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Der Norden Wie viel Sprengstoff steckt im Nordsee-Fisch?
Nachrichten Der Norden Wie viel Sprengstoff steckt im Nordsee-Fisch?
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00:20 22.10.2018
Das Forschungsschiff Heincke des Alfed-Wegener-Instituts geht auf Expedition in der Nordsee Quelle: Marc Petrikowski
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Bremerhaven

Immer wieder werden in der Nordsee Munitionsreste gefunden – jetzt werden die Altlasten aus der Nachkriegszeit erstmals systematisch untersucht. Forscher aus Bremerhaven stellten am Freitag das internationale Projekt „North Sea Wrecks“ vor, das vom Deutschen Schifffahrtsmuseum koordiniert wird. „Nach dem Zweiten Weltkrieg dachte man, das Meer sei eine Müllkippe“, sagte Leiterin Sunhild Kleingärtner. „Jetzt holt uns die Vergangenheit ein.“ Die auf vier Jahre angelegten Untersuchungen rund um Schiffs- und Flugzeugwracks, im Meer deponierte und verlorene Ladung sollen zu Empfehlungen führen, wie mit den gefährlichen Hinterlassenschaften umzugehen ist und wo dringend Munition geborgen werden muss. Beteiligt sind auch Belgien, Dänemark und die Niederlande.

Nach den Erkenntnissen einer Bund-Länder-Kommission lagern im deutschen Nordsee- und Ostseegewässer mehr als 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition –verladen auf einen Güterzug wäre dieser mehr als 3000 Kilometer lang. In der Nordsee hatten die Briten und Amerikaner Kampfstoffe versenkt, in der Ostsee vor allem die Russen – in diesem Fall auch chemische Waffen. Für den Ostseeraum gibt es bereits Untersuchungen zu belasteten Fischen und Muscheln. Von Bremerhaven aus sollen die Folgen nun in der Nordsee untersucht werden. Dort herrscht eine ganz andere Strömungsdynamik. Kleingärtner hob hervor, dass die raue See den Abrieb auf den Munitionsresten verstärke. „Das ist wie bei Schmirgelpapier“, meinte sie. Dadurch müsse vermutlich schneller reagiert werden als in der ruhigeren Ostsee. Der zunehmende Rost an den Munitionshüllen verstärke die Gefahr zusätzlich.

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Sprengstoffreste lagern sich in Organen an

Wie Meeresbiologe Matthias Brenner vom beteiligten Alfred-Wegener-Institut erläuterte, wird sich das Forschungsschiff Heincke auf den Weg zu einem Wrack machen, um ausgesetzte Muscheln auf Gewebeveränderungen zu untersuchen. Zusätzlich würden Plattfische, die als besonders standorttreu gelten, auf Tumore oder andere Veränderungen an Leber und Nieren überprüft. TNT reichere sich besonders in der Gallenblase an. „Bei Fischen kann man von richtigen Krankheiten sprechen“, sagte Brenner. Zu befürchten sei, dass die giftigen Abbauprodukte des Sprengstoffs über die Nahrung auch bei den Menschen ankommt.

Das Schifffahrtsmuseum kann bei der Kartierung auf sein umfangreiches Archiv zurückgreifen. „Insgesamt werden in der Nordsee mehrere tausend Wracks vermutet“, sagte Kleingärtner. Wie viele davon Munition an Bord haben, sei zu klären. Eine Wanderausstellung soll anschließend die Öffentlichkeit informieren. Die Ergebnisse könnten sich auch auf Tourismus und Schifffahrt auswirken. Nicht überall werde die Munition entfernt werden können, sagte Kleingärtner. Mancherorts könnte es sogar besser sein, nicht daran zu rühren: „Dort sollten dann lieber nur noch Schiffe mit geringem Tiefgang fahren.“

Von Gabriele Schulte