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Der Norden „Was soll man denn noch essen?“ – zu Besuch in dem Ort, der vom Fleisch wie kaum ein anderer lebt
Nachrichten Der Norden „Was soll man denn noch essen?“ – zu Besuch in dem Ort, der vom Fleisch wie kaum ein anderer lebt
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14:45 10.11.2019
Essen im Oldenburger Münsterland hat zwei Seiten: den idyllischen Ortskern – und die wenige Kilometer weiter ansässigen Fleischfabriken. Quelle: Sebastian Stein
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Essen

Heiner Kreßmann musste zu Beginn der Woche erst mal schlucken, als er von der Nachricht hörte. Ein Betrieb in seinem Ort könnte für die Auslieferung von Fleisch verantwortlich sein, in dem gefährliche Keime gefunden wurden. Die 8500-Einwohner-Gemeinde Essen stand wieder in den Schlagzeilen, wieder negativ. Essen im Kreis Cloppenburg ist eine Zentrale der deutschen Fleischindustrie. Und die ist einmal mehr in Verruf geraten.

Kreßmann ist der Bürgermeister des Ortes, in dem Unternehmer vom Ferkel bis zur fertigen Frikadelle alles produzieren, was mit dem Schwein zu tun hat. Für die Gemeinde sind die Steuereinnahmen durch Großbetriebe ein Segen. Zum Fluch werden die Fleischriesen immer dann, wenn sie negative Schlagzeilen machen.

Behörden legen Fleischfabriken lahm, Unternehmen reagiert nicht

So wie in der vergangenen Woche: Das Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) stoppte den Betrieb von Fleisch-Krone. Der Verarbeitungsbetrieb darf vorerst keine Wurstwaren mehr herstellen. Wenige Tage zuvor war bereits ein anderes Werk von Fleisch-Krone im 40 Kilometer entfernten Goldenstedt (Kreis Vechta) stillgelegt worden. Kontrolleure hatten in Proben von Fertigfrikadellen Listerien entdeckt, die bei Menschen die Infektionskrankheit Listeriose verursachen können. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Wegen Hygienemängeln steht das Unternehmen schon länger auf der roten Liste der Lebensmittelüberwachung.

Die Fleischfabrik in Goldenstedt (Kreis Vechta) ruht wegen des Listerienfunds schon einige Tage, nun hat es auch die Zentrale in Essen getroffen. Quelle: Sebastian Stein

Davon ist am Mittwoch im Essener Gewerbegebiet nichts zu sehen. Von außen betrachtet könnte dort alles wie immer sein: Es riecht nach Stall und Metzgerei. Landwirte mästen Schweine, Unternehmen schlachten sie und verarbeiten die Tiere zu Wurst. Allein die Fleisch-Krone-Feinkost GmbH verzeichnete 2017 einen Umsatzerlös von mehr als 85 Millionen Euro – mit knapp 450 Mitarbeitern.

An diesem Mittwoch wechseln allerdings nur die Mitarbeiter im benachbarten Schlachthof die Schicht. Die Firma Danish Crown, einer der größten Schlachtereien der Welt, teilt sich mit Krone das Fabrikgelände. Im Gebäude von Krone scheint nur die Büroetage besetzt zu sein. Auf mehrfache Bitte um eine Stellungnahme reagieren die Verantwortlichen dennoch nicht. Bislang haben sie sich nicht zu den Vorwürfen geäußert.

„Was soll man denn noch essen?“

Wenige Kilometer weiter im Essener Zentrum bekommen die Bewohner von den Schweinen und ihren Schicksalen im Alltag kaum etwas mit. Hier prägen Altbau und rote Klinker das Bild. Der um die Mittagszeit spärlich besuchte Marktplatz ist umsäumt von Eiscafé, Friseur und Bäckerei. Auch die Inhaberin der Altstadtbäckerei nimmt die Fleischindustrie in Essen normalerweise kaum war – zu weit weg vom alten Ortskern. Doch heute hat die 79-jährige Edith Wilke von den Hygieneproblemen im Radio gehört und fragt sich: „Was soll man denn noch Essen?“

Die kleine Metzgerei(rechts) in Essen setzt auf Qualität statt Quantität. Quelle: Sebastian Stein

Markus Morthorst hätte darauf eine Antwort. Er betreibt die traditionelle Metzgerei im Ort und setzt auf Qualität statt auf Masse, wenige Meter von Wilkes Bäckerei entfernt. Morthorst weiß, wie seine Schweine aufwachsen, wer seine Auslagen reinigt, wer seine Wurst produziert. Die Nachfrage sei gut, trotz der höheren Preise. Und die Leute müssten nicht jeden Tag Fleisch essen, auch wenn das gut für sein Geschäft wäre. Über die Probleme bei der Billig- und Großkonkurrenz ärgert sich Morthorst dennoch: „Das wirft ein schlechtes Licht auf die Branche.“ Das Problem mit Listerien, sagt er, kennt er noch aus einer Zeit, in der er noch selbst bei einem Großbetrieb gearbeitet hat.

Listeriose ist eine meldepflichtige Krankheit

In Niedersachsen gab es in diesem Jahr 52 Fälle von Listeriose, nicht mehr als in den Jahren zuvor. Eine Infektion, die auf Frikadellen von Krone zurückgeführt wird, ist bisher nicht nachgewiesen. Dennoch prüfen Landesamt für Verbraucherschutz und Agrarministerium den Entzug der Zulassung. Der Unternehmer habe nicht belegen können, dass er bei Eigenkontrollen festgestellte Listerien-Funde der amtlichen Lebensmittelkontrolle gemeldet hatte. Dazu war er nach Verstößen gegen Hygienevorschriften verpflichtet worden.

Listeriose ist eine meldepflichtige Krankheit. Denn die Bakterien können vor allem für Schwangere und ältere Menschen tatsächlich tödlich enden. Im Fleischskandal um die hessische Firma Wilke könnten sie laut Ermittler für den Tod von drei Menschen und fast 40 Krankheitsfälle verantwortlich sein.

Fleisch lieben die Deutschen aber immer noch, am liebsten billig. Der Fleischkonsum nimmt zwar tendenziell etwas ab, liegt aber pro Kopf noch bei mehr als 60 Kilogramm pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon ist Schweinefleisch. Deutsche Unternehmen schlachteten im vergangenen Jahr fast 57 Millionen Tiere. Die Massenbetriebe hätten ihre Existenzberechtigung, sagt der Essener Bürgermeister Kreßmann. „Denn die Nachfrage ist da, Fleisch ist heute etwas Alltägliches.“ Es sei etwas zu kurz gedacht, wenn man sagt, das solle hier nicht vor Ort produziert werden. Für das Wohlbefinden der Menschen wünscht sich Kreßmann aber, dass das Problem in Essen schnell bereinigt wird.

Fleisch-Krone hat seinen Sitz im Essener Gewerbegebiet – direkt daneben liegt die Schlachtfabrik Danish Crown. Quelle: Sebastian Stein

Geringer Verdienst und schäbige Unterkunft für Arbeiter

Das Geschäft mit dem Fleisch hat die Region reich gemacht. Es bringt sie aber immer wieder auch in Verruf. Es ist nicht lange her, da stand nicht die Gesundheit der Verbraucher, sondern die der Arbeiter im Fokus. Viele Fleischfirmen agieren mit sogenannten Werkverträgen. Sie beauftragen Subunternehmen, die vorwiegend osteuropäische Arbeiter anwerben, mit wenig Geld entlohnen und teilweise in schäbigen Häusern unterbringen.

Essen hat eine besonders hohe Quote an osteuropäischen Einwohnern, der Anteil an Bürgern aus dem Ausland in der Gemeinde liegt insgesamt bei 22,8 Prozent. Das zeigt sich nicht zuletzt an einem kleinen Detail: In der Einkaufsstraße bietet ein Laden rumänische Spezialitäten an. Bürgermeister Kreßmann meint, das Bild im Ort habe sich in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert. Viele Arbeiter seien mittlerweile ansässig im Ort, ihre Familien nachgezogen, ihre Kinder in der Schule. Die Integrationsarbeit laufe erfolgreich und auch bei den Verträgen und Unterkünften sei nachgebessert worden.

Der Fleischfabrikant stand schon einmal vor Gericht

Es sind fast immer die gleichen, die profitieren. Die Geschäftsführer von Fleisch-Krone sind Herbert und Norbert Dreckmann. Letzterer war auch der Geschäftsführer des benachbarten Schlachthofes. Bis zur Übernahme durch Danish Crown vor einigen Jahren hieß der Betrieb D+S Fleisch und war wegen der schlechten Arbeitsverhältnisse in Verruf geraten. Anfang des Jahrtausends standen Herbert Dreckmann, ein weiterer Geschäftsführer und der Leiter eines Subunternehmens wegen illegaler Beschäftigung von Ausländern und Betrugs der Sozialkassen vor Gericht. Dreckmann erhielt eine hohe Geld- und Bewährungsstrafe. Die beiden Kollegen wanderten ins Gefängnis.

Fleischindustrie sorgt für Gewerbesteuern

Trotz aller Skandale bleibt die Fleischindustrie enorm wichtig für die Region. Zehn Millionen Euro nahm alleine das kleine Essen im vergangenen Jahr an Gewerbesteuern ein und ist damit – gemessen an seiner Einwohnerzahl – eine der finanzkräftigsten Kommunen im Land. „Das ist ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt Bürgermeister Kreßmann. Für den großen Schlachthof, der eine Menge Abwasser produziert, rüstete der Ort sogar die Kläranlage auf. Würde nur ein Betrieb in Essen wegfallen, wären auf einen Schlag Hunderte Menschen arbeitslos, nicht nur Leiharbeiter.

Vorerst ruht der Betrieb von Fleisch-Krone. Bis das Unternehmen nachweisen kann, dass es wieder sichere Lebensmittel herstellt, heißt es vom zuständigen Landkreis Cloppenburg. Demnach scheint es aber schwierig, die Quelle von Listerien in einer Fabrik überhaupt zu ermitteln. Sollte das Unternehmen dazu nicht in der Lage sein, droht der vollständige Entzug der Betriebserlaubnis. Bis dahin wird Bürgermeister Kreßmann wohl noch einige Nachrichten über seine Gemeinde hören.

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Von Sebastian Stein

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