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Der Norden So machte die Polizei vor 54 Jahren Jagd auf Temposünder
Nachrichten Der Norden So machte die Polizei vor 54 Jahren Jagd auf Temposünder
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10:29 27.02.2019
„Und dann wurden wir auf die Menschheit losgelassen“: Heinz Scholze war Teilnehmer des zweiten Radarlehrgangs in Niedersachsen. Quelle: Rainer Droese
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Hannover

Viel Platz bietet der Innenraum des alten Bullis nicht. Heinz Scholze hockt auf einem kleinen Schemel, vor ihm ein Schreibtisch. Einen Großteil des Tischs bedeckt ein Gerät mit allerhand Knöpfen, Rädchen und einem Zeiger, der ausschlägt, wenn ein Auto zu schnell vorbeifährt. Links von dem Radarmesser ist auf dem Tisch gerade noch genug Platz für ein DIN-A4-Papier, auf dem Scholze Kennzeichen und Geschwindigkeit des Rasers notiert.

All das ist viele Jahre her. Der 89-jährige Scholze, Hauptwachtmeister außer Dienst, ist schon vor 30 Jahren in den Ruhestand gegangen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten, die mit der neuen Messanlage VRG2 Temposünder geblitzt haben – mobil, aus einem Bulli heraus. Ein hellblauer T1 war der erste Wagen, den die Polizei in Niedersachsen als Radarblitzer zu Schulungszwecken nutzte. 54 Jahre lang war er unbeachtet in Scheunen und Garagen untergestellt. Jetzt ist er wieder aufgetaucht.

Den Stolz kann Tobias Twele, Projektleiter von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer nicht verbergen. „Es ist eine große Freude, diesen seltenen Bulli nun in unserer Sammlung zu haben“, sagt er. Zwar komme es in Hannover schon mal häufiger vor, dass Privatbesitzer alte Bullis verkaufen wollen, sagt Twele. Doch beim Baujahr 1953 hat er gleich aufgehorcht. Der Verkäufer schickte ihm dann Fotos, auf denen ein Loch in der linken D-Säule zu erkennen war – für das Blitzgerät. „Da wusste ich: Damit hat es irgendwas auf sich“, sagt er. Er hat dann beim Polizeimuseum Niedersachsen angerufen – „die waren genauso aufgeregt wie ich.“

Bulli stand in Lenthe, Empelde und Badenstedt

Acht Jahre lang nutzte die Polizei den Bulli im Streifendienst, ab 1961 diente er als Schulungsfahrzeug für die Radarlehrgänge. 1964 wurde er ausgesondert, ein Kfz-Mechatroniker kaufte den Wagen und wollte ihn eigentlich restaurieren. Doch dazu kam es nie. Der Bulli stand eine Weile in einer Scheune in Lenthe, anschließend 20 Jahre in einer Schmiede in Empelde und die vergangenen zehn Jahre beim Sohn des Käufers in einer Garage in Badenstedt. Weil auch der Sohn nie die Zeit fand, den Bulli zu restaurieren, verkaufte er ihn im Originalzustand an VW Nutzfahrzeuge. Und auch nach 54 Jahren Standzeit reichten eine neue Starterbatterie und ein Ölwechsel aus, schon sprang der Motor wieder an. Dazu gab es neue Möbel für den Innenraum, und die Physikalisch-Technische Bundesanstalt Braunschweig steuerte die passende Radaranlage als Leihgabe bei. Mehr durfte an dem Wagen aber auch nicht gemacht werden: „Wir erneuern den Lack oder das Blech nicht, weil wir die authentischen Spuren erhalten wollen“, sagt Twele – selbst die Staubschicht findet er wertvoll.

Seltener Scheunenfund: Der erste Bulli, der als Radarblitzer in Niedersachsen im Einsatz war ist jetzt Teil der Sammlung von Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Hauptwachtmeister Scholze, der sich selbst noch lieber als Schutzmann denn als Polizist bezeichnet, nahm 1961 am zweiten Radarlehrgang in Niedersachsen teil. „Das war absolutes Neuland“, sagt der 89-Jährige. Erst am 15. Februar 1959, also vor ziemlich genau 60 Jahren, fand die allererste Radarmessung in Deutschland statt. Zuvor hatte die Polizei die Geschwindigkeit von Autos noch per Stoppuhr gemessen. An dem neuen Gerät wurden Polizisten zwei Wochen lang geschult. „Und dann wurden wir auf die Menschheit losgelassen – sehr zum Nachteil der Verkehrsteilnehmer“, sagt Scholze und grinst. Nach einiger Zeit habe er das Tempo vorbeifahrender Autos beinahe auf den Stundenkilometer genau schätzen können, erzählt er stolz. „Wenn man da mutterseelenallein im Wagen sitzt und nur das Summen des Geräts hört, dann lernt man das irgendwann“, sagt er.

Wilde Ausreden der Temposünder

Die wildesten Ausreden hat Scholze natürlich auch gehört, von „Ich habe das Schild übersehen“ bis „Meine Frau erwartet ein Kind“. Doch einmal habe er selbst ein Ortsschild übersehen – und wurde prompt mit Tempo 83 im Ort geblitzt. Vier Wochen Fahrverbot waren die Folge. „Was soll’s?“, sagt der 89-Jährige heute. „Seitdem achte ich immer tunlichst auf meinen Tacho.“

Der Bulli ist ab dem 10. April auf der Techno Classica in Essen zu sehen. Die Oldtimersammlung von VW Nutzfahrzeuge ist derzeit nicht öffentlich.

Die Geschichte der Radarmessung

Von 1953 bis 1957: Es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Straßenverkehrsordnung schreibt lediglich vor, dass der Fahrzeugführer die Fahrgeschwindigkeit so einzurichten habe, dass er jederzeit in der Lage ist, seinen Verpflichtungen im Verkehr Genüge zu leisten.

1956: Telefunken stellt auf der Polizeiausstellung in Essen das erste Verkehrsradargerät VRG1 vor.

1957: Ab dem 1. September gilt Tempo 50 innerhalb geschlossener Ortschaften.

1958: Die Phsyikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) erteilt die Freigabe für den Nachfolger VRG2.

1959:Am 15. Februar findet die erste offizielle Radarmessung in Deutschland statt – an einer Straße zwischen Düsseldorf und Ratingen.

1961:Das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover beginnen damit, Polizisten für die Radarmessung zu schulen.

1972: Tempo 100 wird auf Bundes- und Landesstraßen eingeführt.

2019: Aktuell gibt es 4.666 fest installiere Blitzer in Deutschland, davon 508 in Niedersachsen.

Von Johanna Stein

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