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Der Norden Landvolk-Chef sagt: „Jeder Bauer muss seine Verantwortung tragen“
Nachrichten Der Norden Landvolk-Chef sagt: „Jeder Bauer muss seine Verantwortung tragen“
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00:18 15.05.2019
Volker Hahn, Vorsitzender des Landvolk Hannover. Quelle: Foto: Katrin Kutter

Herr Hahn, Sie beklagen, dass die Landwirtschaft auf immer weniger Akzeptanz in der Bevölkerung trifft. Wie äußert sich das?

Was wir tun, wird immer mehr kritisch hinterfragt. Es hat sich eine Art Bauchgefühl in der Gesellschaft gebildet, in der vieles, was mit Landwirtschaft zu tun hat, negativ gesehen wird.

Und das liegt an der Gesellschaft? Oder an der Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft hat sicherlich Gründe geliefert, dass die Bürger kritisch mit uns umgehen. Aber ich denke auch, dass das Bewusstsein dafür verloren geht, dass wir diejenigen sind, die fürs Essen sorgen.

Aber warum geht es verloren? Weil die Betriebe immer größer werden und nichts mehr mit idyllischen Höfen zu tun haben?

Die Produktpreise bewegen sich auf demselben Niveau wie vor 30 Jahren. Die Betriebe mussten also bei einer Inflationsrate von 2 bis 3 Prozent größer werden, um ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften. Das ist politisch gewünscht. Wir leben in einer Europäischen Union mit freiem Warenaustausch.

Das mit der Betriebsgröße ist ja nicht unbedingt eine gute Entwicklung.

Nein. Das ist es nicht.

Ein Kleinbetrieb mit ein paar Hektar Land und einer Handvoll Kühen, wie es ihn vor 40 Jahren überall gab, wäre heute nicht mehr überlebensfähig?

Doch. Wenn er mit dem wenigen, was er hat, ein spezielles Angebot schafft. Mit zehn Kühen Milch für wenig Geld an die Molkerei zu liefern und davon leben zu wollen, das ist schwer. Aber wenn der Bauer sagt, er legt für die Städter Gemüse- und Blumenbeete an, mit frei laufenden Hühnern und Direktvermarktung und enger Kundenbindung, dann geht das. Aber das ist viel Arbeit.

Ist die Arbeitsüberlastung mit ein Grund dafür, dass derzeit beispielsweise so viele Sauenhalter aufhören wollen? Jeder zweite, heißt es.

Ein Kollege von mir, den ich gut kenne, hat gerade aufgehört. Psychisch fertig. Nur Arbeit, keinen Urlaub, wenig Erlöse. Und in den sozialen Medien auch noch angefeindet. Das Schlimmste ist die quälende Ungewissheit. Wir haben eine völlig unsichere Rechtslage, was das Halten von Zuchtsauen im Kastenstand angeht, jeder Kreisveterinär beurteilt das anders. Wir wissen nicht, wie es mit dem Kupieren der Schweineschwänze weitergeht und was aus der Ferkelkastration wird, der Pflicht zur Betäubung der Tiere. Wenn das alles kommt, steigen die Kosten. Und die Kollegen sind nicht mehr konkurrenzfähig.

Ich frage mich allerdings immer beim Thema Kastrieren oder Kastenstand: Muss man die Tiere den Haltungsbedingungen anpassen? Oder nicht doch die Haltungsbedingungen den Tieren?

Kein Landwirt hat was dagegen, die Tiere so natürlich wie möglich zu halten. Die Bauern, die sich vor 20 Jahren für Stallhaltung entschieden haben, haben das gemacht, weil es unter den ökonomischen Rahmenbedingungen gar nicht anders möglich war. Wir haben auch immer Angebote zu tiergerechterer Haltung gemacht, da war das Fleisch dann teurer – das hat uns aber keiner abgenommen. Wir sind von der Gesellschaft dahin gebracht worden, wo wir jetzt sind. Durch das Einkaufsverhalten.

Früher gab’s keine Kastenstände.

Früher gab’s auch keine Handys und keine Urlaubsfliegerei in den Osterferien und keine Wochenendwellnessurlaube, für die Kosten entstehen. Ich kann mir aber nicht anmaßen, einem anderen vorzuschreiben, wie er sein Geld auszugeben hat. Im Übrigen wurden Sauen früher sogar mit einem Gurt fixiert. Modernere Ställe eröffnen oft mehr Möglichkeiten hinsichtlich der Tierwohlaspekte.

Doch warum klafft der Markt so auseinander? Biogemüse läuft gut, Fleisch aus artgerechter Tierhaltung lässt sich kaum verkaufen.

Gemüse wird angebaut, geerntet und verkauft, fertig. Fleisch erfordert Verarbeitung. Und der Verbraucher kauft vielleicht mal gutes Fleisch für den Grillabend. Aber der tägliche Wurstaufstrich? Dafür zahlt er nicht das Doppelte.

Trotzdem bleibt die Frage, was die Landwirtschaft selbst tun kann.

Wenn wir glauben, dass wir Veränderungen brauchen, dann müssen wir das besprechen – und die Landwirte in die Lage versetzen, dabei zu überleben. Wenn wir es mit Gewalt machen, verlagern wir die Produktion ins Ausland.

Die Schere zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft geht auch deswegen auseinander, weil viele Menschen heute möchten, dass die Lämmer und Küken und Ferkel genauso behandelt werden wie ihre Hunde und Katzen. Die Bauern aber trennen genau zwischen Haus- und Nutztieren.

Das Problem kann ich nicht lösen. Wenn ein Mensch Fleisch essen möchte, muss es irgendwo erzeugt werden. Wenn es den Tieren so gut gehen soll wie den Haustieren, muss die Gesellschaft das auch honorieren.

Hansjoachim Hackbarth, früherer TiHo-Professor, hat mal gesagt, man dürfe Fleisch nicht über den Preis vermarkten.

Früher gab es Fleischerfachgeschäfte. Das war ein Prädikat. Gutes Fleisch für gutes Geld. Dann hat die Tönnies-Gruppe, einer der größten Schlachtbetriebe in Deutschland, ein System entwickelt, Fleisch unter Vakuum zu verpacken und zwei bis drei Tage haltbar zu machen. Tönnies ist sehr effizient. Die Fachgeschäfte sind verschwunden. Die Leute gehen zu Lidl oder zu Aldi. Doch das kann ich ihnen persönlich nicht zum Vorwurf machen.

Aber die Leute, die zu Aldi gehen, beklagen, wenn Landwirte ihre Tiere nicht artgerecht halten.

Und wie kommen wir aus dem Teufelskreis raus? Wenn wir jetzt ad hoc was verändern wollen, dann wäre das die Frage des Platzes für die Tiere. Zwei Schweine weniger, das kann jeder Bauer leisten. Im Moment sammelt der Handel pro Kilo verkauftes Fleisch 6 Cent für bessere Haltungsbedingungen ein, über die Initiative Tierwohl. Vielleicht sind es in vier oder fünf Jahren 10 oder 15 Cent, dann kann man die Haltungsbedingungen weiter verbessern. Stück für Stück. Wir dürfen den Landwirt nicht überfordern und müssen den Verbraucher mitnehmen.

Die Bauern aber geraten auch deswegen ins Kreuzfeuer, weil sie Fehler machen. Sehen Sie sich die Bilder aus den Schlachthöfen an, bei denen Landwirte kranke Tiere haben anliefern lassen.

Es bleibt nicht aus, dass man mal einen Fehler macht. Aber Tiere mit der Seilwinde auf den Wagen zu ziehen, wenn sie nicht mehr laufen können – das geht nicht. Damit diskreditieren die Tierhalter die Betriebe, die es gut machen. Ich muss mir meiner Verantwortung für das Tier bewusst sein. Es darf aber auch kein Transporteur da sein, der es wegbringt, und kein Veterinär, der wegguckt. Das ist eine Frage der inneren Haltung.

Zur Person

Volker Hahn wurde 1969 in Hannover geboren. Er ist auf einem Hof in Hagen bei Neustadt am Rübenberge aufgewachsen, der 1585 zum ersten Mal erwähnt wurde. Hahn führt die Tradition fort und leitet heute den Betrieb, der Kartoffeln anbaut und Schweine hält. Seit 2015 ist er Vorsitzender des Landvolks Hannover, zusammen mit seinem Ko-Vorsitzenden Holger Hennies. Volker Hahn ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Auch der Bauern.

Auch der Bauern. Was wir nicht zeigen können, das dürfen wir nicht tun.

Aber das sehen offenbar nicht alle Bauern so. Was ist mit der Biodiversität? Und neulich wurde der Nährstoffbericht für Niedersachsen vorgestellt: In einem Jahr 50.000 Tonnen Stickstoff mehr auf den Äckern als erlaubt. 50.000 Tonnen Gülle und Kunstdünger zu viel!

Ja, das geht nicht. Es gibt Gesetze, an die wir uns zu halten haben. Wer das bewusst ignoriert, handelt kriminell. Die Themen Biodiversität und Klimawandel nehmen wir sehr ernst. Aber es ist auch sehr komplex. Man kann nicht einfach sagen, weniger Landwirtschaft, und alles ist gut. Wir arbeiten intensiv an Vorschlägen. Ich sehe die Landwirtschaft eher als Teil der Lösung.

Das bedeutet?

In bestimmten Bereichen können wir stolz sein, bei der Reduzierung der Antibiotika zum Beispiel. Anderswo müssen wir sagen: Das können wir besser. Wir müssen uns zu grundlegenden Werten bekennen. Wir müssen, ob es um Düngung oder Pflanzenschutz oder Antibiotika geht, sagen: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Und da muss jeder Bauer seine Verantwortung tragen. Auf der anderen Seite muss der Landwirt auch merken, dass anerkannt wird, was er tut.

Von Bert Strebe

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