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Der Norden Kampfschwimmer sind weltweit meist geheim unterwegs
Nachrichten Der Norden Kampfschwimmer sind weltweit meist geheim unterwegs
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20:58 15.01.2020
Training für den Einsatzfall: Kampfschwimmer vom Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM) gehen mit ihren Sturmgewehren bei einer Übung aus der Ostsee an Land. Quelle: Carsten Rehder/dpa
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Eckernförde

Kaum ein Wort löst die Spannung, nur Schritte und das Atmen unter dem schweren Marschgepäck der Soldaten sind zu hören. Plötzlich Schüsse. Der Gegner hat die zwölf Kampfschwimmer bei der Annäherung an ihr Zielobjekt entdeckt. In kleinen Gruppen gehen die Soldaten in Deckung und wehren sich mit heftigen Feuerstößen. Rauchbomben bilden eine Wand aus weißem Nebel, die dem Gegner die Sicht nehmen soll. Die Männer geben sich gegenseitig Feuerschutz und setzen sich in ein kleines Waldstück ab. Der Funker hat da schon seine Meldung abgegeben: „Troops in Contact“, Soldaten mit Feindkontakt. Bei einem echten Einsatz wäre nun Alarm. Doch der Kampf der Spezialkräfte auf dem Standortübungsplatz Christianshöh an der deutschen Ostseeküste ist lediglich ein Training für den nächsten Einsatz, der die Soldaten nach Niger in Westafrika führen wird.

Älteste Spezialeinheit der Bundeswehr

Dort bildet das Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM), das von den Kampfschwimmern gebildet wird, nigrische Spezialkräfte für Einsätze gegen islamistische Terroristen und kriminelle Banden aus. Die Kampfschwimmer sind die älteste Spezialeinheit der Bundeswehr und haben ihre Heimat im Marinestützpunkt Eckernförde, direkt an der Ostsee. Die Ausbildung dauert drei Jahre und steht auch Zivilisten ohne militärische Vorbildung offen. Die Auslese ist hart, es gibt weniger als 100 Kampfschwimmer in der Bundeswehr. Der Auftrag im Niger läuft als „Operation Gazelle“ und hat schon einmal Schlagzeilen gemacht, weil es auf der politischen Bühne in Berlin Streit um die Frage gab, ob für die Ausbildungshilfe, bei der keine Beteiligung an Kampfhandlungen vorgesehen ist, ein Bundestagsmandat erforderlich ist.

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Einsätze nicht nur auf dem Wasser

Kampfschwimmer in der Wüste? Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Die Spezialisierung auf das Wasser dient lediglich der Anreise in das Einsatzgebiet, das wie bei den militärischen Partnern der US Navy Seals in Siedlungen, im Gebirge, in einem Wald oder eben in einer Wüste liegen kann. Grob gesagt die Hälfte der Menschheit lebt in küstennahen Gebieten, die strategisch überaus wichtig sind. Und in den Seegebieten davor kann man sich politisch weitgehend unproblematisch bewegen oder eben für Einsätze bereithalten.

Die Befreiung deutscher Geiseln und eine „robuste Evakuierung“ aus einem Krisengebiet gegen bewaffneten Widerstand können zu den Aufträgen gehören. Oder das Entern von Schiffen gegen Widerstand, um Piraten zu stellen und Verschleppte in Sicherheit zu bringen. Zu den Aufgaben gehören auch die Festnahme Gesuchter und die „Spezialaufklärung“, die Informationen aus Satellitenaufnahmen mit einem verdeckten Besuch am Ort des Geschehens überprüft und ergänzt. Zudem können die Kommandosoldaten im Ernstfall zur Sabotage oder Zerstörung von Anlagen und Infrastruktur eines Gegners eingesetzt werden.

Die Kampfschwimmer (hier bei einer Übung) sind zwar speziell für Einsätze im Wasser ausgebildet, aber immer auch auf dem Land unterwegs. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Harte Ausbildung und nicht genügend Anwärter

Zur Ausbildung gehört auch der drei Wochen dauernde sogenannte Überlebenslehrgang, bei dem sich die Anwärter mit selbst gebauter Ausrüstung und von Verfolgern bedrängt über eine weite Strecke durchschlagen müssen. Abschluss ist ein 36-stündiges Verhör. Es ist eine der härtesten Ausbildungen in der Bundeswehr und geht nah an die Grenze dessen, was man in einem freiheitlich-demokratischen Staat Bürgern in Uniform zumuten kann.

Weibliche Anwärter sind zwar explizit gewünscht, und vor einigen Jahren ist auch eine Frau angetreten – hat aber nach einer Woche aus freien Stücken verzichtet. Jedes Jahr werden fünf bis sechs Kampfschwimmer ernannt. Um alle Stellen besetzen zu können, müssten es mehr sein.

Öffentlich wird wenig über Einsätze bekannt

Das Ziel in Eckernförde ist es, binnen 30 Stunden an jeden Ort der Welt verlegbar sein. Öffentlich sprechen Regierung und Bundeswehr nicht darüber, wo die Spezialkräfte in den vergangenen Jahren genau im Einsatz waren. Der Bundestag wird nur „in vertraulicher Sitzung“ über diese Einsätze informiert. Knapp 20 Leute sind ein Einsatztrupp, je vier Leute ein sogenanntes Fireteam. Immer bei einem Einsatz dabei sind ein Teamführer, ein Funker, ein Sanitäter. Es können auch Ärzte im Team sein, Übersetzer oder Experten für eine Beweissicherung. In der Öffentlichkeit wird über Einsätze von Spezialkräften wenig bekannt. Das war vor gut zehn Jahren anders, als Piraten den deutschen Frachter „Hansa Stavanger“ entführt hatten. Der Befreiungseinsatz wurde letztlich abgebrochen – wegen der Gefahr eines Scheiterns, aber auch nach einem Kompetenzgerangel in der Bundesregierung, ob die GSG 9 der Bundespolizei oder die Kampfschwimmer die Aufgabe übernehmen sollten.

Angst wird zur Seite geschoben

Stets ist das möglichst unerkannte sogenannte Einsickern das Ziel der Kampfschwimmer. Wenn es schon bei der Annäherung zur Entdeckung kommt, ist etwas schiefgelaufen. „In solchen Situationen heißt es weg, weg, weg. Zur Not werden auch Teile der Ausrüstung abgeworfen. Mindestens zehn Kilo bleiben im sogenannten Daypack am Mann. Die Waffen sowieso“, erzählt Kampfschwimmer Tilo Baier (38), der die Übung auf dem Übungsplatz Christianshöh verfolgt. Die Teamarbeit sei für ihn ein wichtiges Merkmal seines Jobs. „Ich dachte damals auch an die Geisellagen“, fügt Baier hinzu. Die muss doch jemand rausholen können, dachte ich.“ Und was ist mit der Angst? „Wir schieben die Sorge mit Professionalität immer weiter zur Seite, weg von uns.“ Hat er sich mit dem Töten befasst? „Es geht hier um die Frage, ob der Einsatz an sich richtig ist“, sagt Baier. „Ich gehe nicht in den Einsatz mit der Absicht, jemanden zu erschießen. Werden wir angegriffen, reagieren wir. Es ist wie eine Notwehrsituation.“ Und: „Ich selbst habe keinen Schuss abgefeuert, der töten sollte. Ich wehre mich und verarzte die Leute dann. So mache ich das mit mir aus.“

Neue Bedrohungen sind aufgetreten

Dabei hat sich die Bedrohungslage geändert. KSM-Kommandeur Sven Rump spricht von einem mittlerweile sehr komplexen Umfeld. „Wir haben große Nationen, die in vielen Teilen dieser Welt als Konkurrenz zum Nato-Bündnis auftreten. Und wir haben sehr gut ausgerüstete internationale kriminelle Organisationen bis hin zu Terrororganisationen“, sagt er. „Drohnen zum Beispiel sind für jeden erhältlich und können mit ein bisschen Knowhow zu ferngelenkten Waffen umgebaut werden. Man merkt schon, dass in den Netzwerken und Strukturen dahinter auch intelligente Leute sitzen“. Für das Ziel, Terror zu verbreiten, reiche es.

Sven Rump ist Kommandeur der Spezialkräfte Marine am Stützpunkt der Einheit in Eckernförde. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Helfer im Hintergrund

Bis Mitte dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl der Dienstposten im Kommando Spezialkräfte der Marine etwa verdoppeln. „Wir rechnen also mit einem Aufwuchs bis zu ungefähr 600 Dienstposten. Die meisten sagen dann: ,Ihr habt doch jetzt schon Nachwuchssorgen. Ihr schafft leere Hülsen.‘ Das ist nicht der Fall“, sagt Rump. Nötig seien all die Unterstützungskräfte, die den Einsatz von Kampfschwimmern erst möglich machen. Auf einen Schwimmer kommen sieben weitere Spezialisten, darunter auch Frauen. Beispiel Medizin: Für Verletzung und Notfälle wird ein sogenanntes SOMS-Team („Special Operations Medical Support Team“) bereitgehalten. Notfalls sollen sie sich mit Waffengewalt zu den Verletzten vorkämpfen. Ein Arzt, ein Rettungsassistent und zwei Notfallsanitäter stehen dafür bereit. Das Bootseinsatzteam bringt die Kampfschwimmer in Festrumpfschlauchbooten mit mehr als 1000 PS Leistung zum Einsatz. Und in Eckernförde gehören 22 Experten zu einer Gruppe für die Weiterentwicklung der Technik: Waffen, Fahrzeuge, Tauchgeräte, Unterwasserscooter, das sind Geräte, die Taucher über weite Strecken ziehen können.

Wenn Spezialkräfte der Bundeswehr (hier bei einer Übung an der Ostsee) im Einsatz sind, hat das immer auch politische Brisanz. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Einsätze mit hoher politischer Bedeutung

„Wenn man mit Spezialkräften kommt, will man nicht mehr deeskalieren. Man will sich militärisch durchsetzen. Man will die Aufgabe schnell und chirurgisch erledigen, wo reguläre Streitkräfte noch nicht oder nicht mehr zum Einsatz kommen“, sagt Marinesprecher Bastian Fischborn. „Die Geheimhaltung soll verhindern, dass die eingesetzten Soldaten und ihre Schutzbefohlenen gefährdet werden.“ Meist ist der Einsatz auch für Regierungsstellen brenzlig. „Einsätze von Spezialkräften haben immer eine hohe politische Bedeutung“, betont Fischborn. „Denn sie zeigen, dass es in einem anderen Land schlecht läuft und dass die Regierung dort die Lage nicht mehr selbst regeln kann. Also muss einer Regierung immer bewusst sein, welches Signal sie mit dem Einsatz von Spezialkräften sendet, falls er öffentlich wird.“

Kampfschwimmer gab es auch in der DDR

Auch die DDR hatte Kampfschwimmer, die in Kühlungsborn an der Ostsee stationiert waren. Nach der Wende kam ein Anruf von dort. Schließlich fuhren Kampfschwimmer aus Eckernförde über die innerdeutsche Grenze und trafen ihre bisherigen Gegner. Denen war eine legendäre Härte nachgesagt worden. Nach der Wende wurde aber klar, dass sie praktisch keine Ausrüstung hatten.

Technische Neuerungen werfen Fragen auf

Bis zu 60 Kilogramm muss ein Kampfschwimmer heute in den Einsatz tragen: In der Hightechwelt ist einiges an Gewicht dazugekommen. So die Brennstoffzelle „Jenny“. Sie soll den gestiegenen Strombedarf für Nachtsichtgeräte, Computer und Funkverbindungen liefern. Die Technisierung bietet Chancen, wirft aber auch neue Fragen auf. Bisher hat ein Militärführer sich einen Auftrag abgeholt und ihn dann umgesetzt. Nun können die Führungsstäbe live dabei sein. Die Funkgeräte senden einen Geocode. Soldaten sind Punkte auf einer Landkarte. Vielleicht kreist auch eine Drohne am Himmel. Im Notfall kann das Chancen bieten – so können etwa Ärzte bei Verwundungen live dazugeschaltet werden. Doch auch die Versuchung, aus der Ferne in den laufenden Einsatz einzugreifen, kann größer werden.

Von Carsten Hoffmann