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Der Norden Das System der Rinderschänder? Zwei Ex-Mitarbeiter eines Milchbauern erzählen
Nachrichten Der Norden Das System der Rinderschänder? Zwei Ex-Mitarbeiter eines Milchbauern erzählen
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00:15 31.05.2019
Aufgenommen mit versteckter Kamera: Rinder werden illegal auf Hänger gezerrt. Quelle: Soko Tierschutz
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Stade

Jonny und Christin bestellen sich je eine Ofenkartoffel. Nein, kein Fleisch, sagen sie, nur die Kartoffel. Es ist nicht so, dass die beiden Vegetarier wären. Sie reden bloß gerade über kranke Kühe und halbtote Kühe und ganz tote Kühe. Irgendwie schmeckt es dann nicht richtig. „Ich bin auch etwas vorsichtig geworden, was meinen Milchkonsum angeht“, sagt Jonny. Er grinst. Es ist kein fröhliches Grinsen.

Jonny und Christin, 29 und 22 Jahre alt, heißen nicht Jonny und Christin, aber ihre richtigen Namen tun nichts zur Sache. Zur Sache tut: Sie haben bis vor Kurzem bei einem Milchbauern im Kreis Stade gearbeitet, aber sie haben es nicht mehr ausgehalten, wie dort mit den Rindern umgegangen wurde. Sie erzählen von verendeten Kühen mit Pansenazidose, einer Krankheit, die durch schlechtes Futter entsteht. Sie schildern, wie eine Kuh auf dem Hof lag und nicht mehr hochkam, und sie wurde einfach liegengelassen, eine Woche lang. Sie berichten von toten Tieren, die der Chef am Ende mit dem Radlader aus dem Stall geholt hat. „Zwei Drittel der Bauern sind vernünftig“, sagt Jonny. „Für ein Drittel ist das Vieh nur eine Geldquelle.“

Tierrechtler dokumentieren Misshandlungen

Dass es Bauern gibt, denen das Lebewesen Tier ziemlich egal zu sein scheint, würde auch Friedrich Mülln unterschreiben. Es ist sein Job, solche Menschen auffliegen zu lassen. Mülln leitet die Soko Tierschutz aus Bayern. Soko, das klingt nach offizieller Ermittlungstruppe – das ist sie nicht, die Soko Tierschutz ist ein privater Tierrechtsverein. Aber ein erfolgreicher.

Seit 2013 dokumentiert der Verein, meist mit heimlich gedrehten Videos und mit verdeckten Informanten wie Jonny und Christin, Verstöße gegen den Tierschutz bei Nutztieren. Zuletzt hatte der Verein sieben Schlachthöfe im Visier. Sechs davon – in Fürstenfeldbruck, Eschweiler, Tauberbischofsheim, Hohengöhren im Kreis Stendal und in Bad Iburg und in Düdenbüttel bei Stade in Niedersachsen – sind inzwischen geschlossen.

Kranke Rinder geschlachtet

Düdenbüttel war der letzte Fall. Ein kleiner Betrieb am Ende einer Straße mit ein paar Wohnhäusern und dem Friedhof des Ortes, eine wortkarge Betreiberfamilie, drei Generationen. Nur gut 9000 Tiere wurden hier im Jahr geschlachtet, die allermeisten waren Rinder. Aber auch Rinder, die man nicht schlachten darf.

Nutztiere, die krank sind oder die nicht aus eigener Kraft auf einen Hänger gehen können, darf man nicht schlachten. Man darf sie nicht mal transportieren. Unter strengen Auflagen ist eine Notschlachtung auf dem Hof möglich, im schlimmsten Fall muss das Tier getötet werden und kommt in die Tierkörperbeseitigung.

Steckt System hinter der Quälerei?

Das Problem ist: Notschlachten und Töten kostet Geld. Das Tier illegal zum Schlachthof zu schaffen, bringt vielleicht noch ein paar Euro. „Es war ein stehender Spruch bei uns“, sagt Jonny: „Wenn die Kuh nicht mehr laufen kann, kommt sie nach Düdenbüttel.“ Denn in Düdenbüttel hat man solche Tiere angenommen. Und so kam es zu Bildern wie denen, die die Soko Tierschutz aus Düdenbüttel und aus Bad Iburg und von anderswoher verbreitet hat: verletzte Kühe, mit Seilwinden auf den oder vom Hänger gezerrt, mit Mistforken und Elektroschockern traktiert. Blutende Wunden, ausgerenkte Glieder, und die Schlachtungen wurden dann manchmal auch noch schlampig ausgeführt. Kurz: Tierquälerei.

Friedrich Mülln, Gründer der Soko Tierschutz. Quelle: Moritz Frankenberg

Steckt ein System dahinter? „Ja“, sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Es gehe in diesen Fällen oft um „Downer“, ausgelaugte Kühe, verbraucht durch viel Milchgeben in kurzer Zeit, wundgelegen im Stall, krank durch minderwertiges Futter. Mülln schätzt, „sehr konservativ“, dass es in Deutschland 100.000 Tiere im Jahr treffe. Der Bauer wolle noch etwas Geld rausschlagen, Tiertransporteur und Schlachthof machten mit. Und die Veterinäre, die alles zu beaufsichtigen hätten, guckten weg.

„Das sind keine Kollegen“

Aber etwas hat sich verändert. Früher wurden solche Fälle oft totgeschwiegen. Jetzt sagt Johann Knabbe, Kreislandwirt in Stade: „Wer so etwas macht, ist für mich kein Berufskollege mehr.“ Und im Kreishaus zu Stade sitzt Nicole Streitz, Dezernentin auch fürs Veterinärwesen, und erzählt von der Aufarbeitung des Falls, von stundenlangen Videosichtungen, von aus dem Handel zurückgeholtem Fleisch.

Die Dezernentin stellt sich klar hinter ihre Veterinäre, denen von der Soko Tierschutz Versagen vorgeworfen wird. Aber sie hat nicht nur den Schlachthof gesperrt (der inzwischen seine Zulassung selbst zurückgegeben hat), sie hat auch Anzeige erstattet. Gegen den Betreiber und gegen Bauern und Transporteure. Bezogen darauf, dass Tierschutz heute ein größeres Gewicht hat als früher, sagte sie trocken: „Da haben wohl manche den Wertewandel nicht mitbekommen.“

Landwirte widersprechen

Könnte stimmen: Ein Bauer, der in Düdenbüttel Tiere angeliefert haben soll, klagt, es werde alles verdreht dargestellt. Ein anderer sagt, er sage nichts, schimpft dann auf die Soko Tierschutz und befindet, die hätten doch keine Ahnung.

Nicole Streitz will jetzt noch deutlich öfter als bisher unangemeldete Tierschutzkontrollen veranstalten. Und wenn die Staatsanwälte nicht alles verfolgen sollten, was die Dezernentin für verfolgenswert hält, dann kann sie immer noch Bußgeld wegen diverser Ordnungswidrigkeiten verhängen. Und das wird sie tun.

Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz sagt, es gebe noch etwa 30 Schlachthöfe in Deutschland, die nach dem Prinzip von Bad Iburg und Düdenbüttel illegal kranke Tiere schlachteten. Es seien meist kleine Betriebe. Mülln möchte nicht, dass die kleinen schließen und es nur noch Fleischkonzerne gibt (im Grunde möchte er, dass es gar keine Schlachthöfe gibt). Aber er möchte vor allem nicht, dass Tiere gequält werden. Er bleibe dran, sagt er.

Viele Veterinäre wollen nicht in den Schlachthof

Es ist keine Entschuldigung für die Schlachthofskandale, nur eine Erklärung: Manche Bauern, sagt Michael Kühne, Professor für Veterinärmedizin und Leiter der Abteilung für Verbraucherschutz, Tiergesundheit und Tierschutz im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, seien auf jeden Euro angewiesen. Und wenn dann noch, wie derzeit, die Milchpreise in den Keller gingen, müssten einige Tierhalter um ihre Existenz fürchten. Das könne dazu führen, dass sie „in die Illegalität getrieben“ würden. Trotzdem könne man das nicht tolerieren.

Was tun? Mehr Kontrollen in den Schlachthöfen? Dafür, sagt Kühne, fehle oft das Personal. Deutschlandweit würden freiberuflich arbeitende Veterinäre eingesetzt, und es gebe ein großes Nachwuchsproblem: Die meisten Tiermedizinstudenten wollten gar nicht mehr in einem Schlachthof arbeiten. Kühne setzt beim Bemühen um mehr Tierschutz vor allem auf die von Niedersachsen angeschobene dauerhafte Videoüberwachung und auf regelmäßige Kontrolle der Betäubungstechniken.

Ermittlungen gegen Staatsanwälte abgelehnt

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück sieht keine Hinweise, dass ihre Kollegen von der Zentralstelle für Landwirtschaftsstrafsachen in Oldenburg bei Tierschutzverstößen zu nachlässig ermitteln. Es gebe keinen Anfangsverdacht, deshalb sei die Aufnahme von Ermittlungen abgelehnt worden, sagte ein Sprecher der Behörde in Osnabrück der Deutschen Presse-Agentur.

Die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz hatte Mitte April Anzeige erstattet. Sie warf der Zentralstelle für Landwirtschaftsstrafsachen bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg vor, die Misshandlung von Schlachtrindern in niedersächsischen Schlachtbetrieben schleppend aufzuklären. Dies sei ein Fall von Rechtsbeugung.

Die Soko Tierschutz teilte mit, man werde eine Beschwerde prüfen.

Das Deutsche Tierschutzbüro und die Soko Tierschutz hatten Missstände in vier Schlachthöfen in Niedersachsen aufgedeckt. Dort wurden Rinder, die eigentlich nicht geschlachtet werden dürften, misshandelt und getötet. Betroffen waren Betriebe in Laatzen, Oldenburg, Bad Iburg und zuletzt in Düdenbüttel bei Stade.

Gerade im Fall Bad Iburg werde nur gegen Mitarbeiter des Schlachthofs ermittelt, sagte der Vorsitzende der Soko Tierschutz, Friedrich Mülln. Die Tierspediteure und Landwirte blieben aber unbehelligt. „Von denen geht weiter täglich Gefahr für Tiere aus.“

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