgliederwerbung. „Wir hatten 130 Mitglieder und innerhalb eines Jahres 40 neue“, erinnert sich Vereinsvorsitzende Ilse-Anne Severloh.

Die Frauen seien von Haus zu Haus gegangen und hätten das vielfältige Angebot der Landfrauen vorgestellt. Das reicht im Kreis Celle in diesem Jahr von EDV- und Rhetorikkursen über eine Bauhaus-Führung und einen Vortrag zur Pressefreiheit bis zur Gruppenfahrt in die Provence. Dazu kommen Radtouren, Tagesfahrten, Feste.

Viele sind berufstätig – und zwar ganztags

Traditionell kochen und backen die Ortsvereine beispielsweise für den Herbstmarkt in Celle. In Eldingen haben sie ein weiteres beliebtes Fest etabliert, den „Hollerrausch“. Im Zentrum: alle Produkte aus Holunder. Dazu haben sie eigens ein kleines Kochbuch drucken lassen. Die Vorsitzende erinnert die Frauen jetzt schon daran, aus den bald reifen Holunderbeeren wieder Gelee und Säfte für den Verkauf herzustellen.

Zwar machen Bäuerinnen nur noch eine Minderheit der Mitglieder aus – die Bandbreite reicht von der Apothekerin bis zur Zahnarzthelferin. Doch auch in Zeiten, in denen viele ganztägig berufstätig sind, ist Selbstgemachtes gefragt. „Man muss rechtzeitig Bescheid sagen, dann machen alle mit,“ sagt Severloh, die früher einen Hof geführt hat.

Frauen aus Syrien kochten auch mit

Was zeitweise als altbacken galt, ist seit einiger Zeit wieder chic: aus regionalen Zutaten gesund kochen. Das schließt auch Rezepte aus anderen Ländern ein – so hatte unter anderem der Kreisverband Celle geflüchtete Frauen aus Syrien und dem Irak ermuntert, gemeinsam zu kochen und Feste zu feiern.

Aus Eldingen sind die Neubürgerinnen inzwischen wieder verschwunden. „Sie wollten in die Stadt,“ sagt Landfrau Elke Meier-Knoop, stellvertretende Bürgermeisterin der 2000-Einwohner-Gemeinde. Die 53-Jährige kocht seit Jahren mit Jungen und Mädchen an Grundschulen, am liebsten Gemüsegerichte – lange bevor Fernsehköchin Sarah Wiener das Kochen mit Kindern propagierte.

Während rund um Großstädte viele ältere Landfrauen aus den Vereinen austreten, ist das auf dem Land nicht gang und gäbe. Wenn die Eldinger Frauen zum Montagskino im Dorfgemeinschaftshaus laden, holen sie in Fahrgemeinschaften Seniorinnen aus den Nachbardörfern und aus dem Pflegeheim ab. Gleichzeitig wächst das Interesse junger Frauen an dem, was die Älteren zu vermitteln haben. Beliebt bei ihnen ist etwa ein Angebot in Eicklingen (Kreis Celle) mit einer Anleitung, von der Pike auf eine traditionelle Hochzeitssuppe zuzubereiten.

Gruppen für junge Landfrauen

Zwar ist das Durchschnittsalter der Landfrauen landesweit nur leicht auf jetzt 68 Jahre gesunken. Doch der Landesverband berichtet von einem in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Interesse junger Frauen. „Nicht zuletzt Zugezogene nutzen das als Kontaktbörse“, sagt Projektkoordinatorin Ann-Christin Schulze in Hannover.

Vielerorts fänden sich Gruppen, die sich etwa zu „After-Work-Cocktails“, zu Ausflügen oder zu Aktivitäten wie beispielsweise Schweißen und dem Bau von Holzbänken träfen. Vor Ort setzten sich die jungen Frauen auch für Belange wie eine gute Kinderbetreuung ein. Die Organisationsarbeit werde häufig auf ein Team verteilt, sodass die Einzelne nicht zu stark belastet werde.

Oft zeigen sich die „jungen Landfrauen“ ohne Altersbegrenzung für alle Interessierten offen wie im Kreisverband Celle. Dort hat Julia Leiffer (34) mit drei anderen jungen Frauen eine solche Gruppe gegründet. Innerhalb von zwei Jahren, berichtet sie, hätten sie schon rund 70 Eintrittserklärungen an den Kreisverband weitergegeben.

Da viele berufstätig und – wie sie – junge Mütter sind, werden Veranstaltungen gern auf Abende oder Wochenenden gelegt. Besonders gefragt war etwa ein Vortrag zur Altersvorsorge, beliebt seien auch Bastelnachmittage mit den Kindern.

Die jungen Landfrauen profitierten von den Erfahrungen der Älteren, sagt die Versicherungskauffrau: „Traditionen wie die Erntekrone, Geschichten, Lieder. Es geht ja sonst so viel verloren.“

„Das war gar nicht schwer“, sagt die Anfängerin

Die Frauen in Eldingen haben für die Erntekrone zwei Stunden lang Hafer und Roggen, Triticale und Weizen geschnitten, gebündelt, an einem Drahtgestell befestigt und sich nebenbei über Neues aus dem Dorf ausgetauscht. Die Vorarbeiten wie die Absprache mit den Landwirten sowie das Ernten und Trocknen des Getreides, das unreif sein muss, hatten Frauen aus dem Vorstand geleistet. „Das Binden war gar nicht schwer“, sagt Neuling Sabine Jarraß angesichts des Gemeinschaftswerks.

„Ich finde das Landleben so schön“: Sabine Jarraß, Neuling bei den Landfrauen. Quelle: Gabriele Schulte

Zum Schluss wird die Erntekrone mit sorgsam ausgewählten Schleifen mit Bienenmuster verziert. Dann gibt es zur Belohnung Kaffee und Pflaumenkuchen – selbst gebacken, das ist Ehrensache.

Das sind die Landfrauen

Vorläufer der heutigen Vereine waren die landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts von der ostelbischen Gutsherrin Elisabet Boehm ins Leben gerufen. Sie dienten der landwirtschaftlichen und kulturellen Weiterbildung. 1934 gliederte die NSDAP die Vereine in den sogenannten Reichsnährstand ein.

Der Deutsche Landfrauenverband (DLV) als Zusammenschluss der nach dem Krieg neu gegründeten Landfrauenvereine entstand 1948, ebenso der Niedersächsische Landfrauenverband (NLV) in Hannover mit damals 5000 Mitgliedern. Mit mittlerweile 70.000 Landfrauen in 269 Ortsvereinen und 39 Kreisverbänden östlich der Weser stellt der NLV den größten Mitgliedsverband im DLV. Die niedersächsischen Landfrauen westlich der Weser gehören zum Verband Weser-Ems.

„Die Landfrauen haben es geschafft, das gesamte Spektrum der Aktivitäten von Frauen im ländlichen Raum aufzugreifen“, sagt Wolfgang Kleine-Limberg, Geschäftsführer der Akademie Ländlicher Raum in Hannover: „Sie gehen den Strukturwandel mit und setzen sehr basisorientiert bei den Bedarfen und Betroffenheiten an.“

Eine Untersuchung der Agrarsozialen Gesellschaft in Göttingen im Auftrag des nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministeriums bescheinigt den Landfrauen ein besonderes Interesse an Weiterbildung – vor allem im berufsfachlichen und persönlichkeitsbildenden Bereich. „Des Weiteren ist eine große Offenheit für aktuelle und innovative Themen aus dem politischen, gesellschaftlichen und dem Gesundheitsbereich festzustellen“, heißt es in der Studie.

Von Gabriele Schulte

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